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HANDEL Tod auf Raten

Immer mehr Verbraucher-, Super- und C+ C-Märkte irritieren den Einzelhandel. Denn die Kundschaft wächst nicht so schnell wie die Ladenfläche.
aus DER SPIEGEL 22/1976

Punkt neun Uhr am 30. März drückte Karl-Heinz Kipp, Chef der umsatzschweren Massa-Märkte, die Klinke einer neuen Verkaufsscheune und ließ »dem Wettbewerb freien Lauf«.

Schon eine Stunde später waren die 1500 Parkplätze seines zwölften Supermarktes -- in Nordenstadt, vor den Toren Wiesbadens -- besetzt, die Zufahrtswege zu den Äckern verstellt und die Autobahnabfahrt Frankfurt-Wiesbaden gesperrt: Mit aggressiver Werbung und tiefsten Einstandspreisen hatte der Massa-Mann seiner Konkurrenz in und um Wiesbaden -- Fachhändler, Wertkauf, Latscha, Tengelmann, Leibbrand -- neugierige Kundschaft abgejagt. In Kipps Kassen blieb am Eröffnungstag über eine Million Mark.

Tags darauf standen in der Frankfurter City andere Konsumenten Schlange vor einem Kaufhaus. Dort trugen sie sich in eine lange Gläubigerliste ein in der Hoffnung, einen Teil ihrer Anzahlung wiederzubekommen. Hohe Kosten an der Renommierstraße Zeil und niedrige Preise der Konkurrenz auf den Äckern zwischen Frankfurt und Wiesbaden hatten das 44 Jahre alte Elektro-Kaufhaus »Bieberhaus« in die Pleite getrieben.

Der Profit in Nordenstadt und die Pleite von Frankfurt waren in den beiden letzten März-Tagen bezeichnend für die gesamte Handelsbranche. Pillenknick und Gastarbeiter-Abzug, konjunkturbedingte Einkommensverluste und gelegentlich auch wohlstandsgesättigtes Desinteresse ließen den einst prosperierenden Handel in eine Strukturkrise trudeln, der nur noch die wenigen Großkonzerne und die neuen Handelsriesen in den Vorstädten gewachsen waren.

Kaufhäuser und Selbstbedienungsschuppen, Versandhändler und Verbrauchermärkte liefern sich gegenwärtig -- jeder gegen jeden -- ein brutales Gefecht.

Mit millionenschweren Investitionsprogrammen konkurrieren die etablierten wie neuen Handelsgiganten vor allem den mit dürftiger Rendite arbeitenden Krautern und Krämern die letzten Konsumenten weg. So plant Massa-Manager Kipp, der 1975 gut 30 Prozent Umsatz zulegte, an 15 weiteren Standorten über 300 000 Quadratmeter mehr Verkaufsfläche ein. Und Karstadt-Vorstand Walter Deuss kündigte für die nächsten Jahre weitere 200 000 Quadratmeter an.

Während die Discounter mit niedrigen Preisen und unkomfortablen Verkaufsbunkern an den Stadträndern das große Geld machen, drängeln sich die traditionellen Kaufhaus-Riesen wie Karstadt, Kaufhof oder Horten mit Macht an die Marktplätze der Klein und Mittelstädte.

Anfang der 60er Jahre erst hatten die Konzernherren auf Druck der Bonner Mittelstands-Lobby dem Wirtschaftsministerium freiwillig Abstinenz in diesen Gebieten gelobt. Seit aber Verbrauchermärkte wie Massa und C+C-Großhändler wie Metro oder SB-Läden wie Aldi die Zurückhaltung der anderen zu eigener Expansion nutzten. stiegen auch die Konzern-Manager wieder ein.

Von den Handelshäusern, die in die City-Lagen drängen, und den Kaufburgen, die den Konsumenten auf die grüne Wiese locken, in die Zange genommen, geht den alten Einzelhandelskönigen und Fachhändlern langsam die Luft aus. »Wie bei einem Atombombenabwurf«, trauert Fritz Conzen, Präsident der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels in Köln, »sterben nicht alle Betroffenen sofort.«

Rund 100 000 Einzelhändler haben seit 1962 bereits aufgegeben. Im Kampf um Marktanteile werden 1976, rechnen Branchen-Experten, weitere 10000 dichtmachen -- 3000 mehr als im Schnitt der letzten Jahre.

