Trend zur Auswanderung 43 Prozent der Deutschen liebäugeln mit der Schweiz

Die Schweiz ist für Deutsche das Auswanderungsziel Nummer eins - und sie wird immer beliebter. Laut einer Umfrage könnten sich 43 Prozent der deutschen Beschäftigten vorstellen, in der Schweiz zu arbeiten. Allerdings sind sie dort nicht immer willkommen.
Von Michael Soukup

Hamburg - Schweizer Zeitungen sprechen süffisant von der "Neue deutsche Welle": Alleine im vergangenen Jahr kamen 30.000 Deutsche in die Eidgenossenschaft, insgesamt sind damit schon 200.000 Bundesbürger in das Nachbarland eingewandert. Die Schweiz ist für Deutsche noch vor den USA Auswanderungsland Nummer eins - und sie wird immer beliebter. Eine am Dienstag veröffentlichte Umfrage des Schweizer Internet-Vergleichsdienst Comparis zeigt: 43 Prozent der deutschen Berufstätigen könnten sich grundsätzlich vorstellen, in der Schweiz zu leben und zu arbeiten.

Befragt wurden 1000 deutsche Erwerbstätige ab 18 Jahren vom deutschen Maktforschungsinstitut TNS Infratest. Als Motive für eine mögliche Flucht ins Nachbarland gaben sie häufig das "schöne Land" (für 68 Prozent ein Grund) und die "geringen Sprachbarrieren" (61 Prozent) an. Natürlich schlägt aber einmal mehr das liebe Geld alles. So würden fast 80 Prozent wegen der höheren Löhne sowie geringerer Steuern und Sozialabgaben in die Schweiz ziehen.

Dass die steuerliche Belastung in der Schweiz niedriger ist, hat der Bund der Steuerzahler wie folgt illustriert: Während man in Deutschland im Jahr 2007 durchschnittlich bis zum 13. Juli arbeiten musste, um seine Steuern und Sozialabgaben zu bezahlen, hatte man im Alpenland gemäß eidgenössischem Finanzdepartement schon ab dem 16. April 2007 seine Steuerpflicht erfüllt. Dafür liefert Comparis ein Rechenbeispiel: Ein 35-Jähriger deutscher Single muss für ein Netto-Gehalt von knapp 2000 Euro in Konstanz rund 44.000 Euro brutto im Jahr verdienen, in Zürich würden für den gleichen Netto-Verdienst umgerechnet schon 30.000 Euro brutto ausreichen.

In der Regel sind auch die Schweizer Bruttolöhne deutlich höher. Kein Wunder, dass immer mehr Deutsche in Schweizer Krankenhäusern, Banken, Versicherungen oder Universitäten arbeiten. So sind mehr als zehn Prozent der rund 28.000 in der Schweiz aktiven Ärzte Deutsche. Ein Assistenzarzt verdient monatlich bis zu 4700 Euro dort, in Deutschland höchstens 2500 Euro.

Der Trend hat unangenehme Begleiterscheinungen. Obwohl die Deutschen eigentlich in erster Linie Lücken auf dem Schweizer Arbeitsmarkt füllen, kommen immer wieder antideutsche Ressentiments auf. So titelte letztes Jahr die Schweizer Presse "Deutsche schnappen Schweizern die Arztpraxen weg" oder "Deutsche Ärzte stehen Schlange". Dabei könnten die meisten Schweizer Krankenhäuser ohne deutsches Personal längst zumachen.

Seit dem Liechtensteiner Steuerskandal sind viele Schweizer aber erst recht nicht gut auf die Deutschen zu sprechen. Sie werden gar als Spione verdächtigt, die Daten für deutsche Steuerfahnder besorgen könnten. So erklärte der Geschäftsführer der Vereinigung Schweizerischer Privatbankiers, dass Schweizer Banken wegen der Steueraffäre zurückhaltender bei der Einstellung von deutschen Staatsbürgern sein dürften.

Und noch etwas könnte die Auswanderungslust der Deutschen trüben. Seit 2007 müssen deutsche Autofahrer bei Verkehrsvergehen in der Schweiz öfter zahlen - dank einem bilateralen Polizeivertrag. Alleine in Zürich wurden letztes Jahr 13.253 Ordnungsbußen an Deutsche geschickt. Was dem Kanton Zürich eine Million Franken Bußgelder bescherte.

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