Fotostrecke

Textilindustrie: Kambodscha statt Thailand

Foto: ? Sukree Sukplang / Reuters/ REUTERS

Textilindustrie in Asien Thailand? Viel zu teuer!

Thailand führt ab Januar 2013 einen Mindestlohn von 7,50 Euro ein - pro Tag. Viel zu hoch, schimpft ein Textilfabrikant und wandert mit seinen Werkshallen ins benachbarte Kambodscha ab. Hier arbeiten Näherinnen für 1,25 Euro. Ein Lehrstück über die dunklen Seiten der Globalisierung.
Von Freddy Surachai

Das nennt man wohl eine Traumkarriere. Thaveekij Jaturajaroenkhun hat es vom armen Dorfjungen zum Multimillionär und Herrn über 3700 Mitarbeiter geschafft. Seine Eltern bauten in der damals noch armen thailändischen Provinz Pathum Thani Gemüse an. Was sie nicht für sich und ihre Familie brauchten, verkauften sie, um zusätzlich ein paar Baht in die Haushaltskasse zu bringen.

"Ich bin vor der Armut zu Hause nach Bangkok geflohen", sagt Thaveekij rückblickend. "Ich war beseelt von dem Wunsch, es zu etwas zu bringen." Sein Lebensmotto stand für ihn bereits damals fest: "Es gibt nichts, was man nicht erreichen kann. Man muss es nur wollen."

Der Start des jungen Thai-Chinesen in der Metropole war schwer: Er nahm einen schlecht bezahlten Job in einer Textilfabrik an. Er nähte, schnitt zu, lieferte Waren aus, fegte die Halle. Diese harten Lehrjahre erwiesen sich für ihn als Glücksfall. "Wenn Sie mich heute fragen, kann ich mit Stolz sagen, dass ich praktisch einen Doktorgrad in der Textilherstellung erworben habe - nicht durch Bücherstudium, sondern durch Erfahrung", sagt er der "Bangkok Post" scherzhaft.

Nach zwölf langen, entbehrungsreichen Jahren wurde der schnauzbärtige Selfmademan zum Produktionsmanager befördert. Kurz darauf war es dann soweit: Thaveekij gründete seine eigene Firma - zwölf Mitarbeiter und sieben Nähmaschinen. Heute beschäftigt seine T.K.Garment in zwei Fabriken 3700 Mitarbeiter, meist Migranten, weil die noch billiger und noch genügsamer sind als Thais. Bis vor zehn Jahren hat T.K. Garment auch nach Europa exportiert. Doch dann konzentrierte sich Thaveekijs Unternehmen auf den thailändischen Markt, weil die Firma mit den Dumping-Preisen chinesischer Exporteure in Europa und den USA nicht mehr Schritt halten konnte.

"Ein Schock für die thailändische Industrie"

Nach 32 wirtschaftlich erfolgreichen Jahren sagt der Unternehmer nun seinem Heimatland ade und verlagert seine Betriebe ins benachbarte Kambodscha. Der Grund: Thailand führt zum 1. Januar einen gesetzlichen Mindestlohn von 300 Baht am Tag ein, umgerechnet sind das ca. 7,50 Euro. In Kambodscha muss Thaveekij seinen Näherinnen nur 51 Baht zahlen - etwa 1,25 Euro. Die thailändische Wirtschaft warnt - wie überall auf der Welt, wenn es um Mindestlöhne geht - vor einem "Schock", so sagt das Somsajee Siksamat von der Bank of Thailand. Die Preise würden steigen, viele ihren Job verlieren, die Inflation galoppieren. Doch die Regierung von Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra zeigt sich entschlossen, endlich eines ihrer wichtigsten Wahlversprechen umzusetzen.

Firmenchefs wie Thaveekij wollen nicht warten, wie sich die thailändische Wirtschaft entwickelt. Er rechnet kühl vor: "Die Investition in Kambodscha lohnt sich allein deshalb, weil die Mindestlöhne um ein Vielfaches niedriger sind als bei uns. Wir werden dadurch sogar gegenüber Ländern wie China wieder konkurrenzfähig." Und er werde die Produktion noch ausweiten: Von derzeit rund 500.000 auf eine Million Teile monatlich. 60 Prozent können dann nach Thaveekijs Kalkulation dank der geringen Stückkosten und der Zollfreiheit in Kambodscha zu Billigpreisen wieder in den Export gehen, nach Japan, in die USA, nach Europa, auch nach Deutschland.

Kambodscha, eines der Armenhäuser der Welt, gilt neben Ländern wie Pakistan und Bangladesch als Eldorado für Billigkleidung. Für die Wirtschaft des südostasiatischen Landes ist die Textilindustrie eine wichtige Stütze: Sie ist größter Arbeitgeber und fertigt 80 bis 90 Prozent aller Exportartikel. Jedes zehnte T-Shirt weltweit ist nach einer Schätzung der Friedrich-Ebert-Stiftung "made in Cambodia".

Rund 300.000 Arbeiter schuften in den Fabriken Kambodschas, zum überwiegenden Teil sind es Frauen zwischen 18 und 35 Jahren. Die Arbeitsbedingungen sind - wie in allen Billiglohnländern - unmenschlich. Ein gewerkschaftlich organisiertes "Volkstribunal" konstatierte im Februar: "Hier werden die niedrigsten Löhne im Vergleich zu allen Nachbarstaaten gezahlt." Die Arbeiterinnen würden "systematisch in die Armut gedrängt".

Weltweite Diskussion über Billiglöhne und Ausbeutung

Das monatliche Einkommen von rund 50 Euro reiche nicht einmal aus, um die Familien zu ernähren - obwohl die Arbeiterinnen zwölf Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche schuften und häufig Überstunden ableisten müssten. Immer wieder kommt es in den düsteren Fabriken zu rätselhaften Massenohnmachten: Im August 2011 wurden in der Provinz Kampong 300 Frauen ins Krankenhaus eingeliefert, die in einem Zulieferbetrieb für die Modekette H&M vor Hunger und Erschöpfung an ihrem Arbeitsplatz kollabiert waren. Insgesamt sollen von Juni 2010 bis Januar 2012 in den Textilfabriken Kambodschas 2400 Frauen ohnmächtig zusammengebrochen sein, weil sie am Ende ihrer Kräfte waren.

Wer sich gegen die Arbeitsbedingungen auflehnt, wird eingeschüchtert, entlassen, bedroht. Im Februar dieses Jahres wurde nach Angaben der kambodschanischen Menschenrechtsorganisation Licadho auf 1000 streikende Arbeiterinnen beim H&M-Zulieferer Kaoway Sports sogar gezielt geschossen. Drei Streikende seien durch Gewehrschüsse verwundet worden.

Thailands Textilkönig Thaveekij kümmern weder solche Berichte, noch die weltweite Diskussion über Billiglöhne und Ausbeutung in der Bekleidungsindustrie. Er hat vielmehr ausgerechnet, dass er mit nur 3000 Mitarbeitern in Kambodscha doppelt so viel produzieren kann wie mit 3700 Näherinnen in Thailand. Schon nach drei Jahren, so kalkuliert er, werde sich seine 150-Millionen-Baht-Investition amortisiert haben.

In Thailand "geht für unsere Branche die Sonne unter", prophezeit er. Kambodscha dagegen scheint für Asiens Unternehmer das neue Land der Morgenröte zu sein: Der kambodschanische Handelsminister Cham Prasidh jubelt, dass angesichts der profitmaximierten Rahmenbedingungen sogar chinesische Billigproduzenten beginnen, ins Königreich Kambodscha abzuwandern.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.