Nicht nur die Fußkranken bleiben auf der Strecke. Von ehrgeizigen Stadtvätern verbürgte und mit gewagten Finanzierungen hochgezogene Einkaufszentren wie das Kröpcke-Center in Hannover oder die Boutiquen-Burg Schwabylon in München ereilte alsbald das Schicksal der kleinen Krämer.

Kosten und Konkurrenz, Überkapazität und Unternachfrage machen etwa auch dem prächtigen Einkaufszentrum von Aschaffenburg zu schaffen, das schon im ersten Jahr fast ein Drittel des Umsatzes der ansässigen Einzelhändler bringen sollte.

Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik schloß Ende vorigen Jahres sogar ein großes Kaufhaus: Horten in Wuppertal. Im holsteinischen Geesthacht gab vor vier Wochen Hertie sein erst sieben Jahre altes Haus auf, nachdem sich im Umkreis 20 Supermärkte eingenistet hatten. Derzeit können sich 25 000 Geesthachter auf 16 000 Quadratmetern Verkaufsfläche ihre Waren aussuchen.

Selbst die Großen der Branche ziehen nicht mehr das schnelle Geld aus ihren Investitionen. Horten-Vorstand Fritz Seydaack rechnet für sein vor einem dreiviertel Jahr eröffnetes Horten-Haus in Hannover mit einer »langen Durststrecke«. Denn innerhalb von drei Jahren wurden in der City von Hannover rund 130 000 Quadratmeter neue Verkaufsfläche geschaffen -- bei stagnierenden Umsätzen.

4,3 Millionen Quadratmeter brachliegende Verkaufsflächen registrierte die Hauptgemeinschaft des Einzelhandels in der gesamten Republik -- ihrer Ansicht nach genug bis tief in die 80er Jahre. Doch wie beim Bau und im Hotelgewerbe schafft sich die Zunft unverdrossen neue Überkapazitäten.

»Die Gründerwelle ist längst nicht beendet«, fürchtet auch Handelstags-Präsident Otto Wolff von Amerongen. Bislang vergeblich warnten örtliche Kammern in dicken Expertisen vor überzähligen Flächen und nachlassendem Verbrauch. Die Kölner Handwerkskammer etwa addierte in Siegburg mehrere tausend Quadratmeter ungenutzte Theken und Regale. Dennoch soll Massa mit 28 000 Quadratmetern, soviel wie fünf Fußballfelder. zuziehen. Obschon die Bevölkerung im Raume Dortmund bis 1985 um 6,9 Prozent abnehmen wird, das nahe Rheinruhr-Zentrum obendrein die Nachfrage abdeckt, drängt es Wertkauf dorthin. wo die Konkurrenz bereits sitzt.

In nur einem Dutzend Jahren setzten sich 1200 Groß-Discounter auf die grünen Wiesen vor den Großstädten und in Ballungszentren. Nur noch 100 unbesetzte, für Verbrauchermärkte »tragfähige Standorte« ermittelte der Augsburger Marketing-Professor Paul W. Meyer. Zehnmal mehr warten bereits auf Baugenehmigungen. Allein in Dinslaken. wo die Stadtväter gerade ihre City sanieren, bewerben sich 16 Selbstbediener.

Trostlos sieht es bereits in Detmold aus. Trotzdem bauen in Kürze Karstadt in der City und die Veba-Enkel divi vor den Toren. Erwarteter Flächenüberhang bis 1980: rund 30 000 Quadratmeter.

Im nahen Bielefeld liegen bereits 19 000 Quadratmeter Verkaufsfläche brach; bis 1980 werden es 78 000 Quadratmeter sein. Die Bevölkerung mußte ein Viertel mehr ausgeben, wenn die alteingesessenen Händler und die Neuansiedler -- je zwei Verbrauchermärkte und Warenhäuser sowie ein Einkaufszentrum -- Kasse machen sollen. Bambergs Bürger müßten 40 Prozent mehr kaufen, seit der Textilriese C. & A. Brenninkmeyer, der Discounter Tengelmann und noch ein Großmarkt die vorhandene Verkaufsfläche um zwei Drittel aufstockten.

