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VERPACKUNG Trick mit Hut

Mit einer Zwei-Liter-Kunststoff-Flasche könnte der westdeutsche Coca-Cola-Ableger eine Müll-Lawine lostreten. *
aus DER SPIEGEL 32/1985

Eine »Verbindung von großer Tragfähigkeit« nannten es die Werbetexter: Die westdeutsche Dependance des US-Getränkekonzerns Coca-Cola ist zur Ehe entschlossen - mit einer neuen Flasche.

Seit Anfang März dieses Jahres ist das kaffeebraune Erfrischungsgetränk auch in der Bundesrepublik in der Zwei-Liter-Packung zu beziehen. Statt Glas wählten die Getränkemanager den ultraleichten Kunststoff PET (Polyethylenterephtalat). Ganze 80 Gramm wiegt der neue Coke-Behälter leer. Allerdings geht er nur einmal zum Brunnen.

30 Pfennig Pfand werden pro Flasche erhoben - das soll die Käufer motivieren, das leere Gefäß wieder zum Händler zurückzubringen. Die Rohstoffhersteller selbst oder Recycling-Unternehmen wollen die Rückläufer dann zerkleinern und zu anderen Kunststoffprodukten weiterverarbeiten. »Die Metamorphose einer Zwei-Liter-Leicht-Flasche«, rühmt die Essener Coke-Zentrale den Zaubertrick, bei dem die Flaschen gleichsam im Hut verschwinden sollen.

Wenn PET verbrannt wird, entsteht nichts außer Wasser und Kohlendioxid, behaupten die Hersteller des Kunststoffs, die Chemiefirmen Hoechst und Imperial Chemical Industries (ICI). Die US-Gesundheitsbehörde FDA habe PET für unbedenklich erklärt.

Das Berliner Umweltbundesamt äußerte sich dagegen zurückhaltend: Über Belastungen durch Verbrennen der Kunststoff-Flaschen lägen »derzeit keine Untersuchungsergebnisse« vor. Jedenfalls aber könnten die PET-Behälter zu einem hartnäckigen Müllproblem werden, denn der verwendete Kunststoff zähle zu den »schwer beziehungsweise nicht verrottbaren Materialien«.

Bei einem fünfmonatigen Testlauf mit den Zwei-Liter-Flaschen 1980 in Nordrhein-Westfalen hatten sich die Recycling-Hoffnungen nur zum Teil erfüllt: Drei von zehn Flaschen waren trotz des Pfandgeldes auf dem Hausmüll gelandet. Mit 90prozentiger Retournierung hatten die Coca-Cola-Vertreter gerechnet.

Auch beim jetzigen, bundesweiten Vorstoß in die Zwei-Liter-Klasse klappt es noch nicht mit dem Rücklauf. »Viele verwenden die leere Flasche im Haushalt«, erklärte ein Coke-Sprecher.

Die Abfallexperten im Bonner Innenministerium befürchten überdies einen Schneeballeffekt. Getränkehersteller, die über keine Rücklauflogistik verfügen, könnten PET-Flaschen als Wegwerfverpackungen auf den Markt bringen. »Wenn Coca-Cola erst einmal angefangen hat, gibt es auch für die anderen kein Halten mehr«, prognostiziert Malte W. Wilkes, Autor des kürzlich erschienenen Buches »Der Krieg der Flaschen«.

Das Nachsehen hätten bei einem Dammbruch die vielen kleinen und mittleren Glashersteller. »Selten ist ein neuer Kunststoff mit so expansionistischen Erwartungen in den Markt gedrückt worden«, urteilt Buchautor Wilkes. Zehn bis 20 Prozent des Glasmarktes würden die neuen Laborprodukte in den nächsten fünf Jahren erobern, erwartet etwa der niederländische Flaschenhersteller PLM-Strongpac, einer der beiden Produzenten des Coca-Cola-Riesen.

Mittlerweile sind die Einpeitscher am Werk. »500 Millionen Menschen in Industrie- und Schwellenländern haben eindeutig der Polyester-Flasche den 'Ja-Stempel' aufgedrückt«, wirbt der westdeutsche PET-Produzent Hoechst für die neue Flaschengeneration. Neben dem im Vergleich zu Glas vierzehnfach geringeren Gewicht haben die PET-Behälter einen weiteren Vorzug: Sie sind nahezu bruchsicher. Einen Sturz aus 2,50 Meter Höhe übersteht die PET-Flasche nach Angaben der Hersteller, ohne zu zerbrechen.

Weltweit stieg der Bedarf an dem neuen Kunststoff für den Getränkemarkt bereits auf schätzungsweise 700000 Tonnen jährlich. Allein die Amerikaner brauchen für Erfrischungsgetränke über fünf Milliarden PET-Flaschen pro Jahr. In nahezu einem Dutzend europäischer Länder füllen Hersteller neben Sprudel auch Bier und Wein, hochprozentigen Alkohol und Kosmetika, Chemikalien und Medizinwässer in die Kunststoff-Flaschen. Mit dem Angriff auf die westdeutschen Cola-Trinker soll jetzt ein »weißer Fleck auf der PET-Landkarte« (Wilkes) kolonisiert werden.

Gesteigerten Absatz versprechen sich die Coke-Manager dabei auch für ihr Getränk. Zehn Prozent Wachstum »oder sogar mehr« steuert der Konzern auf dem westdeutschen Getränkemarkt für dieses Jahr an. Daß auch bisher schon rund 40 Prozent des sprudelnden (in Amerika neuerdings noch süßeren) Frische-Trunks in Ein-Liter-Flaschen verkauft wurden, hatte die Getränkeplaner überhaupt erst auf den Zwei-Liter-Trichter gebracht. Erich A. Kreusch, Coca-Cola-Geschäftsführer in Essen: »Wer mehr Vorrat hat, verbraucht auch mehr.«

Die Coke-Gemeinde wird es wohl schlucken - auch wenn der Vorteil nicht einleuchtet: Wo der Zwei-Liter-Jumbo bisher im Handel angeboten wird, kostet er zwischen 2,59 und 2,99 Mark. Zwei der nur halb so großen Glasschwestern sind schon ab 2,18 Mark zu haben.

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