Trotz Pfund-Absturz Briten bekennen sich zu ihrer Euro-Phobie

Schock auf der Insel: Skifahren in den Alpen ist plötzlich unbezahlbar, der Sommerurlaub an der Costa Brava in Gefahr. Das Pfund, einst die teuerste Währung der Welt, ist nur noch etwas mehr als einen Euro wert. Doch das Gemeinschaftsgeld wollen die Briten trotzdem nicht.


London - Sterling-Schock, Pound Zero, Ein-Pfund-Euro - seit Wochen malt sich der britische Boulevard mit wohligem Schaudern das nahende nationale Trauma aus. Es gab Momente, da schien es bereits so weit: Der stolze Sterling, überflügelt vom einst als "Toilettenwährung" verspotteten Euro Chart zeigen. In den vergangenen Tagen konnte sich das taumelnde Pfund leicht erholen, aber das P-Wort bleibt in aller Munde: Parität.

Pfund-Währung: "Mamma mia, sind wir jetzt ärmer als die Italiener?"
REUTERS

Pfund-Währung: "Mamma mia, sind wir jetzt ärmer als die Italiener?"

Die ersten heimkehrenden Touristen berichten, dass sie in der Wechselstube weniger als einen Euro für ein Pfund bekommen haben. Die "Sun" rechnete ihren Lesern vor, dass die "Booze Cruise" genannte Bier- und Wein-Einkaufstour über den Ärmelkanal sich nicht mehr lohne, weil der Alkohol in Frankreich jetzt viel teurer sei. Und selbst der linksliberale "Guardian" fragte bang: "Mamma mia, sind wir jetzt ärmer als die Italiener?"

Rund ein Viertel seines Werts hat das Pfund im vergangenen Jahr gegenüber dem Euro eingebüßt. Zu Beginn dieser Woche wurde der Abwärtstrend zunächst gestoppt, weil die Märkte mit einer Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) rechnen und gegen den Euro wetten. Doch das Pfund bleibt unter Druck, weil Großbritannien besonders von der Finanzkrise getroffen ist.

Schwaches Pfund lässt Euro-Befürworter hoffen

Das schwache Pfund lässt nun die Euro-Befürworter auf der Insel hoffen. Erstmals seit Jahren wittern sie eine Gelegenheit, die traditionelle Euro-Phobie ihrer Landsleute zu durchbrechen. Ein starker Euro, spekulieren sie, macht das Angebot attraktiver. Passend dazu wird kommende Woche in London ein Bericht vorgestellt: "10 Jahre Euro - neue Perspektiven für Großbritannien". Tenor der rund 30 Beiträge von Politikern, Professoren und Meinungsmachern: Es ist Zeit, den Euro einzuführen.

Davor ist die Labour-Regierung bisher immer zurückgeschreckt. Premierminister Gordon Brown war bereits als Finanzminister unter Tony Blair ein entschiedener Euro-Gegner, weil er das britische Wirtschaftsmodell für überlegen hielt. Und auch jetzt, da der angelsächsische Finanzkapitalismus diskreditiert ist, will er keine gefährlichen Gerüchte aufkommen lassen. Als EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso jüngst frohlockte, wichtige Leute in der britischen Regierung dächten über die Einführung des Euro nach, wurde dies eilig dementiert. Als Quelle vermuteten die oppositionellen Tories sofort Wirtschaftsminister Peter Mandelson, früher EU-Kommissar und bekennender Euro-Fan.

Browns Vorsicht hat gute Gründe: Das Gerede über den Euro ist eine Steilvorlage für die konservative Opposition und die ihnen nahestehende Presse. Leute wie Mandelson redeten "den Sterling runter", schimpfte der Schattenaußenminister der Tories, William Hague, in der "Sun".

71 Prozent der Briten gegen den Euro-Beitritt

Die Tories wissen die Bevölkerung in dem Punkt hinter sich. An der breiten Abneigung gegen den Euro hat sich bislang nichts geändert. "Währungsschwankungen können die Liebe der Briten zum Pfund nicht erschüttern", sagt Martin Boon, Meinungsforscher von ICM. Für viele sei die eigene Währung gleichbedeutend mit nationaler Unabhängigkeit. Boons Institut hat kurz vor Weihnachten eine Umfrage gemacht. 71 Prozent der Befragten waren gegen einen Beitritt Großbritanniens zur Euro-Zone. Nur 15 Prozent sagten, sie seien aufgrund des schwachen Pfundes offener für den Euro.

