Tragödie in Etage 101 Der Mann, der 670 Mitarbeiter verlor

Für Howard Lutnick ist mit dem World Trade Center eine Welt zusammengebrochen. Zwei Drittel seiner Angestellten der internationalen Anleihenhandelsfirma Cantor Fitzgerald hat das Inferno wahrscheinlich nicht überlebt.


Verzweifelte Suche: Liz Gallello hofft auf Nachrichten von ihrer Freundin Amy O'Doherty, einer Angestellte von Cantor
AP

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New York - Lutnick hatte angekündigt, er werde am Dienstag ausnahmsweise etwas später zur Arbeit kommen. Der Chef von Cantor Fitzgerald wollte sich den ersten Schultag seines fünfjährigen Sohnes nicht entgehen lassen. Als der 40-Jährige um kurz nach neun am World Trade Center eintraf, schlugen aus dem riesigen Büroturm bereits Flammen. "Welches Stockwerk?" schrie er den Entgegenkommenden zu, die in panischer Angst aus dem Gebäude rannten. "91. Stock" war das letzte, was er hörte. Kurz darauf brach das Gebäude zusammen. Lutnicks Angestellte arbeiteten zwischen der 101. und 105. Etage.

Die Terrorattacke von Dienstag hat die Finanzfirma getroffen wie keinen anderen Mieter im World Trade Center. Von den 1000 Mitarbeitern, die Cantor Fitzgerald in New York beschäftigte, wurden am Sonntag 670 vermisst, darunter Lutnicks Bruder Gary, 36. Niemand von Cantor Fitzgerald hat es aus dem brennenden Inferno geschafft. Die Mitarbeiter, die überlebten, waren alle zufällig nicht in den Büros, als die Katastrophe hereinbrach.

An der Lexington Avenue Ecke 26. Straße in New York halten mehrere Angehörige der Cantor-Fitzgerald-Mitarbeiter Tag und Nacht Wache. "Die Hoffnung aufrecht erhalten und niemals aufgeben", sagt eine junge Frau trotzig, mit dem Bild ihres vermissten Vaters in der Hand. "Wir sind alle Teil einer Familie", sagt Juan Garcia, der seinen Onkel sucht. Barber Weinberg steht hier und hält ein Bild seiner Nichte Shari Kandell hoch.

"Fast 700 Familien, 700 Familien! Ich kann die Tränen nicht zurückhalten, wenn ich mir das vor Augen halte", sagte Lutnick in einem emotional geladenen Fernseh-Interview. Er war im harten Konkurrenzkampf der Finanzinstitute als knallharter Manager bekannt. Mit weltweit rund 2300 Mitarbeitern verteidigte Lutnick aggressiv und erfolgreich den Rang der Firma, die ein Viertel des gesamten täglichen Anleihehandels von täglich drei Milliarden Dollar abwickelt.

Trostspender: New Yorks Bürgermeister Rudoph Giuliani kondoliert Anita Deblase, die ihren Sohn James vermisst. Er arbeitet bei Cantor.
EPA/DPA

Trostspender: New Yorks Bürgermeister Rudoph Giuliani kondoliert Anita Deblase, die ihren Sohn James vermisst. Er arbeitet bei Cantor.

Für Lutnick hat sich der Sinn des Lebens am Dienstag geändert. "Wir müssen weiter machen. Wir müssen uns um die 700 Familien kümmern", sagt Lutnick. "Unsere erste Priorität ist die Sorge für unsere Angestellten und ihre Familien." Das Unternehmen hatte nach dem Anschlag auf das World Trade Center 1993 beschlossen, seine Datensysteme für den Notfall komplett zu duplizieren, in einer Außenstelle in Rochelle Park, New Jersey. Das Anleihegeschäft läuft seit Donnerstag wieder. Für die Angehörigen der Vermissten hat die Firma einen Hilfsfonds eingerichtet.



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