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KRIMINALITÄT Triviale Hinweise

Wer sich selbständig machen will gerät schnell an Betrüger. Die bieten abenteuerliche Versprechungen und kassieren viel Geld vorab. *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Als Gehaltsempfänger kommt man doch nie auf einen grünen Zweig!« Da ist sich Rolf Meinke _(Name von der Redaktion geändert. )

auch heute noch ganz sicher. »Richtig Geld verdienen«, sagt er, »das kannst du nur als Selbständiger. Aber da braucht man eben den richtigen Einstieg«

Vor zwei Jahren glaubte der 45jährige, bis dahin als Getränkevertriebsfahrer tätig, diesen Einstieg entdeckt zu haben. In der Oldenburger »Nordwest-Zeitung« las er eine Anzeige, die ihn munter machte: »Werden Sie Chef. Informationen zum Selbständigmachen«

Unter der angegebenen Nummer meldete sich die Firma Wapur _(Name von der Redaktion geändert. )

. Geschäftsführer Werner Rantz erklärte, daß es um die Leitung eines chemischen Reinigungsbetriebs gehe. Sodann erläuterte Rantz: Ein Umsatz von 15000 Mark im Monat sei »garantiert erreichbar«; der Verdienst läge bei 7000 Mark; das Ganze werde über das »todsichere Franchise-Konzept« ermöglicht, das den Einstieg in eine erprobte und erfolgreiche Unternehmenskonzeption ermögliche. Rolf Meinke war neugierig geworden und vereinbarte einen Gesprächstermin.

Am nächsten Tag präsentierten ihm die Wapur-Profis ein Ausstattungskonzept, eine Marktstudie mit dem wahrscheinlichen Umsatz und schließlich eine

Investitionsrechnung. 135000 Mark für Maschinen und Geräte. Ladeneinrichtung und Bürounterlagen seien aufzubringen. Der gründungswillige Norddeutsche äußerte zunächst noch Bedenken: Die Investitionssumme überfordere ihn. Doch da war schnell für Abhilfe gesorgt. Der rasch herbeigerufene Vertreter einer Leasingfirma reduzierte die gewaltige Summe auf eine monatliche Mietbelastung von 2300 Mark.

Angst vor dem unternehmerischen Risiko habe er nie gehabt, erinnert sich Meinke. »Es war ja alles abgesichert«

Der Leasingvertrag wurde gleich am nächsten Tag unterzeichnet und durch eine Grundbucheintragung abgesichert: Rolf Meinke bürgte mit seinem Haus für das neue Geschäft. Zwei Monate später war Meinke selbständiger Unternehmer: Im lokalen Plaza-Baumarkt eröffnete er seinen Reinigungsbetrieb.

»Den garantierten Umsatz«, erinnert sich Meinke heute, »habe ich nie erreicht« Seine monatlichen Kosten beliefen sich auf 8000 Mark, die höchsten Einnahmen waren einmal 5000 Mark. Aber aus den Verträgen kam Meinke nicht heraus, vorzeitige Kündigungen wären mit extrem hohen Verlusten verbunden gewesen. Also führte er den Betrieb trotz steigender Defizite weiter. Bis kein Geld mehr da war.

Das bittere Ende: Meinkes Haus wurde im Sommer 1985 zwangsversteigert, er hat Betrugsanzeige gegen die Firma Wapur erstattet.

Die Chancen, beim Schritt ins Unternehmerdasein an die falschen Helfer zu geraten, sind groß. Schwindelfirmen und betrügerische Berater haben Hochkonjunktur, seit der Arbeitsmarkt vielen eine Festanstellung versagt oder sie nicht dort arbeiten läßt, wo sie gern möchten. Die rettende Alternative scheint da so manchem in der beruflichen Selbständigkeit zu liegen.

