Zur Ausgabe
Artikel 36 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

WEIN Tod in Italien

Die Wein-Skandale nehmen kein Ende. Nun haben Panscher italienischem Vino ein tödliches Gift zugesetzt. *
aus DER SPIEGEL 14/1986

Giorgio Sanson, 51, schildert die Folgen seines Leidens. Erst wurde ihm übel, die Knie wurden weich. »Dann konnte ich nichts mehr sehen und kaum noch atmen«, klagt der Frührentner.

Andere sind noch schlimmer dran. Die Hausfrau Bruna Bacco, 45, wurde in tiefem Koma in das Mailänder Krankenhaus »Fatebenefratelli« eingeliefert. Alvaro Antinori starb auf der Intensivstation des städtischen Krankenhauses »Niguarda«. Selbst wenn der Mann durchgekommen wäre, so sagen die Ärzte, wäre er auf jeden Fall blind geblieben.

Die drei Italiener hatten eins gemeinsam: Sie tranken ganz billigen heimischen Wein. In dem Wein war Gift.

Kaum ein Jahr nach dem österreichischen Glykol-Skandal, dessen unheilvolle Spuren die halbe Welt durchzogen, haben abermals Panscher zugeschlagen, nur noch um einige Grade brutaler. Rund 100 Menschen sind erkrankt, etwa 30 liegen in Spitälern, acht Opfer aus der Lombardei und aus Ligurien sind tot.

Wieder haben Giftmischer dem süffigen Wein ein böses Mittel beigemischt: diesmal Methylalkohol (CH3OH), kurz Methanol genannt. Es ist ein simpler Alkohol, der nach Schnaps riecht und brennend schmeckt, erklären Chemiker, hervorragend geeignet als Kälte-, Lösungs- und Putzmittel. In ganz geringen Mengen ist er in jedem Wein enthalten. Als hochprozentiger Trunk führt der Stoff zum Erblinden, in großen Dosen wirkt er tödlich. Italiener setzten ihn dünnen Billigweinen zu, um Trinkern hochprozentigere Ware zu liefern.

Der mörderische Tropfen wurde zunächst in vier Weinen geortet. Es sind die Sorten Barbera del Piemonte, Barbera d'Asti Doc, Barbera del Monferrato sowie Cortese del Piemonte. Sie alle entstammen der Kellerei Odore aus der Kleinstadt Incisa Scapaccino in der Provinz Asti, südöstlich von Turin.

Wie weit das Giftzeug tatsächlich verbreitet ist, können die Italiener zur Zeit nur ahnen. Vorsichtige Händler holen nun alle Weinsorten der Casa Vinicola Odore aus den Regalen der Supermärkte. Der Verbraucherverband warnt vor dem Genuß sämtlicher Billigweine.

Polizei und NAS, eine Spezialtruppe gegen Lebensmittelfälscher, durchkämmen

aufgeregt das ganze Land, vom Brenner bis Apulien. In Rom wurde eilends eine Krisensitzung einberufen. Ministeriale aus dem Landwirtschafts- und aus dem Gesundheitsministerium beharken sich gegenseitig mit Vorwürfen.

Die Abfüller des gefährlichen Putzmittel-Weins, Vincenzo und Carlo Odore, wurden angeklagt. »Ich habe mit den Toten nichts zu tun«, beteuert Carlo, »ich habe keinen Methylalkohol in den Wein geschüttet.«

Die Odores hatten den Wein von etlichen Großhändlern bezogen, darunter auch einiges von Giovanni und Daniele Ciravegna aus einem Nest namens Narzole. Nun sitzen Vater und Sohn Ciravegna, wegen Weinpanscherei ohnedies vorbestraft, in Haft. In ihren Tanks wurden 9000 Hektoliter verseuchter Barbera entdeckt.

Das wird wohl kaum alles sein. Inzwischen haben die Fahnder der NAS den Weinstrom zurückverfolgt, bis tief in den Süden. Dort unten in Apulien agiert Ciravegnas Lieferant: die Firma Antonio Fusco aus Manduria nahe Tarent.

Aus Apulien floß das giftige Gesöff womöglich auch ins Ausland. Im französischen Hafen Sete legten die Behörden inzwischen 19 Schiffe mit Wein aus Apulien fest. Auch die Schweizer beschlagnahmten italienischen Wein. Am vergangenen Mittwoch wurde die Giftkreszenz in Baden-Württemberg entdeckt. Von einem 1984er Barbera d'Asti Doc »Pippione« wurden 500 Flaschen sichergestellt.