Die Ergebnisse kommen für Meinungsforscher nicht überraschend. "Die unterschwellige Feindseligkeit gegen den Euro sitzt tief", sagt Graig Baker vom Meinungsforschungsinstitut Comres. Besonders die mittleren und unteren Schichten lehnten ihn ab. Nationalstolz spiele eine Rolle, aber mehr noch schlichter Konservatismus, eine Abneigung gegen Neues. Wer außerdem nicht viel verreise, habe keine positiven persönlichen Erfahrungen mit dem Euro.

Baker will nicht ausschließen, dass die öffentliche Meinung sich in den kommenden Monaten noch verschiebt, wenn die Rezession richtig spürbar wird. Doch hält er einen grundlegenden Meinungsumschwung für unwahrscheinlich. "Die Leute sehen das Pfund nicht primär unter finanziellen Gesichtspunkten", sagt er.

Die Rezession liefert sogar neue Argumente gegen die Gemeinschaftswährung. Statt in den Euro zu flüchten, empfehlen Ökonomen der Regierung, die Vorteile des schwachen Pfunds zu nutzen: Billige Exporte und mehr Inlandstourismus können die Konjunktur ankurbeln. Gerade in der Rezession sei eine eigene Währung sehr nützlich, sagt Iain Begg, Professor an der London School of Economics. Einen raschen Euro-Beitritt hält der Euro-Befürworter daher für falsch: In der Krise brauche man eine flexible Geldpolitik, der Euro sei eher ein langfristiges, strategisches Projekt. "Wir sollten den Euro nicht einführen, bloß weil wir Probleme haben", sagt Begg.

An eine größere Bewegung für den Euro glaubt er nicht. "Es mag noch eine Diskussion im Sommer geben, wenn die Massen an die spanischen Strände fahren und das Pfund sich bis dahin nicht erholt hat", sagt Begg. "Aber bisher haben nur die Wohlhabenden das Problem, dass das Skifahren teurer geworden ist".



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kollateralschaden 18.12.2008
1. Alles Schrottwaehrungen
Und ein neuer Katastrophen-Thread! Jippieh, danke, sysop ;-) Zum Thema: Erst kollabiert das Pfund, dann der Dollar und dann der Euro. D waere im Grunde gut beraten, die Euro-Zone zu verlassen, wenn das so weiter geht. Die Italiener koennen ja zusammen mit den Briten, den Spaniern und den Griechen eine Waehrung aufmachen.
Rainer Helmbrecht 18.12.2008
2.
Zitat von sysopEuropaweit verschulden sich Staaten, um die Finanzkrise in den Griff zu bekommen. Die EZB sieht deswegen die Stabilität des Euro gefährdet. Bedroht die Schuldenpolitik der Regierungen die Gemeinschaftswährung?
Darf ich die Frage so verstehen, dass wir unsere gute, alte DM wiederbekommen. Das wäre ja ein Geniestreich von unserer Frau Kanzlerin. Dann hätte ich sie ja total unterschätzt;o). MfG. Rainer
affordable, 18.12.2008
3.
Zitat von Rainer HelmbrechtDarf ich die Frage so verstehen, dass wir unsere gute, alte DM wiederbekommen. Das wäre ja ein Geniestreich von unserer Frau Kanzlerin. Dann hätte ich sie ja total unterschätzt;o). MfG. Rainer
Vieleicht wird's ja MDN - Mark der Notenbank der DDR... ;-)
querdenker13 18.12.2008
4.
Zitat von sysopEuropaweit verschulden sich Staaten, um die Finanzkrise in den Griff zu bekommen. Die EZB sieht deswegen die Stabilität des Euro gefährdet. Bedroht die Schuldenpolitik der Regierungen die Gemeinschaftswährung?
Die Staaten der Eurozone sind doch nur wegen der Geldgeilheit einiger Bankstermanager in diese Situation gekommen. Und da man anscheinend Angst vor diesen 'Wirtschaftskriminellen' hatte und hat werden leider nicht an die Leine genommen sondern auch noch mit Hunderten von Milliarden belobigt. Und anstatt diese Beträge an den Kunden weiter zu geben teilen die sich dass Geld unter sich auf und erhöhen mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ihre Gehälter.
vanton 18.12.2008
5.
Zitat von Rainer HelmbrechtDarf ich die Frage so verstehen, dass wir unsere gute, alte DM wiederbekommen. Das wäre ja ein Geniestreich von unserer Frau Kanzlerin. Dann hätte ich sie ja total unterschätzt;o). MfG. Rainer
ROFL! Wieviel Euro diese Wiedereinführung der DM wohl kosten mag?!
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