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13. Oktober 2014, 11:26 Uhr

Deutsche-Bank-Aussteiger Thomas Mayer

Top-Banker kämpft gegen das Geldsystem

Von , Köln

Thomas Mayer war mittendrin im Finanzsystem, als er an ihm zu zweifeln begann. Er verlor seinen Job als Chefvolkswirt der Deutschen Bank und schrieb ein Buch. Darin fordert er eine neue Geldordnung: Sie soll die Banken entmachten.

Wer Thomas Mayer in diesen Tagen besucht, trifft auf einen entspannten Menschen. Er ist jetzt raus aus dieser Welt, die ihm zuletzt immer fremder vorkam. Statt auf die Bankentürme in Frankfurt blickt er nun aus der Glasfront seines Büros direkt auf den Kölner Dom. Davor fließt ruhig der Rhein.

Mayer hat eine rasante Verwandlung hinter sich: Von einem führenden Protagonisten des Finanzsystems zu einem seiner größten Kritiker. Mit 60 Jahren hat er alles, woran er bis dahin glaubte, über den Haufen geworfen. Nun ist er überzeugt: Die Geldordnung, auf der unser gesamtes Wirtschaftssystem basiert, ist zum Scheitern verurteilt. Wir brauchen ein neues System - eines, das die Banken entmachtet.

Wie konnte das passieren?

Äußerlich passte Mayer noch nie so recht in die geschniegelte Bankenwelt: Die Haare dünn und blond, der Bart wild und rot, die Anzüge immer ein bisschen zu groß für den schmächtigen Körper. Und doch hat er dort 30 Jahre lang Karriere gemacht. Er arbeitete für den Internationalen Währungsfonds (IWF), bei der US-Investmentbank Goldman Sachs und bei der Deutschen Bank. Er nutzte die mathematischen Modelle und ökonomischen Glaubenssätze, die er gelernt hatte: Der Markt ist effizient, die Menschen handeln rational, und am Ende kommt alles schon wieder ins Gleichgewicht.

Im Jahr 2010 stieg Mayer bei der Deutschen Bank zum Chefvolkswirt auf, einer der renommiertesten Posten des Hauses. Doch da nagten längst die Zweifel an ihm.

Drei Jahre zuvor war die Finanzkrise über die Welt hereingebrochen - ausgelöst durch ein Schuldeninferno, unter dessen Folgen die großen Volkswirtschaften heute noch immer leiden. Große Banken gerieten ins Wanken. Thomas Mayer saß in seinem Frankfurter Büro und begann, nach neuen Antworten zu suchen. "Je mehr ich mich damit beschäftigte", erzählt er, "desto klarer wurde mir, dass das ein Problem im System ist."

"Das ist ein bisschen wie bei George W. Bush"

Mayer wurde unbequem. In der Eurokrise forderte er als einer der Ersten einen Schuldenschnitt für Griechenland. "Da sind einige Deutschbanker im Dreieck gesprungen, weil sie vielleicht gerade eine Griechenanleihe an den Markt bringen wollten", erzählt er und lacht. Später schlug er vor, die Griechen sollten eine Parallelwährung zum Euro einführen, den "Geuro". Auch das stieß nicht bei allen im Konzern auf Begeisterung.

Als Josef Ackermann 2012 als Deutsche-Bank-Chef abtrat und seine Nachfolger Anshu Jain und Jürgen Fitschen übernahmen, war kein Platz mehr für den sperrigen Chefvolkswirt Mayer. Offiziell blieb er noch zwei Jahre lang Berater. Ende Juni 2014 war dann endgültig Schluss. Seitdem ist Mayer in Köln und baut dort eine neue Denkfabrik beim Vermögensverwalter Flossbach von Storch auf. Die Inhaber sind zwei alte Freunde aus seiner Zeit bei Goldman Sachs - sie wollen ihm alle Freiheiten lassen.

Schon bei der Deutschen Bank hatte Mayer begonnen, an einem Buch zu arbeiten. In diesen Tagen erscheint es: "Die neue Ordnung des Geldes - Warum wir eine Geldreform brauchen". Darin rechnet der ehemalige Deutschbanker nicht nur mit der Zunft der Ökonomen ab, er entwirft auch einen Plan für eine radikal neue Finanzordnung.

Im aktuellen System sind es vor allem die Banken, die neues Geld aus dem Nichts in die Welt bringen. Sie tun dies, indem sie Kredite vergeben. Und wenn sie dabei an Grenzen kommen, helfen ihnen die Zentralbanken aus. Im Endeffekt kann die Geldmenge so immer weiter steigen - für Mayer die Grundlage aller Finanzkrisen.

Das viele Geld führt demnach dazu, dass die Preise zu schnell steigen. Es bilden sich Preisblasen, die irgendwann platzen und zwangsläufig Krisen nach sich ziehen. Doch die Staaten und Notenbanken lassen diese Krisen nicht zu. Sie greifen ein und stützen die Wirtschaft mit noch mehr billigem Geld. So verzerren sie die Marktpreise und schaffen neue Preisblasen - ein hochgradig instabiles System.

In genau so einer Situation befindet sich die Wirtschaft derzeit, meint Mayer: "Wir haben die erste Runde der Krise bekämpft, aber wir kommen nicht mehr raus aus der Politik des billigen Geldes."

"Die Märkte sind nicht effizient"

Mayers Analyse ist im Grundsatz nicht neu. Sie basiert auf einer radikalliberalen Denkrichtung der Wirtschaftswissenschaften, der sogenannten "Österreichischen Schule der Nationalökonomie", begründet von Ludwig von Mises, weitergeführt vom Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek. Die Anhänger dieser Denkschule kritisieren vor allem die ungebremste Kreditgeldschöpfung durch Banken und Notenbanken, lizensiert vom Staat. Statt ständig ungedeckt neues Geld zu schaffen, müsse die Geldmenge begrenzt werden, fordern sie. Am besten, indem man sie an die vorhandenen Goldvorräte koppelt. Alles Geld müsse jederzeit in Gold umgetauscht werden können.

Mayer hält das für unnötig. Gold ist für ihn ein "barbarischer Rohstoff", der im Modell der Österreichischen Schule eigentlich nur als Ersatz für das nötige Vertrauen der Bürger in eine Währung fungiere. Dennoch müsse die Geldmenge natürlich begrenzt werden. Den Banken und Staaten will Mayer deshalb jeden Zugriff auf die Schöpfung neuen Geldes entziehen. Er spricht von einem "Aktivgeldsystem".

In der akademischen Welt sind die Anhänger der Österreichischen Schule krasse Außenseiter. Das hat auch Mayer schon zu spüren bekommen, seit er sich vom Mainstream losgesagt hat. "Wenn man eine Kritik äußert, die das System selbst betrifft, dann schauen die einen an, als hätte man sich danebenbenommen", berichtet er. In der Bankenwelt gebe es aber schon ein paar mehr Menschen, die so dächten wie er, meint Mayer. "Wenn Sie längere Zeit im Finanzmarkt tätig sind, merken Sie: Das funktioniert alles nicht. Die Märkte sind nicht effizient. Die Modelle aus den Lehrbüchern versagen."

Mayer will deshalb Schritt für Schritt weg vom aktuellen Geldsystem. Dass sein Modell in der Praxis derzeit keine allzu großen Chancen hat, ist ihm klar. Das könne sich aber schon bald ändern, denn die nächste Krise komme bestimmt, "und dann sind Chancen schon mal größer".

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