Zwischen 1979 und 1985 hat sich die Zahl der neugegründeten Firmen verdoppelt, von 156000 auf 318000. Bei den meisten der neuen Selbständigen ist das Wunschdenken stärker ausgeprägt als das unternehmerische Können. Jungunternehmer stellen einen beträchtlichen Teil der 290000 im letzten Jahr zusammengebrochenen Firmen. Die Wirtschaftsjunioren, Nachwuchsorganisation der Industrie- und Handelskammern, stellen fest, »daß jeder dritte Jungunternehmer bereits in der Anfangsphase seinen Betrieb wiederaufgeben muß«.

Die scheitern nicht immer nur an einer falschen Markteinschätzung, an der eigenen Unfähigkeit oder an zuwenig Kapital. Viele Unternehmeraspiranten fallen Nepp-, Schein- und Schwindelfirmen in die Hände, die aus den Hoffnungen anderer auf das große Geld selbst die schnelle Mark ziehen.

Besonders erfolgreich sind Betrüger, die den Anfängern komplette Unternehmenskonzeptionen verkaufen. Da wird

versprochen, eine Existenz als Pelztierzüchter bringe Unabhängigkeit und Vermögen. Der Ideenproduzent liefert die Tiere, die Käfige und die Futtermittel - natürlich überteuert. Dann erweisen sich die Felle als unverkäuflich.

20000 Mark und mehr könne man als selbständiger Finanzmakler verdienen, warb die Hamburger Verlagsfirma Special. Dazu »brauchen sie keine Vorkenntnisse«, das funktioniere, »selbst, wenn sie gestern noch ungelernter, Arbeiter waren und heute ohne Job sind«. Die teuren Unterlagen zum Selbststudium konnte jeder Interessent; beim Verlag kaufen; die Information, daß der Beruf des Finanzmaklers erlaubnispflichtig ist, wurde nicht mitgeliefert.

»Seit Franchising in Deutschland zu einer expandierenden Branche wurde, haben sich auch Kriminelle dieser Geschäftssparte angenommen«, weiß Otto Dobbeck, Geschäftsführer von Pro Honore. Der Verein, seit 60 Jahren für »die Wahrung von Ehrbarkeit und Treu und Glauben im Wirtschaftsleben« tätig, warnt - auf Anfrage - vor bekannten Betrügern, Schwindelfirmen und unredlichen Geschäftspraktiken.

Korrekte Franchise-Geber _(Franchise ist der Amerikanische Begriff ) _(für Konzession. )

überlassen ihrem Partner und Kunden gegen eine angemessene Gebühr oder gegen prozentuale Beteiligung am erwirtschafteten Gewinn Markennamen, Ware und Gebietsschutz. Sie helfen bei der Standortwahl und der Ladeneinrichtung, binden Franchise-Gefolgschaften in überregionale Werbefeldzüge ein und unterstützen die Neulinge manchmal sogar bei der Buchführung.

Die Imbißkette McDonald''s, die Textilhändler Benetton und Bleyle haben mit diesem Vertriebskonzept ebenso erfolgreich gearbeitet wie die Autowäscher von Cosy-Wasch oder die Parfum-Verkäufer von Yves Rocher. Der Franchise-Nehmer profitiert von dem eingeführten Markennamen, der Franchise-Geber bekommt preiswert einen Vertriebsapparat und verdient am Absatz der eigenen Produkte.

Renommierte Unternehmen, die sich ihres Erfolges sicher sind, kassieren von den Franchise-Nehmern Eintrittsgelder: Die Schnelleß-Firma Burger King beispielsweise 80000 Mark, die Fischgeschäftskette Nordsee 3000 Mark.

Diese Vorschüsse, bei soliden Firmen nichts Anrüchiges, haben die Franchise-Branche für Betrüger attraktiv gemacht. Vor jeder Leistung kassieren sie von den zukünftigen Partnern hohe Summen.: Die als Gegenleistung fälligen Waren erweisen sich dann häufig als billiger Schrott: die Unternehmenskonzepte, die den Erfolg sichern sollen, sind meist nur eine Sammlung von Binsenweisheiten und trivialen Hinweisen.

