Textilbranche GAP-Näher schuften 60 Stunden pro Woche

Die US-Kleiderkette GAP bemüht sich, offen über die Arbeitsbedingungen ihrer Zulieferer in Niedriglohnländern aufzuklären. Nun legte sie einen "Verantwortlichkeitsbericht" mit frappierenden Zahlen vor - so verstießen mehr als 25 Prozent der chinesischen Lieferanten selbst gegen dortige Arbeitsgesetze.


Globalisierungskritiker demonstrieren gegen GAP: Zur Offenheit gezwungen
AP

Globalisierungskritiker demonstrieren gegen GAP: Zur Offenheit gezwungen

Hamburg - Die Zeitung "USA Today" nennt den GAP-Bericht einen "im Konzern-Amerika ungewöhnlichen Akt der Selbstkasteiung". Zum zweiten Mal legt die Kette, der neben den namensgebenden GAP-Läden auch die Marken Banana Republic und Old Navy gehören, Rechenschaft über die Arbeitsbedingungen bei ihren weltweiten Vertragspartnern ab.

92 Inspektoren haben im Auftrag des Unternehmens aus San Francisco insgesamt 2672 Textilfabriken in Ostasien, Nordafrika und an anderen Standorten weltweit untersucht. Die Ergebnisse: In hunderten Fabriken, die an GAP liefern, müssen die Angestellten extrem lange Schichten absolvieren oder verdienen nicht einmal den örtlich vorgeschriebenen Minimallohn.

GAP betont, man habe bei der Bekämpfung ausbeuterischer Zustände gewisse Fortschritte erzielt. Viele Zulieferer seien inzwischen für das Problem sensibilisiert und bemühten sich, Mindeststandards einzuhalten. Im Jahr 2004 hat die Kette laut eigenen Zahlen 70 Zulieferern gekündigt, weil es in deren Werken zu extremen Verstößen gegen Arbeitsrechte gekommen war. Das ist immerhin ein leichter Rückgang: 2003 hatte GAP noch 136 Lieferanten "aussortieren" müssen, weil die Bedingungen dort als untragbar eingestuft wurden. 15 Prozent der Textilfabriken, die sich bei GAP als potentielle Zulieferer bewarben, wurden wegen mangelnder Sozialstandards von vornherein abgelehnt.

Probleme in China und am Golf

Der "Social Responsibility Report" räumt gleichwohl eine Vielzahl von Verstößen ein. Besonders verbreitet waren sie in China, wo zuletzt immerhin 423 Fabriken mit der Anfertigung von GAP-Produkten betraut waren. Dort erfüllten den Angaben zufolge 25 bis 50 Prozent der Zulieferer nicht im vollen Maße die chinesischen Arbeitsgesetze. Zehn bis 25 Prozent zahlten ihren Arbeitern weniger als den Mindestlohn. GAP hat 2004 seine Verträge mit 18 chinesischen Textilfabriken gekündigt.

Textilfabrik in China: 18 Verträge aufgelöst
DPA

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In der Region um den Persischen Golf, in der es 29 GAP-Vertragspartner gibt, traten ebenfalls größere Probleme auf. So mussten die Arbeiter in mehr als der Hälfte der dortigen Fabriken Wochenarbeitszeiten von mehr als 60 Stunden erbringen. Aus Ägypten, Vietnam und Marokko wurden Fälle gemeldet, in denen Mitarbeiter Strafen zahlen mussten, wenn sie vor Ablauf ihrer Zeitverträge kündigten. GAP forderte diese Unternehmen auf, solche Verfahren einzustellen.

Menschenrechtler: Gut, aber nicht gut genug

"Ein helles Licht ist das beste Desinfektionsmittel" heißt es in dem 58-seitigen Bericht. GAP hofft, dass es für den Konzern zunehmend leichter wird, mangelhafte Zulieferer aufzuspüren und Maßnahmen gegen Mißbrauch einzuleiten. "Je offener und ehrlicher wir diese Bedingungen und Herausforderungen ansprechen, desto eher können wir dazu beitragen, sie zu lösen." Nachdem GAP vorangegangen ist und seinen ersten jährlichen Ethik-Bericht veröffentlichte, hat auch Nike mit der Arbeit an einer ähnlichen Untersuchung begonnen.

GAP räumte ein, dass der Konzern in bestimmten Fällen dazu beigetragen habe, die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern. So hätten kurzfristige Änderungen von Bestellungen dazu geführt, dass Vertragspartner im Ausland Überstunden anordneten. Solche "ineffizienten Einkaufspraktiken" wolle man künftig einstellen, so der Konzern.

Der US-Menschenrechtler Bob Jeffcott sagte der Nachrichtenagentur AP: "Die gute Nachricht ist, dass Firmen die Kurve bekommen und einräumen, dass da ein Problem besteht." Er kritisierte aber, dass die US-Unternehmen bisher die wichtigste Frage noch nicht angesprochen hätten: "Wie man diesen Zulieferern genug bezahlt, damit sie es sich leisten können, ihren Angestellten vernünftige Löhne zu zahlen."



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