Trotz Ölpreis-Schock Ökonomen schrauben Wachstumsprognosen hoch

Die Inflation steigt, das Konsumklima verschlechtert sich drastisch - trotzdem blicken führende Wirtschaftsforscher optimistisch in die Zukunft. Für 2008 wollen sie ihre Wachstumsprognosen sogar deutlich erhöhen. Einer der Gründe ist ausgerechnet der hohe Ölpreis.

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Hamburg - Ölpreis-Schock, hohe Inflation, mieses Konsumklima: In der Wirtschaft vergeht kaum ein Tag ohne neue Horrormeldungen. In der vergangenen Woche kostete ein Fass Rohöl erstmals mehr als 135 Dollar, in Deutschland ist Benzin so teuer wie nie. Entsprechend deutlich fällt die Reaktion der Verbraucher aus: An diesem Dienstag stürzte der Konsumklimaindex der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) regelrecht ab. Sowohl bei der aktuellen Lage als auch bei den Erwartungen für die Zukunft sanken die Umfragewerte so tief wie lange nicht mehr.

Supermarkt: Die Verbraucher kaufen mehr ein - trotz der hohen Benzinpreise
DPA

Supermarkt: Die Verbraucher kaufen mehr ein - trotz der hohen Benzinpreise

Droht Deutschland jetzt ein neuer Abschwung?

Keineswegs, sagen Volkswirte. Ihrer Ansicht nach ist die deutsche Wirtschaft immer noch in Bestform. Manche Ökonomen schrauben ihre Wachstumserwartungen sogar nach oben - trotz der verheerenden Konsumstimmung.

Der Grund: Die Wirtschaftsforscher nehmen die GfK-Zahlen nicht allzu ernst. "Sie sind ein schwacher Indikator", erklärt Roland Döhrn, der Leiter der Konjunkturabteilung am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). "Der GfK-Index hat viel mit Bauchgefühl zu tun - aber wenig mit der realen Entwicklung." Aktuell würden die Umfrageergebnisse zum Beispiel von der Armutsdebatte beeinflusst. "Die Bürger sind verunsichert. Das heißt aber nicht, dass sie ihr tatsächliches Einkaufsverhalten ändern."

Dickes Wachstumsplus

Kritisch äußert sich auch Joachim Scheide, Konjunktur-Chef am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). "Ich möchte es vorsichtig formulieren: Der GfK-Index war in der Vergangenheit nicht gerade geeignet, um den Konsum eines gesamten Jahres zu prognostizieren." Mit anderen Worten: Das gemessene Konsumklima kann steigen oder fallen - die reale Wirtschaft kümmert das wenig.

Das IfW ist denn auch optimistisch für die kommenden Monate. Wegen der steigenden Einkommen in Deutschland werde der Konsum um rund ein Prozent steigen, sagt Scheide. Das sei zwar nicht viel, aber mehr als in den vergangenen Jahren. Darüber hinaus würden die Investitionen kräftig zulegen. "Zusammen addiert sich das zu einem guten Gesamtwachstum." In seiner bisherigen Prognose erwartet das IfW ein Plus des Bruttoinlandsprodukts von 1,9 Prozent. Trotz des hohen Ölpreises "muss man davon wohl nicht abweichen", sagt Scheide.

Die Experten des RWI planen sogar, ihre Wachstumsprognose für 2008 nach oben zu revidieren. Bisher erwartete das Institut einen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von 1,7 Prozent. "Das könnte durchaus mehr werden", sagt Döhrn.

Entspannte Lage in den USA

Hauptgrund für die Einschätzung ist die überraschend gute Entwicklung in den Monaten Januar bis März. Denn parallel zu den schwachen GfK-Zahlen legte das Statistische Bundesamt an diesem Dienstag endgültige Daten zum Wirtschaftswachstum im ersten Quartal vor. Demnach stieg das Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum vierten Quartal 2007 um 1,5 Prozent, so stark wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum betrug das Plus sogar 2,6 Prozent. "Diese Zahlen sind ein echter Hammer - im positiven Sinn", sagt Döhrn.

Laut RWI befinden sich Produktion und Auftragseingang auf hohem Niveau, auch die Erwartungen der Unternehmen lägen weit über dem langjährigen Durchschnitt. Hinzu komme, dass sich die Lage in den USA entspanne. "Die Kreditkrise wirkt sich nicht so schlimm aus wie befürchtet", erklärt Döhrn.

Noch optimistischer ist Christian Dreger, der Leiter der Konjunkturabteilung am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Bisher erwartete er für das Gesamtjahr ein Wachstum von 2,0 Prozent, doch diesen Wert hat die Volkswirtschaft schon allein im ersten Quartal erreicht. Bis Ende 2008 könnte das Plus jetzt deutlich größer werden. "Wir halten 2,5 Prozent für gut möglich", sagt Dreger. "Schwach wird dieses Jahr sicher nicht."

"Der hohe Ölpreis nützt der deutschen Wirtschaft"

Mit ein Grund sind die Einkommen, die in Deutschland immer noch stärker steigen als die Inflation. Außerdem entwickelt sich der Arbeitsmarkt äußerst positiv: "Im aktuellen Aufschwung sind 1,4 Millionen Arbeitsplätze entstanden, so viele wie seit der deutschen Einheit nicht mehr", sagt Dreger. Insgesamt erwartet der DIW-Experte deshalb ein Konsum-Plus von 1,5 bis 1,6 Prozent. Zusammen mit dem stabilen Export und den kräftigen Investitionen reicht das für ein ordentliches Wachstum der Gesamtwirtschaft - GfK-Index hin oder her.

Selbst der extrem hohe Ölpreis wird die Konjunktur nicht abwürgen, schätzen Fachleute. Im Gegenteil: Die teure Energie nütze der deutschen Wirtschaft mehr, als sie ihr schade, sagt Döhrn vom RWI. "Der hohe Ölpreis hat eine globale Umverteilung ausgelöst." So erzielten Regionen wie Lateinamerika enorme Rohstofferlöse. Dieses Geld werde nun ausgegeben - vor allem für Maschinen made in Germany.

"Natürlich dämpft die teure Energie die Binnennachfrage in Deutschland", erklärt Döhrn. Gleichzeitig lege aber der Export zu. "Das ist der Grund, warum der Konsum nur mittelmäßig wächst, die Gesamtwirtschaft aber trotzdem gut läuft."



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