ThyssenKrupp Abschied von den Mullahs

Um sein Amerika-Geschäft nicht zu gefährden, hat der ThyssenKrupp-Konzern einen seiner wichtigsten und großzügigsten Investoren verprellt. Der Iran, in den USA als "Schurkenstaat" geführt, hat künftig keine Gelegenheit mehr, die Geschicke des Konzerns zu beeinflussen.


ThyssenKrupp-Stahlwerk in Duisburg: Beachtliche wirtschaftliche Nachteile befürchtet
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ThyssenKrupp-Stahlwerk in Duisburg: Beachtliche wirtschaftliche Nachteile befürchtet

Bochum - Nach 20 Dienstjahren ist eine Demission nichts ungewöhnliches, zumal Mohamad-Mehdi Navab-Motlagh nicht der einzige ist, der den Aufsichtsrat des Düsseldorfer ThyssenKrupp-Konzerns verlässt. Doch der Iraner geht nicht wirklich freiwillig. Ein kleiner Paragraph im amerikanischen Handelsgesetz zwingt ihn dazu. Unternehmen, die engere Handelsbeziehungen zu Schurkenstaaten unterhalten, haben mit Sanktionen zu rechnen, heißt es dort sinngemäß - Aufsichtsratschef Gerhard Cromme befürchtete "beachtliche wirtschaftliche Nachteile", Navab-Motlagh kam einem Rausschmiss zuvor.

Die Personalie wird zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt bekannt. Erst vor wenigen Tagen hatte das US-Magazin "New Yorker" berichtet, dass US-Geheimdienste Angriffsziele im Iran ausspähten, US-Präsident George W. Bush hatte einen Militärschlag gegen das Mullah-Regime nicht ausgeschlossen. Die Verbindung des Stahlkonzerns zu dem Gottesstaat stört die US-Behörden aber schon sehr viel länger.

Schon 2003 hatte Washington gedroht, den Konzern von Neugeschäften im Lande auszuschließen, sollte die Beteiligung des Iran nicht bald unter fünf Prozent sinken und Navab-Motlagh nicht aus dem Aufsichtsrat ausscheiden. ThyssenKrupp hatte deshalb von den Mullahs 16,9 Millionen eigene Aktien zurückgekauft und damit ihren Anteil von 7,8 Prozent auf 4,5 Prozent gesenkt.

Der Preis dafür war allerdings hoch. Insgesamt musste ThyssenKrupp dafür rund 406 Millionen Euro bezahlen, also pro Aktie etwas mehr als 24 Euro - ein beträchtlicher Aufschlag gegenüber dem Kurswert, der im vergangenen Jahr zwischen 13 und 18 Euro schwankte.

Als Nachfolger von Navab-Motlagh steht jetzt ein Professor aus Shanghai auf der Liste. Wan Gong ist Professor für Fahrzeugtechnik der Tongji-Universität. Von seinen Kontakten verspricht sich der Konzernvorstand viel. Schließlich steht bald die Entscheidung für die zweite Transrapid-Strecke zwischen Shanghai und Hangzhou an. ThyssenKrupp und Konzernchef Ulrich Middelmann sind eng mit der Tongji-Universität verbunden: Middelmann ist dort Ehrendoktor, der Konzern sponsert Lehrstühle.

Mit dem Ausscheiden Navab-Motlaghs aus dem Aufsichtsgremium ist das enge Verhältnis zwischen Iran und Krupp zu Ende. Mittelfristig rechnet man im Konzern jetzt mit einer Beendigung des Engagements des Irans. Die Ökonomen im Gottesstaat werden dem Investment nicht nachtrauern. Denn insgesamt betrachtet hat sich das Engagement des Iran bei dem Stahlkonzern nicht gelohnt. Mehr als eine Milliarde DM hatte Teheran in zwei schweren Krisen 1974 und 1977 zunächst in den Teilkonzern Krupp Stahl und dann in die Fried Krupp GmbH investiert und dafür eine Beteiligung von 24,9 Prozent erhalten. Eine Dividende jedoch gab es nie.

Das gesamte Aktien-Paket, das im Zuge der Fusion zunächst mit Hoesch und dann mit Thyssen auf 7,8 Prozent zusammengeschmolzen ist, wäre selbst wenn man den hohen Rückkaufpreis von ThyssenKrupp zu Grunde legt, kaum eine Milliarde Euro wert.



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