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Handel Topf und Deckel

Den kleinen Händlern fehlt eine wirksame Interessenvertretung. Und das ist ihre eigene Schuld.
aus DER SPIEGEL 46/1992

Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) gibt sich gern kämpferisch, bis zur Lächerlichkeit.

»Mitarbeiter müssen aus Kostengründen punktuell verdünnt werden«, forderte das offizielle Verbandsorgan vor kurzem. Bei vielen Handelsunternehmen stellte es ein anderes Mal »Umsatzwürgemale« fest, gemeint waren drastische Umsatzeinbußen.

Ernst genommen wird der Kölner Verband schon lange nicht mehr, und das nicht nur wegen solcher Stilblüten. In der Spitzenorganisation des Einzelhandels geht es zu, so klagt ein Mitarbeiter, »wie bei einem Kaninchenzüchterverein«.

Präsident dieses Vereins mit rund 400 000 Mitgliedsfirmen ist der Düsseldorfer Porzellanhändler Hermann Franzen, 52. Der macht von seinem Talent, druckreif zu reden, oft und gern Gebrauch.

Wenn Franzen allerdings auf die jüngsten Ereignisse im HDE angesprochen wird, gibt sich der eloquente Einzelhändler erstaunlich wortkarg. Zum 31. März, so hat es das 44köpfige HDE-Präsidium überraschend beschlossen, wird der Verbandsgeschäftsführer Karl-Heinz Niehüser, 47, ausscheiden.

Der gelernte Diplom-Kaufmann wollte den schwerfälligen Verband durch eine neue Struktur schlagkräftiger machen. Doch eine solche Reform hätte die Macht der Regionalfürsten beschnitten. Niehüser mußte gehen.

Unter dem Dach der Riesenorganisation gibt es 17 Landesverbände, 30 Fachverbände und über 100 Bezirks-, Kreis- und Stadtverbände mit jeweils eigenen Vorsitzenden und Geschäftsführern. Eine wirksame Interessenvertretung ist so kaum möglich.

Niehüser wollte die Kölner HDE-Zentrale stärken und zudem einen Teil der Miniverbände zusammenlegen. Das war nicht im Sinne der vielen Mandatsträger. »Der Topf«, sagt HDE-Präsident Franzen über den umstrittenen Geschäftsführer, »paßt einfach nicht zum Deckel.«

Nun soll der Geschäftsführer des Bundesverbandes des Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik-Einzelhandels e. V., Holger Wenzel, die undankbare Aufgabe übernehmen, den Kleinkrämern in der Öffentlichkeit mehr Gehör zu verschaffen. Konkurrenz kommt aus den eigenen Reihen.

Als Wortführer des Handels tritt der HDE stets gegen zwei weitere Organisationen an. Die haben zwar weniger Mitglieder, erwirtschaften aber fast die Hälfte des Einzelhandelsvolumens in der Bundesrepublik.

Der »Bundesverband der Filialbetriebe und Selbstbedienungs-Warenhäuser« (BFS) vereint unter seinem Dach große Discounter und Filialisten wie Aldi oder Tengelmann. An der Spitze steht der Stuttgarter Lebensmittelhändler Helmut Nanz.

Die Kaufhausbetreiber wiederum haben sich in der »Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels« (BAG) zusammengeschlossen. Vorsitzender ist der mächtige Karstadt-Chef Walter Deuss.

Die straff geführten Verbände haben in Bonn inzwischen mehr Einfluß als der behäbige HDE. Zwar arbeiten BAG- und BFS-Vertreter neuerdings auch im Einzelhandelsverband mit. Nanz und Deuss zum Beispiel sitzen im Vorstand des Traditionsvereins. Auch in die Ausschüsse entsenden die Großunternehmen Vertreter.

Franzen würde die Schwesterverbände gern in seine eigene Organisation einbinden. Doch da machen die nicht mit.

Für die feinen Vertreter der Großbetriebe wäre eine Fusion mit den kleinen Krautern zudem mit einem Verlust an Lebensqualität verbunden: Die HDE residiert in Köln in tristen Fünfziger-Jahre-Bauten, die BAG hält sich im Stadtteil Marienburg eine herrschaftliche Villa mit Kaminzimmer und erlesen möblierten Salons.

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