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17. Mai 2002, 12:10 Uhr

Teuro-Debatte

Wie Boykott-Hans den Volksaufstand inszenierte

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Hans Eichel wollte sich mit seinem Boykottaufruf gegen die Euro-Preistreiber als Volkstribun darstellen. Das ist ein tolles Thema für den Wahlkampf, für den Finanzminister geht der Schuss nach hinten los.

DDP

Mit seinem Boykottaufruf zielte Hans Eichel auf den Nerv der Bundesbürger. Nach Meinung des Bundesfinanzministers hatte der Eisverkäufer an der Ecke mit der jüngsten Preiserhöhung all zu kräftig zugelangt. Statt ehemals 1,50 Mark kostet die Kugel jetzt ein Euro - eine durch nichts zu rechtfertigende Preissteigerung.

Das Echo ließ nicht lange auf sich warten. Aus allen Winkeln der Republik meldeten die Lokalzeitungen deftige Preiserhöhungen, egal ob es sich um die Geschmacksrichtung Walnuss, Erdbeer oder Stracciatella handelte. Die Redakteure des "Hamburger Abendblatts" zum Beispiel machten gleich mehrere Eisdielen in den vornehmen Stadtteilen Eppendorf und Winterhude als Zentren der Preistreiberei aus.

Fast scheint es, als habe Eichel einem neuen Volksaufstand angezettelt. Vor 120 Jahren schon hatten die Bäcker versucht, die Umstellung von Gulden auf Taler zu nutzen, um den Brotpreis von drei auf fünf Pfennige anzuheben. Unter dem Druck der Straße hatten sie schließlich klein beigeben müssen.

Beim Teuro-Aufstand geht es augenscheinlich um sehr viel mehr: um die Wurst (natürlich), um die Reinigung, um das Bier in der Kneipe, die Frisur und die Gebühren fürs Parkhaus. Überall fühlen sich die Bundesbürger gnadenlos über den Tisch gezogen.

Genau hier ruft Eichel sein "Boykott!" in die Menge. "Wahlkampfparolen" und "Stammtischpolitik" giften die Einzelhänder zurück.

Doch Eichel, der sonst gerne von Besonnenheit redet, hat schlicht ignoriert, dass der Handel seit Jahresbeginn wirklich nichts zu lachen hatte. Seit Einführung des Euro ist der Umsatz in den Geschäften nach Angaben der Verbandssprecher zwischen zehn (Elektronik) und sieben (Möbel und Schuhe) Prozent eingebrochen, in Einzelfällen sogar um satte 20 Prozent. Auch in den Gaststätten und Hotels bleiben Tische und Betten leer. Fachleute sagen bereits eine Pleitewelle voraus, von der bis zu 15.000 Unternehmen bedroht sind - samt der dazugehörigen Arbeitsplätze. Damit hat sich der Volkszorn auch ohne die Anregung des Bundesfinanzministers zu einem ernsthaften wirtschaftlichen Problem ausgewachsen. Immerhin trägt der private Verbrauch zu knapp 60 Prozent der Wirtschaftsleistung bei.

Der Bundesfinanzminister weiß natürlich, dass die kollektive Konsumverweigerung nicht allein auf hohe Preise zurückzuführen ist. Der jähe Wirtschaftsabschwung des vergangenen Jahres sitzt vielen noch in den Knochen. Fast im Monatstakt hatte Eichel selbst die einst üppigen Wachstumsprognosen nach unten korrigiert. Parallel dazu schrumpften die Zuversicht der Verbraucher, die Konsumneigung sowie der Wert der Aktiendepots in geradezu atemberaubenden Tempo. Die Ereignisse vom 11. September taten das Übrige. In solch unsicheren Zeiten hält man lieber zusammen, was man noch hat.

Eichel, der sonst so gerne über Zahlen redet, missachtet außerdem sträflich die Statistik. In Deutschland ist die Inflationsrate im April aufs Jahr gerechnet mit 1,6 Prozent auf ein Zwei-Jahres-Tief gefallen; gegenüber März stiegen die Preise durchschnittlich lediglich um 0,1 Prozent. Auch eine gemeinsame Studie von Bundesbank und Statistischem Bundesamt, in der 18.000 Artikel von der Schnittblume bis zur Zahnseide aufgelistet sind, kommt zu dem eindeutigen Schluss: Auf den Preisindex für die Lebenshaltung der privaten Haushalte hat die Euro-Einführung keinen nennenswerten Einfluss gehabt.

Zwar fällt sofort auf, wenn der Frisör mehr Geld verlangt oder Capuccino, Wein und Gurken mehr kosten. Allerdings sagen die Statistiker, dass ein Großteil der Preiserhöhungen auf Steuern und Abgaben zurückzuführen ist. Ausgaben, die niemand in Deutschland boykottieren kann, Ausgaben also, die vielmehr Hans Eichel zu verantworten hat.

Zudem können die Verbraucher längst nicht alles boykottieren, was ihnen als zu teuer erscheint. So etwa im Fall der Evangelischen Kirchengemeinde im nordrhein-westfälischen Velbert. Die nämlich erhöhte mit der Euro-Umstellung die Gebühren für die Grabpflege auf dem Friedhof an der Bahnhofstraße um satte 36 Prozent. Nach der Eichelschen Boykott-Logik gibt es für die Angehörigen nur eine Lösung: die verstorbenen Lieben umgehend umzubetten.

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