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BÖRSE »Tobende Dummköpfe«

Kleinanleger haben die Standleitung zur Börse entdeckt, Daytrading kommt auch in Deutschland in Mode. Die neuen Zocker handeln in Sekunden - die Risiken sind gewaltig.
aus DER SPIEGEL 8/1999

Waschen, legen und fönen sind für Christa Vergangenheit. Nach 30 Berufsjahren quittierte die Friseuse Christa Toulemonde-Miserra ("Mein zweiter Name kommt vom ersten Mann, der erste vom zweiten") den Dienst in einem Berliner Friseursalon.

Statt mit Kamm und Schere hantiert die 52jährige jetzt mit dem Bund-Future. Was das genau ist, weiß sie eigentlich kaum. Nur eins interessiert sie: Gehen die Kurse runter oder rauf?

Schwarze Hose, dunkler Rolli, kurze Haare: Frau Toulemonde konzentriert sich aufs Wesentliche. Am Bildschirm sind das die Charts, Unterstützungslinien, rote und grüne Zahlen. Von 8 bis 19 Uhr folgt sie schweigsam den drei, vier Kennziffern. Kein Broker, kein Telefon, keine Termine. »Ich finde das angenehm«, sagt sie, die das ewige Geplauder mit ihren Kunden satt hatte und nun endlich »ohne große Mühe« Geld verdienen will.

1000 Mark hat sie gleich an ihrem ersten Handelstag gewonnen, nur leider ist ihr, trotz großer Mühe, das Geld am nächsten Tag schon wieder zerronnen. Nach zwei Wochen und ein paar schlechten Ta-

* Christa Toulemonde-Miserra, Dieter Hemken und ein Börsentrainer (hinten).

gen verdient sie jetzt, laut eigener Aussage, täglich 1000 bis 2000 Mark; »ich bin überglücklich«, sagt sie.

Die Berlinerin gehört zu einer neuen Generation von Anlegern, die an der Börse handeln wie die Profis - sekundenschnell reagieren sie auf kleinste Schwankungen. Egal ob runter oder rauf, sie versuchen, dem Trend zu folgen und in Minutenschnelle Kasse zu machen.

»Daytrader« heißen solche Leute in den USA. Sie haben sich unabhängig gemacht von ihren Brokern und Anlageberatern, profitieren lieber selbst von den raschen Sprüngen der Märkte. Selten halten sie ein Investment länger als Minuten, mal eine Stunde, niemals über Nacht. In eigens für sie eingerichteten Handelscentern versammeln sich die Zocker, verfolgen in Echtzeit die Kurse und gehen per Mausklick in den Markt.

Am liebsten handeln die Daytrader mit Futures und Optionen, also Wetten auf die künftige Entwicklung bestimmter Märkte oder Aktien. Kleiner Einsatz und große Hebelwirkung bestimmen das hochriskante Geschäft. An der New Yorker High-Tech-Börse Nasdaq werden schon 15 Prozent des US-Marktes durch Daytrader bewegt.

Die schnellen Geschäfte waren deutschen Kleinanlegern bisher verwehrt. Mit zeitverzögerten Kursen und horrenden Gebühren versperrten die Banken den direkten Zugang zur Börse.

Nun wollen noch bis zum Sommer viele Direktbanken den Echtzeithandel übers Internet ermöglichen. Der Discount-Broker Consors und Fimatex, eine Tochter der französischen Großbank Société Générale, sind schon vorgeprescht. Auch über den Systemanbieter Interactive Brokers, der mit dem Frankfurter Finanzdienstleister Carl Kliem zusammenarbeitet, ist der Direkthandel möglich. Allein bei Consors sind zehn Prozent der rund 100 000 Kunden als Daytrader tätig.

Auch die ersten Handelsräume sind bereits am Start. Rafael Müller, 33, hat sein Berliner Trading-Center im November eröffnet - nachdem er im SPIEGEL über Daytrader in den USA (15/1998) gelesen hatte. Seine erste Kundin: Christa Toulemonde - in Müllers Momentum Trading House AG handelt sie ihren Bund-Future.