Den Möchte-gern-Unternehmern hohe Vorschüsse aus der Tasche zu ziehen, ohne ihnen Sicherheiten dafür zu bieten,

verlangt Überzeugungskraft. »Diese Betrüger haben ein starkes Gespür für die Hoffnungen ihrer Gesprächspartner«, weiß der Pro-Honore-Mann Dobbeck. Häufig setzen die vermeintlichen Helfer, die ihre Opfer gern in Hotels der Spitzenklasse laden, ihre neugierigen Besucher unter Zeitdruck, nach der Devise: jetzt oder nie. Die Angst, eine einmalige Gelegenheit zu verpassen, ist dann bei manchem stärker als der gesunde Menschenverstand.

Zweihundert Interessenten, die von der Frankfurter Firma Novaport Marketing an einem Samstagnachmittag ins Novotel nach Eschborn geladen waren, wurden stundenlang mit Vorträgen bombardiert. Die Angereisten sollten mit seiner eigenen Firma Werbeplakate an den Klotüren von Gaststätten und Freizeit-Centern anbringen. Alle waren offensichtlich richtig eingestimmt worden, niemand lachte.

Fast alle glaubten dem beredten Verkaufsleiter, daß auf diese Weise mit minimalem Einsatz spielend 256000 Mark pro Jahr zu verdienen seien. Der Hinweis, eine Entscheidung sei wegen der großen Nachfrage sofort erforderlich, ließ fast die Hälfte der Anwesenden einen vorbereiteten Vertrag unterschreiben. Der zugesicherte Gebietsschutz und die spätere Betreuung kosteten die neuen Unternehmer jeweils zwischen fünftausend und sechzehntausend Mark.

Das versprochene große Geld hat noch niemand mit der Toilettenwerbung verdient. Aber Novaport hat mittlerweile rund sechs Millionen Mark von den künftigen Gebietsleitern kassiert. Wer versuchte, aus dem Vertragsverhältnis wieder herauszukommen, prallte ab.

Da half auch nicht, vor Gericht zu ziehen. Die Richter teilten den Klägern regelmäßig mit, was sie vorher hätten bedenken müssen: Verpflichtend sind nicht die vollmundigen Versprechungen bei Werbeveranstaltungen, sondern der unterzeichnete Vertragstext. Und der überträgt das unternehmerische Risiko allein dem Kunden. »Es obliegt dem Unterzeichner, sich über die Einzelheiten seiner Verpflichtungen genau zu informieren«, heißt es in einer Urteilsbegründung des Amtsgerichts Offenbach.

Hilfe leistet Unkundigen auch ein Schutzverein wie Pro Honore. Der gibt einen regelmäßig erscheinenden »Warnungsdienst heraus, in dem auf Betrugsunternehmen hingewiesen wird. Die hilfreiche Instanz ist allerdings in Gefahr. Während die Betrugsbranche boomt, kämpft Pro Honore gegen rote Zahlen. Der Verein lebt von Mitgliedsbeiträgen und Spenden der Privatwirtschaft. Und die kommen nur noch spärlich. »Wir kriegen viel Sympathie, aber wenig finanzielle Zuwendung«, klagt Otto Dobbeck. »Dabei ist Vorbeugen so viel billiger, als nachher Opfer sein«

Es wird wohl noch viele Opfer geben. In überregionalen Tageszeitungen sucht beispielsweise eine Firma mit vielversprechenden Anzeigen Partner für den Einstieg ins Autopflege-Geschäft. 9000 Mark Monatsgehalt bietet das Unternehmen den künftigen Gebietsleitern. Einzige Voraussetzung, das fürstliche Gehalt zu bekommen, ein abzuliefernder Vorschuß von 68000 Mark.

Die Freude, das eigene Geld nach vielen Umwegen als Gehalt wiederzusehen, ist sicherlich groß. Doch sie wird kaum lange vorhalten.

Name von der Redaktion geändert.Name von der Redaktion geändert.Franchise ist der Amerikanische Begriff für Konzession.

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