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06. März 2007, 12:24 Uhr

Toulouse

Tausende Airbus-Arbeiter protestieren für französische Jobs

Die Wut wächst. In Frankreich protestieren 12.000 Airbus-Beschäftigte gegen die Sparpläne - und machen klar, dass ihnen die eigenen Jobs wichtiger sind als die deutschen. Frankreichs Politiker drohen mitten im Wahlkampf damit, Deutschland im Konzern auszubooten.

Toulouse - Am Airbus-Sitz Toulouse versammelten sich die Demonstranten zu einer Großkundgebung im Zentrum der Stadt. Zahlreiche Beschäftigte trugen ihren blauen Airbus-Arbeitsanzug, viele schwenkten Fahnen und trugen Transparente. Die Arbeit am Unternehmenssitz soll noch bis zum Nachmittag ruhen, ebenso in den Werken Saint-Nazaire und Nantes im Westen Frankreichs sowie im nordfranzösischen Méaulte.

Airbus-Protest in Méaulte: Gegen die Interessen der deutschen Kollegen
AFP

Airbus-Protest in Méaulte: Gegen die Interessen der deutschen Kollegen

Der Airbus-Sanierungsplan "Power 8" sieht den Wegfall von insgesamt 10.000 Stellen vor, allein 1100 davon in Toulouse.

Auch die Chefs aller großen französischen Gewerkschaften beteiligten sich an den Protesten. Nach dem Interessenstreit zwischen Deutschland und Frankreich in den vergangenen Wochen übten sich die Arbeitnehmervertreter nun in internationaler Solidarität. "Das Ziel ist nicht, sich gegenseitig aufzufressen, sondern dass alle etwas zu essen haben", sagte der Co-Chef des Europäischen Betriebsrates bei Airbus, Jean-François Knepper von der Airbus-Mehrheitsgewerkschaft Force Ouvrière (FO).

Auf Plakaten waren allerdings erneut Kommentare zu lesen, die sich direkt gegen die Interessen der deutschen Kollegen wandten. In Frankreich war wiederholt behauptet worden, das Sparprogramm belaste die französischen Arbeitnehmer stärker als die deutschen. Vor allem das Vorhaben, den A320 in Hamburg fertigen zu lassen, stößt auf Widerstand. Immer wieder formulierten die Demonstranten heute die Forderung "Airbus A320 in Toulouse".

Allein in Toulouse kamen die Arbeiter in mehr als 100 Bussen ins Zentrum gefahren. In Méaulte marschierten etwa 1500 Beschäftigte bei strömendem Regen durch die Stadt. In den deutschen Airbus-Werken Varel, Nordenham und Laupheim blieb die Lage dagegen ruhig. Dort hatten die Beschäftigten nach einem Streik in der vergangenen Woche am Montag wieder ihre Arbeit aufgenommen. Die deutschen Gewerkschaften haben nun einen europaweiten Aktionstag am 16. März angeregt.

Im Rahmen des umstrittenen Sparprogramms "Power 8", das vergangene Woche vorgestellt wurde, sollen bei dem Flugzeugbauer 10.000 Stellen wegfallen. Frankreich trifft es dabei härter als Deutschland. Beim Nachbarn werden 4300 Jobs gestrichen, hier zu Lande 3700.

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Im französischen Wahlkampf wird Airbus immer mehr zum Aufreger. Der konservative Favorit Nicolas Sarkozy schlägt offensiv nationale Töne an: "Wir sollten mit dieser französisch-deutschen Gleichheit aufhören." Die Doppelspitze beim Mutterkonzern EADS gehöre abgeschafft. Die Regierung in Paris kündigte an, sie sei bereit, sich "zusammen mit den anderen Aktionären" an einer Kapitalerhöhung bei EADS zu beteiligen. In diesem Fall müsse aber auch das Führungsmodell mit den deutsch-französischen Doppelspitzen überprüft werden, sagte Premierminister Dominique de Villepin.

Derzeit liegt die industrielle Führung bei EADS bei den Großaktionären DaimlerChrysler und dem französischen Medienkonzern Lagardère . Der französische Staat ist mit 15 Prozent an EADS beteiligt, sein Einfluss ist jedoch begrenzt.

Die sozialistische französische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal warnte indes davor, die Beschäftigten in Frankreich und Deutschland gegeneinander auszuspielen. Die Gewerkschaften in beiden Ländern hätten lange auf die Krise bei Airbus hingewiesen. Nun müsse die Krise auch im Geiste gegenseitiger Solidarität gelöst werden. Royal forderte die bei EADS beteiligten Staaten auf, weiteres Kapital in das Unternehmen zu pumpen. Dies sei nötig, um die Krise zu überwinden, sagte Royal vor einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin.

EADS will bei der Hauptversammlung am 4. Mai laut "Handelsblatt" eine Kapitalerhöhung beschließen. Unter Berufung auf Unternehmenskreise hieß es, der Konzern wolle damit in diesem Jahr zwei bis drei Milliarden Euro für das Langstreckenflugzeug A350 einsammeln. Die Großaktionäre Lagardère und DaimlerChrysler wollen sich auf ihre Kerngeschäfte Medien und Auto konzentrieren. Damit stünde der Aktionärspakt zur Disposition, der aktuell 57,9 Prozent des Kapitals bündelt.

Die deutsche Bundesregierung betont weiterhin, dass die Führungsstrukturen mit der dominierenden Rolle von Deutschen und Franzosen nach einem möglichen Einstieg neuer Investoren nicht verändert werden dürften. "Wir sollten derzeit keine weiteren Anteilseigner in den Aktionärspakt von EADS dazu nehmen", sagte Merkel der "Süddeutschen Zeitung".

wal/itz/AFP/Reuters/dpa-AFX/dpa

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