1300 Mark zahlt die ehemalige Friseurin für ihren Arbeitsplatz im Monat, dafür ist sie per Computer und Internet direkt an die Börse angeschlossen. Ein Glaskasten in Garagengröße auf einem Büroflur im Berliner Ludwig-Erhard-Haus dient als Handelsraum. 8 Arbeitsplätze, 24 Monitore, TV-Geräte mit Börsennews auf 30 Quadratmetern - das reicht schon, um die Privatzocker mit denen gleichzustellen, die ein paar Stockwerke tiefer im selben Gebäude ein Geschäft der Vergangenheit betreiben: die Händler der Regionalbörse Berlin.

Oben im Trading-Center wächst den Etablierten eine bisher noch bescheidene Konkurrenz heran. Dieter Hemken etwa handelt seit drei Monaten zur Probe am Bildschirm; von April an will er seinen Lebensunterhalt damit verdienen. In seinem Zahntechnikerjob sah der 36jährige keine Zukunft mehr - »wegen der ständigen Gesundheitsreformen«, sagt er.

Stefan, 25, wollte schneller ran ans große Geld. Der Student und sein Kumpel, ein Schichtarbeiter, haben sich 50 000 Mark zusammengeliehen. Schon am ersten Tag im Handelsraum planten sie den Kaltstart. Die beiden wurden vom Leiter des Centers erst mal zur Trockenübung verpflichtet. An einer Bauchlandung kann der Betreiber des Handelsraums kein Interesse haben.

Das Vorbild Amerika hat den Firmengründer fasziniert. »Rafael S. Müller« steht oben auf seiner Visitenkarte, »Chairman, C.E.O.« gleich darunter. Noch als Jurastudent war Müller den Profis der Investmentbank Merrill Lynch aufgefallen, so erfolgreich, sagt er, habe er sein Vermögen verwaltet. Die Banker engagierten ihn als Händler, Müller brach sein Studium ab.

Mit seiner Firma arbeitet »Chairman, C.E.O.« jetzt wieder auf eigene Rechnung. Einen zweiten Handelsraum in Berlin hat er gerade hinzugemietet, bald eröffnet eine Filiale in Hamburg.

Noch verdient Müller mehr durchs eigene Zocken als durch die Platzmiete der Daytrader. Doch seine Pläne sind gewaltig. Für den Herbst plant der Firmengründer einen Handelsraum auf Mallorca, »da lebt unsere Zielgruppe«, sagt er. Filialleiter dort soll ein Berliner Tankstellenpächter werden. Der hat vom Spritgeschäft genug, handelt jetzt schon in Müllers Center und will im Spätsommer nach Mallorca übersiedeln. Gelangweilte Finca-Bewohner können dann bei ihm auftanken: Es locken Nervenkitzel und Gewinnchancen.

Wer lieber in Deutschland Profi spielt, den wollen Müller und seine Kollegin Melanie Epp bald ganz real aufs Berliner Börsenparkett schicken. Mit dort zugelassenen Brokern verhandelt der Firmenchef derzeit schon um Handelsplätze direkt am Parkettring. »Die Präsenzbörse stirbt sowieso aus«, weiß der Ex-Banker, »da können wir einspringen und unseren Kunden vorher noch mal die alte Börsenatmosphäre verkaufen.«

Von Nostalgie will sein Konkurrent Marco Sibillino nichts wissen. Mit seiner Unity Finance AG hat sich der 35jährige mit seinem Bruder Christian im vorigen Sommer auf einer nüchternen Büroetage nahe Karlsruhe niedergelassen - im Business Center Ettlingen, direkt an der A5.

Über hundert Kunden konnte er seither akquirieren, viele von ihnen haben monatelang in Sibillinos Trading-Center geübt, bevor sie ihr System zu Hause aufbauten. So wie Andreas Keller aus Waiblingen bei Stuttgart, den sein Job als Groß- und Einzelhandelskaufmann für Ziegel und Dachpappen schon mit 23 Jahren mächtig langweilte. Also gründete er einen eigenen Dachdeckerbetrieb.

Fünf Jahre später ist Keller wieder nicht ausgelastet, vor allem im Winter. Dax statt

Dachrinnen heißt daher sein neues Motto. Damit er das Futuregeschäft besser versteht, nahm sich Keller eigens für sechs Monate eine Wohnung in Karlsruhe, um bei Unity Finance zu trainieren.

