Neues Buch zur Euro-Krise Europa braucht den Sarrazin nicht

Erst schafft sich Deutschland ab, dann braucht Europa den Euro nicht: Dank geschickter Vermarktungsstrategie positioniert Thilo Sarrazin sein neues Buch bereits vor dem Verkaufsstart als Skandalbestseller. Aber steht auch was drin? "Europa braucht den Euro nicht" taugt nicht als Aufreger.
Thilo Sarrazin: Professioneller Provokateur

Thilo Sarrazin: Professioneller Provokateur

Foto: dapd

Es gibt Dinge, die tun echt weh. Aber wenn sie gemacht werden müssen, dann hilft alles nichts. Weisheitszähne ziehen lassen zum Beispiel. Oder Thilo Sarrazin verteidigen. Also bringen wir es hinter uns: Sarrazins neues Buch ist weniger schlimm als sein letztes. So, jetzt ist es raus.

Zwei Jahre nach "Deutschland schafft sich ab" hat Sarrazin ein neues Werk veröffentlicht. Es erscheint am Dienstag und Thema wie Titel lassen das Schlimmste befürchten. "Europa braucht den Euro nicht" handelt vom angeblichen Irrweg einer gemeinsamen europäischen Währung. Und scheint wie gemacht als Anschlusslektüre für die 1,5 Millionen Käufer von "Deutschland schafft sich ab". Für jenes herzensbildungsferne Pessimismus-Prekariat, das die Welt um sich herum vor allem als Bedrohung interpretiert.

In "Deutschland schafft sich ab" nahmen uns minderintelligente muslimische Zuwandererhorden unser Land weg. Wäre also nur logisch, wenn uns jetzt, in Sarrazin Band zwei, genetisch zur Faulheit bestimmte Südeuropäer auch noch unser Geld abschwatzten.

Pseudowissenschaftliche Schlussfolgerungen

Doch der ehemalige Berliner Sparsenator Sarrazin streicht seinen Affen die Zuckerration drastisch zusammen. Man muss schon richtig suchen, um im neuen Sarrazin-Buch die Aufregerstellen zu finden. Zum Beispiel jene bereits vorab durch alle Medien gejagte Passage, in der Sarrazin Euro-Bonds als letzte Stufe in der irregeleiteten deutschen Buße für den Holocaust deklariert. Das ist in dieser Überspitzung ziemlicher Stuss. Gibt im Kern aber auch nur wieder, was sich zu den Leitlinien deutscher Europapolitik in jedem Schulbuch finden lässt: Dass die deutsche Vorreiterrolle bei der Europäischen Einigung natürlich und zurecht auch aus der Verantwortung für Judenmord und Zweitem Weltkrieg herrührt.

Dann sind da noch einige Passagen, in denen Sarrazin in wechselnden Formulierungen "Kultur" und "Mentalität" der Südeuropäer für ihre unsoliden Staatshaushalte verantwortlich macht. Auch das ist natürlich aus Denkfaulheit gezeugter Quatsch. Aber Quatsch, der vermutlich von einem erheblichen Anteil der deutschen Bevölkerung geteilt wird. Das fällt allenfalls unter den erweiterten Provokationsbegriff, kein Vergleich zu Sarrazins vorherigem Buch.

In "Deutschland schafft sich ab" hatte sich der Volkswirt und Finanzpolitiker auf das unbekannte Terrain der Vererbungslehre vorgewagt - und sich prompt vergaloppiert zwischen oberflächlich interpretierten Studien, pseudowissenschaftlichen Schlussfolgerungen und dem apodiktischen Duktus des Überzeugungstäters. Beim Euro kennt sich Sarrazin besser aus und argumentiert nachdenklicher. Die Europäische Währungsunion ist für ihn ein einziges Desaster: Weil der Euro eingeführt wurde, bevor ein europäischer Bundesstaat mit gemeinsamer Finanzpolitik Wirklichkeit geworden war. Weil Länder wie Griechenland in den Euro aufgenommen worden seien, denen die notwendigen wirtschaftlichen Voraussetzungen fehlten. Und weil anschließend alle Versuche, die Eurostaaten zu mehr Haushaltsdisziplin zu zwingen, gescheitert seien.

Vor drei Jahren hätte das alarmistisch geklungen. Heute wirken Sarrazins Worte wie eine nüchterne Schadensmeldung nach der Kollision der HMS Europa mit dem Eisberg.

Aus dem unerfreulichen Status quo gibt es für Sarrazin zwei Auswege: Entweder die politische Union wird schleunigst eingeführt (was er ablehnt) oder aber die Währungsunion wandelt sich zu einem lockeren Geldverbund, in dem (wieder) zwei Grundregeln gelten: Hoch verschuldete Länder müssen ihre Zinslast selbst tragen - diese No-Bail-out-Politik bildet für Sarrazin die einzig wirksame Sanktion gegen unsolide Finanzpolitik. Und Staaten, deren Wirtschaft im Euro-Raum nicht mithalten kann, müssen die Währungsunion verlassen können, um über eine Abwertung ihrer Währung die eigene Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen. Was Sarrazin da skizziert, ist inzwischen fast schon eine Mainstreamposition unter liberal-konservativen Euro-Skeptikern. Auch hier: öffentliches Erregungspotential gleich null.

Übliche Versatzstücke des neokonservativen Stammtischs

Zumal sich Sarrazin explizit abgrenzt von noch radikaleren Forderungen. Wie etwa der Idee des ehemaligen BDI-Chefs Hans-Olaf Henkel, die Währungsunion in einen starken Nord-Euro und einen schwachen Süd-Euro zu teilen - die Grenze verliefe zwischen Deutschland und Frankreich. Sarrazin: "Es war ein schwerer Fehler, in der EU ohne politische Union eine gemeinsame Währung einzuführen. Es wäre aber jetzt ein Fehler, ohne äußerst zwingende Gründe die Währungsunion ausgerechnet an der Nahtstelle zwischen Deutschland und Frankreich wieder aufzutrennen."

Sarrazin hat sogar richtig hellsichtige Momente. Etwa wenn er Angela Merkels Satz "Scheitert der Euro, scheitert Europa" als ein Beispiel dafür seziert, wie mit unsauberen Begrifflichkeiten Politik gemacht wird.

Am schwächsten wiederum wirkt Sarrazin dort, wo eigentlich seine Kompetenz als Volkswirt liegen sollte: Beim sauberen Interpretieren von Statistiken. Es gehört zu Sarrazins Kernargumenten, dass der Euro dem deutschen Außenhandel nicht nennenswert geholfen hat. Er führt als zentralen Beleg an, dass seit dem Start der Währungsunion Deutschlands Handel mit Staaten außerhalb des Euroraums deutlich stärker gewachsen sei als mit Mitgliedern der Euro-Zone.

Ein klassischer statistischer Kurzschluss: der Zuwachs beim Handel außerhalb des Euro-Raums liegt vor allem am raschen Wirtschaftswachstum in Osteuropa und Asien. Das sagt nichts darüber aus, wie sich der Handel innerhalb der Euro-Zone ohne die Währungsunion entwickelt hätte.

Alles in allem passt zu Sarrazins Buch das Attribut, das sich der Schriftsteller Douglas Adams ("Per Anhalter durch die Galaxis") einst für die Erde einfallen ließ: "Größtenteils harmlos". Das ist mehr, als man von Sarrazins letztem Buch behaupten kann - und erst recht von den meisten Operationen am Weisheitszahn.