Traumgehälter Was einen Manager zum Millionär macht

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3. Teil: Warum Geld im Millionärsalltag keine Rolle mehr spielt


Bescheidenheit in Alltagsdingen kennt also durchaus unterschiedliche Dimensionen. Und doch gilt: "Um wirklich erfolgreich zu sein, braucht man innere Freiheit und ein Anliegen, das nichts mit Geld zu tun hat", wie Personalberater Rottok sagt. Es klingt paradox, aber die sicherste Methode, keine Million zu verdienen, scheint zu sein, es unbedingt zu wollen. "Viel wichtiger ist es, sich inhaltliche Ziele zu setzen."

Geld, diese Erfahrung hat Coach Echter gemacht, spielt im Konsumalltag der Top-Verdiener eine verblüffend geringe Rolle - was viele Manager nicht hindert, in Millionenverträgen um einige tausend Euro zu feilschen. "Dabei geht es aber nicht um die Summe selbst, sondern um Geld als Projektionsfläche, als Statussignal des eigenen Erfolgs", sagt Echter.

Zeit zum Ausgeben bleibt meist eh kaum. Woebcken kennt Produzenten, die ihre Familie seit einem Jahr nicht gesehen haben; er selbst spinnt bis spätnachts über Rotwein und Pappkarton-Pizza an neuen Ideen. Für die Familie bleibt nur das Wochenende; trotzdem ist er zufrieden: "Arbeiten am Unternehmen macht deutlich mehr Spaß als im Unternehmen."

Überhaupt, replizieren die Top-Jobber gern auf die Frage nach dem Preis ihres Erfolgs, komme es nicht auf die Freizeitmenge an, sondern auf die Qualität: alles eine Frage der Organisation. Was das bedeutet, zeigt ein Blick in eine beliebige Woche im Kalender von Antonella Mei-Pochtler (50), Senior-Partnerin bei der Boston Consulting Group (BCG). Montag Abflug nach Tokio zum Executive Committee Meeting, Freitag zurück nach Wien, Samstag Projektarbeit in Florenz, Sonntag nach Wien, Montag früh nach Köln, Dienstag Frankfurt, und das sind die normalen Tage. "Der Business-Alltag wird kunstvoll um wichtige Familientermine wie Geburtstage herum geplant." Mei-Pochtler hat immer Vollzeit gearbeitet; als ihre drei Töchter klein waren, halfen ihre Mutter und ein Kindermädchen aus, sie selbst ist telefonisch immer erreichbar und diskutiert dann in Meetings schon mal über die Handyrechnungen des Nachwuchses.

Deutschlands bekannteste Beraterin trinkt Coke Light, checkt das Blackberry, nimmt eine Weintraube, kritzelt auf einen Block und redet - alles gleichzeitig. Wäre sie ein Fortbewegungsmittel, dann ein Düsenjet, besser noch: zwei Düsenjets. "Ich liebe die Intensität, schlafe notfalls nur vier Stunden." Von Mitarbeitern erwartet sie eine ähnliche Schlagzahl; da muss die Präsentation auch mal nachts um vier in die Senator-Lounge nach Peking geschickt werden.

"Wollte in ein Umfeld, in dem nur Leistung zählt"

Dass man aus seinen Begabungen durch Fleiß und Hochleistung etwas machen muss, war Credo in Mei-Pochtlers Familie. Als Teenager wurde die Handballerin zur Juniorsportlerin des Jahres in Italien gewählt, sie übersprang zwei Klassen, gab nebenbei Nachhilfe. BWL-Studium, Promotion in Rom, MBA am Insead - da war sie 25. Mit 31 Partnerin bei BCG, die jüngste ever.

"Ich wollte ein Umfeld, in dem nur Leistung zählt. In einem Konzern hätte man mich - Frau, sehr jung - wohl nicht sofort ernst genommen." Dass das Gehalt ihre Performance direkt spiegelt, war ihr wichtig - auch wenn sie sich bei Bonuszahlungen schon mal falsch eingeschätzt fühlte. "Erst hab ich protestiert, mich dann aber gefragt: Was kann ich besser machen?" Heute ist sie als BCG-Markenguru anerkannt, 2006 holte sie Weltchef Hans-Paul Bürkner ins weltweite Leitungsgremium der Firma.