Schon vorher hatte das Bundesgesundheitsministerium das deutsche Weinvolk vor Kreszenzen aus den Regionen Apulien und Piemont gewarnt.

Das wiederum erboste die Italiener. Die Deutschen würden »Image und Geschäft der ehrlichen Produzenten schädigen«, schimpfte Arcangelo Lobianco, der Präsident des Bauernverbandes. Giuseppe Battistuzzi, Generaldirektor beim Kellereiverband, mutmaßt »Manöver illegaler Konkurrenz«. Und der »Corriere della Sera« schlagzeilte am Sonntag vor Ostern: »Kampagne im Ausland gegen italienischen Wein.«

Die Weinlobby vom Apennin fürchtet mehr noch als den Tod in Italien, daß es ihr nun ähnlich wie den Österreichern ergeht und das Exportgeschäft mit der Bundesrepublik zusammenbricht.

Für die Italiener, die größten Weinproduzenten der Welt, wäre das schlimm. Die Bundesrepublik ist ihr wichtigster Auslandsmarkt. Im vergangenen Jahr wurden knapp 4,5 Millionen Hektoliter Wein im Wert von 542 Millionen Mark über die Alpen gebracht. Damit führt Italien in der deutschen Importliste mit weitem Abstand vor Frankreich.

Italienische Weine genießen bei den Deutschen seit geraumer Zeit einen guten Ruf. Ihr einst lädiertes Wein-Image haben die Italiener mit viel Geld und Mühe wieder aufgebaut. Wolfgang Metzen von der Bundesvereinigung der Weinimporteure in Bonn: »Die Italiener haben eine Metamorphose zum Guten durchgemacht.«

So schien es schon einmal. Vico Torriani trällerte in den 50er Jahren als Dolmetscher für »il vino«, die ersten Italien-Touristen schleppten begeistert bastumwickelte Mehrliter-Pullen angeblicher Marken Chianti, Lambrusco und Valpolicella heim. Die Italiener schoben massenhaft Ware nach.

Zu Hause merkten die Billigwein-Freunde bald, welch ungenießbares Gebräu sie eingekauft hatten. Zuweilen war es reiner Kunstwein aus Zucker und Wasser, geschönt mit Rinderblut oder dem Pflanzenschleim Agar-Agar. Den feurigen Glanz verdankte der Wein zumeist dem im Süden beliebten Zusatz von Gips.

Die Panscherei wurde endgültig offenbar, als 1968 über 200 Weinfälscher in Italien vor Gericht standen. Den Kunstwein-Kennern, so kam heraus, war selbst Industriezucker und Leitungswasser zu teuer. Sie nahmen Flußwasser und, zum Süßen, den Sud von verdorbenen Feigen oder Bananen.

Von diesem Schock haben sich die Exporteure nur langsam erholt. »Wir machten viele Aktionen, Ausstellungen, Seminare und Werbeaktionen, um das Negativ-Image abzubauen«, erklärt Alfonso Barbera vom italienischen Institut für Außenhandel in Düsseldorf.

Daheim legten sich die Italiener 1963, von den Franzosen abgeguckt, ein Weingesetz zu; außerdem setzten sie eine Kontrollbehörde mit 230 Beamten ein.

In Deutschland kam den Wein-Exporteuren zugute, daß die Kundschaft zusehends die Feinheiten der italienischen Küche schätzen lernte. Die einstigen Bosse der billigen Pizzerias wandelten sich in vornehme Gastronomen. »Der Italiener« wurde zur geschätzten Adresse für private und geschäftliche Diners.

Zum schönen Menü, so die Suggestion der vielen »Ristorante«, gehöre edler Wein aus Italia. Und wer italienischen Wein im Ristorante gern trinkt, der will ihn auch zu Hause haben.

Dieses nette Bild kann sich schnell wieder ändern. »So a Saustall«, schimpft Weinimporteur Walter Schöpf aus München, der neue Gift-Skandal werde gewiß Folgen haben. »Man verliert den Mut«, sagt Schöpf, »die Liebe zum Wein und das Vertrauen überhaupt.«

Der »Barbera-Killer« ("la Repubblica") macht offenbar, daß auch strenge Gesetze wenig bewirken, wenn die Kontrollen versagen. Die Methanol-Spuren zeigen, daß skrupellose Kellermeister immer noch gern panschen, wenn sie nur glauben, den Wein damit etwas hochprozentiger und teurer zu machen.

»Eine verrückte Absurdität«, wundert sich nun Italiens Landwirtschaftsminister Filippo Maria Pandolfi, »in einem Land, das nicht weiß, wie es seine echte Weinproduktion loswerden soll.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 36 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.