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Tod auf der E 55

VW-Ermittler untersuchen den merkwürdigen Unfall des Skoda-Chefs Ludvíg Kalma.
Von Helmar Büchel
aus DER SPIEGEL 8/1997

Budweis am 24. November 1996: Ludvík Kalma steigt zufrieden in einen Testwagen vom Typ Octavia, dem neuen Modell der VW-Tochter Skoda. Der Chef des Unternehmens hat soeben in der Budweiser Sporthalle das Tennismatch gegen einen Freund gewonnen.

Die Schnellstraße ins 125 Kilometer entfernte Prag ist nur wenig befahren, wie an jedem Sonntagabend. Am rechten Straßenrand tauchen die Lichter eines Wohnhauses auf. Das sind die letzten Bilder, die der 55jährige noch wahrnehmen kann. Kurz darauf ist der Top-Manager tot.

Auf der Schnellstraße steht ein Sattelzug quer. Trotz ABS und Rallyepraxis hat Kalma keine Chance, zu bremsen. Sein Wagen bohrt sich unter den mit Holz beladenen Anhänger. Der Octavia ist zerquetscht bis hinter den Fahrersitz.

Für die örtliche Polizei ist der Fall reine Routine: Der Octavia ist sehr schnell gefahren, der Sattelzug aufgrund eines Bremsdefekts liegengeblieben. Die Ermittlungsakte wird zügig geschlossen - ein Unfall von vielen auf der E 55.

Für den VW-Chefermittler Dieter Langendörfer ist der Unfall die Folge unglaublich vieler Zufälle, die in zufällig ganz präziser Reihenfolge zu diesem Todesfall führten. Er prüft, ob es sich nicht möglicherweise um ein raffiniert getarntes Attentat handelt. Denkbares Motiv: Skoda-Chef Kalma soll Korruptionsfällen bei Skoda auf der Spur gewesen sein.

Viele Umstände des Todesfalles machen Langendörfer argwöhnisch. Der in Italien zugelassene Sattelschlepper hätte zur Unfallzeit gar nicht an diesem Ort sein dürfen. Auf der E 55 herrscht für schwere Lkw absolutes Sonntagsfahrverbot.

Der tschechische Lkw-Fahrer gibt an, daß die Bremsen des Sattelzuges schlagartig blockiert hätten - ausgerechnet auf der Kreuzung. Der Laster kam in einer Position zum Stehen, in der Kalma weder die Frontscheinwerfer, noch die Rücklichter des Lkw sehen konnte.

Statt mit der Warnleuchte zunächst den liegengebliebenen Lkw für den herannahenden Verkehr erkennbar zu machen, lief der Lkw-Chauffeur zunächst auf die abgewandte Seite des Führerhauses, um - wie er sagt - Bremsen von Hand zu lösen. Ein zeitraubendes und in diesem Fall erfolgloses Verfahren.

Die Polizei stellte zwar zunächst den Octavia sicher, der Sattelzug der italienisch-tschechischen Spedition jedoch wurde von ebendieser Firma auf den eigenen Betriebshof gebracht und dort erst 16 Stunden später von einem Gutachter untersucht - genügend Zeit für Manipulationen. Der Octavia wurde bereits am folgenden Tag von der Polizei freigegeben und von Skoda sofort abgeholt.

Die Polizei hat einseitig in Richtung Unfall ermittelt, einen Anschlag nie in Betracht gezogen. Ablauf und Zeitangaben im Bericht stimmen nicht mit den Beobachtungen von Zeugen überein. Von etwa einem Dutzend Menschen, die sich unmittelbar nach dem Zusammenstoß an der »Unfallstelle« aufhielten, haben die Beamten lediglich die Daten einer Person festgehalten. Alle anderen Zeugen wurden nicht befragt.

Die Planung eines finalen Zusammenstoßes wäre im Fall Kalma ein Kinderspiel. Der Ablauf von Kalmas Wochenenden und seine sonntägliche Fahrtstrecke waren seit Jahren unverändert und für einen großen Personenkreis kalkulierbar.