Und das, obwohl "mir das Kreative mehr Spaß macht als das Analytische". Durch Number-Crunching und Excel-Charts zu Beginn ihrer Beraterkarriere musste sie sich durchbeißen - irgendwann hatte sie Mitarbeiter, die die kleinteilige Zahlenarbeit für sie erledigten.

Genau die richtige Strategie, meint Coach Echter: "Die eigenen Schwächen ausbügeln zu wollen ist wenig effektiv. Erfolg hat, wer seine Stärken ausbaut und sich Aufgaben sucht, die für ihn ein Heimspiel sind."

Ihre Stärke, sagt Mei-Pochtler, sei das Anderssein, das Querdenken. Im Nadelstreifenkostüm, grüne Augen, rosa Lippen, das blonde Haar hochgesteckt, Perlenohrringe und überlange Halskette, wirkt die Italienerin, die während des Studiums gemodelt hat, tatsächlich wie der Paradiesvogel unter den grauen Beratersperlingen. "Ich begnüge mich nie mit der ersten Antwort, bürste gern gegen den Strich." Manche treibt sie in den Wahnsinn mit ihrer Ungeduld und dem zuweilen robusten Desinteresse an bereits Beschlossenem ("Die Vergangenheit ist eine Zwangsjacke"). Die Kunden allerdings mögen das Impulsive; es heißt, Tchibo und LVMH hätten ihr Vorstandsposten angeboten. Sie lehnte ab - zu geringe Freiheitsgrade. Es wäre Marschmusik gewesen statt Free Jazz bei BCG.

Manchmal nervt es sie, dass geschrieben wird, sie bleibe auf Partys gern bis zum Schluss - "obwohl es stimmt". Oder dass sie häufig auf Events fotografiert wird wie vor ein paar Jahren mit Clinton in Baden-Baden, "und jetzt hängt mir dieses Foto ewig an". Man könnte sagen, sie sei das Glamourgirl der Firma; sie selbst spricht lieber von "gesellschaftlicher Visibilität" - die für eine Luxus- und Konsumgüterexpertin ganz nützlich ist.

Schließlich ist ein Schlüssel zum Erfolg, vielleicht der wichtigste: auffallen in der Masse der vielen, die auch intelligent sind, talentiert und ehrgeizig. Klappern gehört zum Handwerk. Es geht darum, "den Unterschied zu machen", sagt Colin Roy (47), Deutschland-Chef der Investmentbank Greenhill: "Ich habe mir beruflich immer Bereiche gesucht, die unterentwickelt waren und wo ich mich beweisen konnte."

Erfolgsgeschichten starten oft als Himmelfahrtskommando

Das ist leicht dahingesagt. Doch im Rückblick grandiose Erfolgsgeschichten sind vorher naturgemäß meist Himmelfahrtskommandos mit bestenfalls ungewissem Ausgang. Aufgaben, die Herzblut fordern und den Blutdruck hochschnellen lassen. Wie die WM für Klinsmann, wie der Puma-Turnaround für Jochen Zeitz. Wer nicht brennt, verliert. Ist es aber geschafft, klingelt's auch in der Kasse. Es waltet eine beinahe moralische Aura: Leistung lohnt sich.

Dazu braucht es Disziplin und Stehvermögen - kaum erstaunlich, dass viele Erfolgsmenschen so wie Radrennfahrer Roy nebenbei noch Leistungssport treiben. Der Sport lehrt sie beides, langen Atem und die schnelle Reaktion auf eine gute Gelegenheit: Erfolg ist wie ein fliehendes Pferd - man kann aufspringen, aber es nicht an die Kandare nehmen.

