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28. Juli 2002, 19:02 Uhr

Thomas Middelhoff

Eine Bilderbuch-Karriere

Frankfurt/Main - Thomas Middelhoff ist erst 49 Jahre alt und hat bereits eine Karriere hinter sich, die ihresgleichen sucht. Raketengleich stieg er binnen weniger Jahre im Gütersloher Bertelsmann-Konzern auf, und seit 1998 steht er an der Spitze des Unternehmens. Vor allem sein Werk war es, die Bertelsmann AG zu einem Global Player auszubauen und zugleich mit Umsicht durch unruhige Zeiten zu steuern. Middelhoff, der seit dem Wochenende als neuer Chef der Deutschen Telekom AG im Gespräch ist, gilt schon jetzt als einer der Großen unter den deutschen Spitzenmanagern.

Am 11. Mai 1953 in Düsseldorf geboren, wuchs Middelhoff in eine Unternehmerfamilie hinein, die in der Textilbranche tätig war. Schon früh lernte der Betriebs- und Volkswirt, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen: Parallel zu einer wissenschaftlichen Assistenz an der Universität Münster baute der Endzwanziger für das väterliche Unternehmen einen Produktionsbetrieb in Griechenland auf.

1986 wurde der damals 33-Jährige als Assistent der Geschäftsführung der Mohndruck Grafische Betriebe GmbH in Gütersloh Mitarbeiter im Bertelsmann-Konzern. Schon damals wurde man in der Vorstandsetage auf den jungen Middelhoff aufmerksam. Er sei schon in jenen Jahren der Führungsreserve des Konzerns zugerechnet worden, heißt es.

Middelhoff rechtfertigte das in ihn gesetzte Vertrauen. Er sanierte die zum Konzern gehörende Berliner Elsnerdruck GmbH und rückte vier Jahre später 41-jährig in den Konzernvorstand der Bertelsmann AG auf. Dort übernahm er die Leitung der zentralen Unternehmensentwicklung sowie die Koordination der Multimedia-Geschäfte des Unternehmens.

Bald schon hatte Middelhoff maßgeblichen Anteil an der strategischen Planung des Konzerns und betrieb eine zunehmende Internationalisierung des Geschäfts sowie - gegen zum Teil erhebliche interne Widerstände - eine Verstärkung der Aktivitäten im Bereich der elektronischen Unterhaltung. Insbesondere förderte er die neuen Online-Dienste und errichtete eine strategische Allianz mit dem amerikanischen Marktführer America Online (AOL).

Die vorläufige Krönung der Bilderbuchkarriere war im Juli 1997 die Berufung des 44-Jährigen zum Nachfolger des Vorstandsvorsitzenden Mark Wössner, den er schließlich im Oktober des darauf folgenden Jahres beerbte. Bereits Wössner hatte die Bertelsmann AG strategisch neu ausgerichtet und zu einer ersten Adresse im internationalen Multimediageschäft formiert. Middelhoff setzte diese Unternehmenspolitik konsequent fort, entwickelte dabei aber auch ein feines Gespür, Fehlinvestitionen zu vermeiden.

Zurückhaltung im Pay-TV-Geschäft

Von Anfang an stand er beispielsweise der von seinem Vorgänger eingeleiteten Zusammenarbeit mit Leo Kirch Pay-TV skeptisch gegenüber und bezweifelte vor allem die Zukunftsfähigkeit des Premiere-d-box-Decoders. Lange vor der Kirch-Pleite verkaufte Middelhoff die meisten Bertelsmann-Anteile an Kirchs Pay-TV für 810 Millionen Euro an die Kirch-Gruppe und überließ dieser das zweifelhafte Monopol am deutschen Bezahlfernsehen.

Zu Middelhoffs weiteren Coups gehören die Übernahme der amerikanischen Verlagsgruppe Random House - heute ist Bertelsmann weltweit die Nummer eins auf dem Buchmarkt -, und ein breiter Einstieg ins Internet-Geschäft mit vielfältigen, freilich auch risikobehafteten Aktivitäten, wie sich beim Einbruch am Neuen Markt herausstellte. Doch der vom "Hamburger Abendblatt" einmal als kreatives und ein wenig draufgängerisches Kommunikationstalent bezeichnete Manager steuerte das schwere Bertelsmann-Schiff bis heute einigermaßen unbeschadet durch die Krise.

Im Rumpfgeschäftsjahr verringerten sich die Netto-Finanzschulden der Bertelsmann AG von 1,91 Milliarden Euro auf 422 Millionen Euro und die Internet-Anlaufverluste, die 2000/01 mit 866 Millionen Euro einen Höhepunkt erreicht hatten, wurden deutlich reduziert. Schließlich trennte sich Middelhoff von Anteilen an AOL, bevor Hiobsbotschaften aus den USA den Aktienkurs drückten: 6,8 Milliarden Dollar flossen in die Kassen des Bertelsmann-Konzerns. Insgesamt sparten die Gütersloher rund zehn Milliarden Dollar durch ihren Ausstieg aus Internet-Geschäften, die sich später als unprofitabel erweisen sollten.

Anselm Bengeser

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