Wie jeden Sonntag gegen 19 Uhr verließ Kalma die Sporthalle in Budweis. Der Scania-Sattelzug fuhr an diesem Abend auf den Hof eines Sägewerkes im Dörfchen Horusice, 30 Kilometer von Budweis und 800 Meter von der E 55 entfernt. Der 53jährige Fahrer* erklärte dem Juniorchef, daß er ein paar Paletten Holz abladen müsse, da der Sattelzug zu schwer sei. Kurz vor 20 Uhr lenkte der Fahrer den Lastwagen vom Hof und steuerte auf die Schnellstraße zu, die sich in Sichtweite befindet.

Zwar galt das Sonntagsfahrverbot noch für über zwei Stunden, aber der Chef habe angeordnet, so

der Fahrer zum SPIEGEL, etwas früher loszufahren, um

* Name der Redaktion bekannt.

den Lkw im Bahnhof von Budweis noch auf den mitternächtlichen Transportzug nach Villach, Österreich, zu bekommen. Doch für den Lkw gab es auf diesem Zug keine Reservierung, und gerade wegen des Fahrverbots ist der Huckepackzug an Sonntagen für gewöhnlich hoffnungslos ausgebucht.

Jan Zednik war draußen im Garten, als ihm der Sattelzug auffiel. Der Rentner war vor die Tür gegangen, um eine Zigarette anzuzünden. Im kleinen Häuschen mit Blick auf die Bahngleise und die parallel verlaufende Schnellstraße herrscht striktes Rauchverbot.

»Ich hörte die Bremsen quietschen und gleichzeitig den Motor aufheulen, deshalb habe ich hingeschaut«, sagt Zednik, »der Lkw stand mit dem Führerhaus auf den Schienen, etwas stimmte nicht mit den Bremsen und der Fahrer hat den Lastwagen mit letzter Motorkraft auf die E 55 gezogen. Vielleicht um die Gleise frei zu machen, keine Ahnung«, sagt er, »jedenfalls blieb der Laster quer auf der großen Straße stehen.« Die Polizei hat den alten Mann nie zu seinen Beobachtungen befragt.

Karel Fürst war mit seinem Peugeot auf dem Nachhauseweg auf der E 55, als er von einem schnellen Auto überholt wurde. »Der Octavia hatte gerade vor mir eingeschert, da leuchteten die Bremslichter auf, ich habe sofort gebremst, da hat es vor mir auch schon geknallt«, erinnert sich Fürst.

Der Lkw war nicht zu sehen gewesen, die Frontscheinwerfer strahlten rechtwinklig zur E 55 ins freie Feld, die Rücklichter in die dunkle Nebenstraße. Der Pharmavertreter blieb dank sofortiger Vollbremsung unversehrt.

Vom Lkw-Fahrer, sagt Fürst, gab es keine Spur: »Wenn dort jemand gewesen wäre, der uns hätte warnen wollen, dann hätte ich ihn sehen müssen, aber da war niemand.«

Fürst und einigen anderen Zeugen war aufgefallen, daß sich am Unfallort mehrere Männer mit Funktelefonen aufhielten. Als die Polizei eintraf, war keiner mehr von ihnen zu sehen.

Der diensthabende Beamte der Kriminalpolizei, Ivo Dvorak, stellte fest: »Die Unfallursache war sofort klar, am Sattelzug war ein Druckluftschlauch geplatzt, die Bremsen blockierten, und Herr Kalma fuhr zu schnell, um rechtzeitig zu bremsen. Es gab keinen Bedarf für weitere Nachforschungen.« Das Verfahren wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung gegen den Lkw-Fahrer wurde eingestellt - ohne öffentliches Aufsehen.

Die Tochter des Toten mißtraut den offiziellen Aussagen. »Ich glaube nicht«, sagt sie, »daß es ein Unfall war«.

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Ungeklärter Sachverhalt: Unfall oder raffiniertes Attentat?

[GrafiktextEnde]

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Ungeklärter Sachverhalt: Unfall oder raffiniertes Attentat?

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* Name der Redaktion bekannt.

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