In Zukunft würden Handelsräume wie in den USA auch hier »wie Pilze aus dem Boden schießen«, prophezeit Sibillino. Der Bedarf an Beratung, Gemeinschaft und Informationsaustausch bei jungen Tradern sei enorm. Andreas Keller zum Beispiel könnte einiges weitergeben - nachdem er in seiner ersten Handelswoche gleich 30 000 Mark verspielt hat.

Dabei mangelt es dem Nachwuchsspekulanten nicht an theoretischen Kenntnissen. Mit der Fünf-Wellen-Theorie nach Elliott etwa oder mit der Kopf-Schulter-Formation, glaubt Keller, sei zu berechnen, wie sich ein Trend verhält.

Beliebt bei Zockern sind auch »candlesticks": Mit den Kerzencharts, weiß Keller, wurden schon vor 200 Jahren die Reispreise ermittelt. Neuzeitliche Kerzen auf seinem Bildschirm zeigen Anfangs- und Schlußkurs sowie Höchst- und Tiefststand eines Wertes für den Zeitraum von nur einer Minute. Den meisten Tradern reichen die paar Charts. Börsennews und -gerüchte interessieren sie nicht. Sie haben den Tagestrend im Auge und spekulieren auf die nächsten Minuten. Steigen die Umsät-

* Links: mit Bruder Christian (r.); rechts: mit Kollegin Melanie Epp.

ze eines Wertes, werden sie sofort aktiv. Manche Daytrader schwören auf den Ross-Haken. Dessen Erfinder, Joe Ross, kann für seine Methode zwar auch keine Garantie geben. Aber eines weiß der Ratgeberautor ganz sicher: »Scharfsinnige Geschäftsmänner«, schreibt Ross, würden an den Futuresbörsen zu »kopflosen Spielern«, besonnene Manager handelten wie »hysterische und tobende Dummköpfe«.

Nur 40 Prozent der schnellen Händler sind nach einem Jahr noch am Markt, berichtet die Daytrading-Firma All-Tech aus den USA; gerade mal einer von zehn kommt durch, glaubt man amerikanischen Börsenexperten. Schon schlägt die US-Börsenaufsicht Alarm, etwa wenn Anbieter allzu leichtfertig werben, das Trading sei »das beste Entertainment seit Einführung des Fernsehens«.

Die Tagesspekulanten in den USA freilich lassen sich von solchen Mahnungen nicht bremsen. Gigantische Kurssprünge, wie bei den Internet-Aktien, gehen zu großen Teilen auf sie zurück. Schon ein Viertel aller Aktien-Orders in den USA, so die Schätzung der Börsenaufsicht, läuft online. Niemals seit den zwanziger Jahren, schreibt die »Financial Times«, »waren Aktionäre so besessen, im Markt mitzumischen«.

Mit der neuen Börseneuphorie kehrt auch die Dekadenz der achtziger Jahre zurück, als Buchautor Tom Wolfe in seinem Wall-Street-Bestseller »Fegefeuer der Eitelkeiten« die Angebersitten der Finanzgemeinde enthüllte.

So ein bißchen wollen sich auch die neuen Spekulanten als »Master of the Universe« fühlen. Deshalb hat der Chef des Berliner Centers in seinem Händlerraum auch einen dicken roten amerikanischen Kühlschrank plaziert - gefüllt mit Champagner, Cola und Zigarren.

FRANK HORNIG

[Grafiktext]

So funktioniert das Daytrading Trading Center Die Betreiber stellen die technische Ausstattung zur Verfügung Über ein Börseninformationssystem unterrichtet sich der private Händler via Internet ohne Zeitverzögerung über weltweite Marktdaten. Ein Handelsprogramm übermittelt die Order über das Internet direkt an die Börsen. Börse Dank der speziellen Handels-Software wer- den die Order an den Börsen sekunden- schnell ausge- führt. Bank Kauf oder Verkauf werden nachträglich im Wertpa- pierdepot des Daytraders verbucht.

[GrafiktextEnde]

* Christa Toulemonde-Miserra, Dieter Hemken und einBörsentrainer (hinten).* Links: mit Bruder Christian (r.); rechts: mit KolleginMelanie Epp.

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