Touristen in Dubai Von tiefen Dekolletés und anderen Sünden

In ihrer Verzückung über die touristischen Highlights in Dubai vergessen viele Reisende, dass sie in einem islamischen Land unterwegs sind. Unverfroren setzen sie sich über kulturelle Schamgrenzen hinweg. Dabei gibt es noch größere Fauxpas als kurze Hosen und tiefe Dekolletés.

Von Claudia Roese, Dubai


Dubai – Es ist immer wieder amüsant zu sehen, mit welchem Enthusiasmus die Touristen in Dubai sich für ihre Urlaubsfotos und -videos in Szene setzen. Am Strand vor dem Hotel Burj Al Arab fiel mir neulich ein junger Amerikaner auf, der in der sengenden Hitze eine Art afrikanischen Regentanz vorführte. Seine Freunde hielten die Performance mit der Digitalkamera für die Nachwelt fest. Ein paar Inder ließen sich anstecken, fielen mit in den Tanz ein und untermalten das Ganze mit Gesang. Bald darauf entdeckten die männlichen Urlauber die sich sonnenden Strandschönheiten - und nahmen auch sie in den Kreis ihrer Fotomotive auf.

So ist es immer ein Höllenspektakel am öffentlichen Strand nahe dem "Sieben-Sterne-Hotel", wenn die Touristen ihre fünf Minuten Burj Al Arab zelebrieren. Mehrmals täglich stoppen Sightseeing-Busse an diesem obligatorischen Höhepunkt jeder Rundfahrt und spucken eine Horde Urlauber aus. Der Busfahrer hat eine Heidenarbeit damit, die euphorisierten Gäste anschließend wieder in das Gefährt zu bugsieren.

Diese Art Begeisterung von Dubai-Besuchern kann ich gut verstehen - jeder von uns hat vor seiner Ankunft wohl mehrere Berichte und Reportagen über das Emirat gesehen, fühlt sich vielleicht gar in ein modernes 1001-Nacht-Märchen versetzt. Umso unverständlicher ist mir aber, wie kulturell unsensibel viele Touristen auftreten – und zu vergessen scheinen, dass die Vereinigen Arabischen Emirate ein islamisches Land sind.

Wer ist hier aufdringlich?

Klar, verschleiert herumlaufen muss man als westlich geprägte Frau sicherlich nicht. Entgegen der Regel, die Schultern und Knie (wie auch alles dazwischen!) zu bedecken, tragen aber viele Frauen mit Vorliebe Hotpants und Trägertops mit tiefem Dekolleté, wenn sie durch die Basare flanieren. Dabei beschweren sie sich oft auch noch lautstark über "aufdringliche" Blicke der einheimischen Arbeiter. Zwar werden die Verstöße gegen die Kleiderregeln in Dubai nicht geahndet. Ein Akt der Respektlosigkeit ist das Auftreten trotzdem.

Dass Dubai sich den westlichen Lebensgewohnheiten mit hoher Toleranz geöffnet hat, wird als selbstverständlich hingenommen und immer wieder auf die Probe gestellt. So musste ich gestern mit Entsetzen beobachten, wie ein Mann sich am Strand entkleidete, um in Ruhe seine intimen Körperregionen trockenzurubbeln und dann in seine Jeans zu steigen.

Fast noch schlimmer sind diejenigen Touristen, die alles richtig machen wollen - und dabei über das Ziel hinausschießen. Neulich saß ich wieder mal im Food Court einer der zahlreichen Einkaufszentren und verspeiste eine Portion "Original Italian Pasta - Ready in less than 60 seconds", als mir ein hellhäutiges Familien-Geschwader auffiel - der halbwüchsige Sohn ließ sich im Dishdash-Gewand, der traditionellen Kleidung der männlichen arabischen Bevölkerung, am benachbarten Tisch nieder.

Ich ahnte schon: Das sind Deutsche - die offenbar gerade erst in Dubai angekommen waren. Wie wohl jeder Deutsche im Ausland weiß, sind wir uns selber ja immer am peinlichsten. Nachdem ich also die Pasta-Imitation aus meinem Hals gehustet habe, eilte ich zu der Familie, sprach sie auf die inakzeptable Erscheinung ihres Sprösslings an – und erntete verständnislose Blicke. Das Kostüm stünde ihrem Sohn ausgezeichnet, erklärten mir die Eltern. Die Araber, denen sie begegneten, würden sich alle mit ihnen freuen und ließen sich gerne mit ihm fotografieren.

Nur gibt es einen Unterschied zwischen "mit einem lachen" und "über einen lachen". Und die meisten Muslime empfinden das Tragen ihrer Nationaltracht von Fremden als beleidigend und entehrend. Arabische Kleidung ist für Araber gedacht und selbst innerhalb verschiedener Länder und Stämme gibt es immer Unterschiede in ihrer Machart, die zur Identifizierung der Familienzusammengehörigkeit und Bewahrung von Traditionen gedacht sind.

Nicht verwerflich, aber zumindest verwunderlich sind die ausgewählt teuren Kleidungskreationen, die so manche Besucherin für seinen Dubai-Aufenthalt auswählt. Viele Frauen verfahren wohl nach der Devise: Dubai ist ein Land des Luxus – also packe ich Designer-Fummel und Laufsteg-Stücke ein. Auch Leopardenoptik ist hier tatsächlich noch sehr in.

Ganz anders die Männer. Sie genießen es offenkundig, vom beruflichen Anzugs- und Krawattenzwang befreit zu sein - und speisen jugendlich-locker in Sportklamotte und mit freien Beinen in den exklusiven Restaurants der Stadt. Gelegentlich fehlt es ihnen dann aber an dem notwendigen Kombinationsgeschick.

Da sieht man dann Männer mit O'Neil-Surferhose, Golferschuhen mit Socken von Nike, einem Freizeithemd von Polo Sport mit Boss-Manschetten, einem Zegna-Gürtel, edler Ledermänner-Handtasche von Paul-Smith - und über allem ein Pulli von Dolce & Gabbana, natürlich lässig über die Schultern geworfen. Ich glaube kaum, dass diese bunten Farbkombinationen den Trägern selbst wirklich gefallen. Aber man macht schließlich nicht irgendwo Urlaub, sondern in Dubai – und da läuft man anders rum, als man es von zu Hause gewöhnt ist.

Während ich am Strand noch immer über Touristenverhalten und kulturelle Unterschiede sinniere, schwenkt mein Blick auf ein Pärchen, das im Meer fest umschlungen einer eindeutigen Tätigkeit nachgeht. Zu meiner Verwunderung handelte es bei diesen Gesetzeslosen um ein arabisches Liebespaar. Bin ich hier als lebensfrohe Rheinländerin eigentlich die einzige, die muslimische Sittenkultur zu wahren versucht?



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