"Wer permanent mit den Hufen scharrt, verkrampft nur und wird nichts erreichen", sagt Günther Heckelmann (55). Der Seniorpartner der internationalen Kanzlei Baker & McKenzie ist kaum verkrampfungsgefährdet, zu ruhiger Rede legt er die Fingerspitzen aneinander, leises Lachen entblößt eine sympathische Zahnlücke. Doch als es nach Jurastudium, begonnener und schnell wieder beendeter Politikerkarriere ("Ich wollte mein Leben nicht damit verbringen, Halbsätze in Parteitagsanträgen zu ändern") und drei Jahren bei Baker darum ging, wer die Arbeitsrechtspraxis aufbaut, war Heckelmann zur Stelle - "obwohl Arbeitsrecht weder sexy noch übermäßig gewinnträchtig war".

Wirtschaftsanwälte, erkannte Heckelmann damals, würden künftig nicht mehr Darleger der Rechtslage sein, sondern Ratgeber, die die Juristerei als Werkzeug der Ökonomie begreifen. Heckelmann begann, Unternehmen bei großvolumigen internationalen Reorganisationen zu betreuen, etwa als General Motors 2004 in Deutschland 10.000 Jobs strich. "Das ging sehr effizient und in großer Stille über die Bühne", gönnt sich der Anwalt einen freudigen Ausbruch aus seiner Zurückgenommenheit: "Ich möchte etwas bewegen, aber ich brauche keinen Glorienschein."

Lohnt sich die 80-Stunden-plus-Woche?

Heckelmann wirkt gern im Hintergrund, solide und fleißig, der Aplomb ist seine Sache nicht. Seine geräuschlose Moderation statt Egotrip gefällt den Mandanten; so konnte er das Arbeitsrecht zu einem der wichtigsten Gewinnbringer der Kanzlei entwickeln - und sich selbst profilieren. Mit einer großen Restrukturierung verdient Baker genauso viel wie mit einer Fusionsberatung. 1998 wurde Heckelmann Managing Partner - und blieb es viele Jahre lang.

Mit der Überlegung, ob sich die 80-Stunden-plus-Woche lohnt, braucht man ihm gar nicht zu kommen. Oder mit der Frage, was er sich von seinem Millionengehalt gönnt. Gut, er hat ein Haus in Florida, wo er öfter übers Wochenende ist, doch das zählt nicht wirklich, weil er dort auch Mandanten trifft. Seinen Mercedes SL hat er seit mehr als zehn Jahren; ab und zu ersteht er eine Schweizer Uhr. "Aber eigentlich hasse ich einkaufen."

Auch bei anderen Großverdienern sucht man Ferraris und Rolex-Haufen vergeblich. Lang fährt zwar S-Klasse und wohnt in einer ehemaligen Arztvilla, aber mehr Extravaganz ist ihm zuwider; seine Tochter muss im Haushalt helfen, wenn sie mehr Taschengeld will. Mei-Pochtler hat ein Ferienhaus auf Ibiza, investiert in unternehmerische Beteiligungen, darunter eine Privatschule in Berlin, sammelt Kunst ("Ich liebe Egon Schiele") und spendet einiges für wohltätige Zwecke. Teure Autos interessieren sie nur als Beratungsobjekt: "Ich fliege oder fahre Taxi."

Die Glücksforschung sagt: Sind die Grundbedürfnisse gedeckt, spielt Materielles eine untergeordnete Rolle für die persönliche Zufriedenheit. Viel Geld bedeutet nicht, sich viel zu kaufen. Es bedeutet, sich viel kaufen zu können. Bedeutet mehr Optionen, mehr Unabhängigkeit, mehr Mobilität.

Manchmal bedeutet es auch, sich ein Stück Freiheit zurückzukaufen, das beim Gelderwerb verloren gegangen ist: Weil der Job Heckelmann zu wenig Zeit für seine Töchter lässt, hat er sie oft spontan besucht, in Amerika, wo die Ältere die Uni besuchte, oder in Paris, wo die Jüngere studiert: "Ohne diesen Job und das Gehalt hätte ich mir das niemals leisten können."



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