Wer die Tricks mit den Skonti und der Verlängerung von Zahlungszielen, mit dem Billig-Einkauf durch Massenumsatz und Spitzenrabatte, mit Kosten-Senkung durch Personaleinsparungen und unkomfortable Ausstattung am besten beherrscht, hat auch den längeren Atem zum Überleben. Der kann erst einmal die niedrigsten Verkaufspreise setzen und später dann, wenn die Konkurrenz ausgeschaltet ist, befürchtet die Hauptgemeinschaft, »wieder raufsetzen«.

Mit Dumping-Preisen bekriegen sich die neuen Handelsriesen erbarmungslos untereinander. Als unlängst in Raunheim bei Rüsselsheim die Leibbrand-Rewe-Gruppe einen Toom-Markt direkt neben einen Latscha-Kaufpark und ins Einzugsgebiet eines Plaza-Marktes von Co-op und eines Massa-Marktes setzte, blieb der erwartete Käuferstrom aus. Denn die cleveren Massa-Manager hatten sich vor der Eröffnung Tooms Einstandspreise besorgt und etwa den Asbach Uralt, den Toom mit 11,98 Mark anbot, noch um 20 Pfennig unterboten.

Der ruinöse Wettbewerb drängt die Neulinge zur Eile. Am Rande Kölns wurde noch schnell eine Tennishalle in einen Discountladen umfunktioniert, bei Siegburg will Massa in die leerstehenden Fabrikhallen der liquidierten Phrix-Werke einziehen.

Mit der Aussicht auf hohe Gewerbesteuer-Einnahmen und mit pompösen Bewirtungen entlocken die gewieften Handeismanager den unbedarften Gemeinderäten die Genehmigungen zur Ansiedlung. Die vorläufige Erlaubnis, sich im satten Siegburg einzunisten, erhielt Massas Kipp, nachdem er Bürgermeister. Stadträte und Gattinnen ins Stammhaus nach Alzey eingeladen und bewirtet hatte

Die Verlockung für die Dorfräte, mit einem Verbrauchermarkt sich und der Gemeinde ein Denkmal zu setzen, ist oft so unwiderstehlich, daß an Absprachen mit den nahen Großstadtverwaltungen meist gar kein Interesse besteht. Im Alleingang billigten 20 von 22 Gemeinderäten des 11 000-Seelen-Ortes Eggenstein-Leopoldshafen den Bau eines Massa-Marktes, der wiederum auf die Konsumenten aus Karlsruhe spekuliert. Die winzige Gemeinde Spaden vor den Toren Bremerhavens genehmigte den Bau eines Toom-Marktes, obschon die Stadt Bremerhaven nach einer Studie der Kölner BBE-Unternehmensberatung sich selbst bis 1978 rund 18 000 Quadratmeter zuviel Verkaufsfläche schafft.

Neidvoll schielen derweil Deutschlands Kleinhändler nach Frankreich. Dort wird die Zunft vor dem Aussterben durch ein nach dem früheren Handelsminister Jean Royer benanntes Gesetz seit 1974 geschützt. Nach Pariser Vorbild soll auch hierzulande die »Ausdehnung der Verkaufsfläche in geordnete Bahnen gelenkt« (Conzen) werden. Die Ansiedlung von Großmärkten, die eine bestimmte Größenordnung übertreffen, könnte dann nur noch von überregionalen Gremien genehmigt werden.

Wie stets vor Bundestagswahlen entdecken nun auch die Parteien wieder den Mittelstand. Mit Erlassen wollen sie fortan den Wildwuchs der Branche und die Willkür der Gemeinden beschneiden.

Während sich im sozialliberalen Bonn Freidemokrat Hans Friderichs und Sozialdemokrat Karl Ravens noch darüber streiten, ob künftig die Verbrauchermärkte erst ab 3000 (Friderichs) oder 2000 (Ravens) Quadratmeter Fläche genehmigt werden müssen, hat im hohen Norden Christdemokrat Gerhard Stoltenberg gehandelt: Er senkte per Erlaß die Meßlatte bereits auf 1000 Quadratmeter.

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