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Banken »Trübe Erfahrung«

aus DER SPIEGEL 8/1994

Martini, 58, ist Vorstandssprecher der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Banken.

SPIEGEL: Vor einem Jahr haben Sie dem Bundeskanzler versprochen, daß die Kreditwirtschaft für eine Milliarde Mark Ost-Unternehmen von der Treuhandanstalt übernimmt. Bis heute wurde davon nur ein Bruchteil investiert. Weshalb haben Sie Ihr Wort gebrochen?

Martini: Das war kein Wortbruch. Die gesamte Kreditbranche war gebeten worden, am Solidarpakt Ost mitzuwirken. Ich habe den Kanzlerwunsch nur entgegengenommen und weitergeleitet. Die privaten Banken, die ich als Verbandspräsident vertrete, haben dann die Beteiligungsgesellschaft Neue Länder, kurz BNL, gegründet.

SPIEGEL: Die Treuhand beklagt, daß von 214 zum Verkauf stehenden Ost-Unternehmen nur 2 verkauft wurden. Warum sind die Banken so zurückhaltend?

Martini: Wir kommen mit der Treuhandanstalt überhaupt nicht zurecht. Ich habe schon mit vielen Behörden gearbeitet, aber so etwas ist mir noch nicht untergekommen. Natürlich hat die Treuhand andere Motive: Sie soll möglichst schnell alles verkaufen, um zum Jahresende ihre Bücher zu schließen. Ob die Betriebe dann saniert sind oder nicht, ist nicht ihre erste Priorität. Auf dieser Basis können Banken aber nicht arbeiten.

SPIEGEL: Aber sanierungsfähige Betriebe können sie übernehmen.

Martini: Das versuchen wir ja fortwährend. Laufend gehen Briefe an die Treuhand, in denen wir unser Interesse bekunden. Mit dieser Art von Gütesiegel geht die Berliner Anstalt anschließend auf den Markt und sucht neue Kaufinteressenten.

SPIEGEL: Das nennt sich Wettbewerb.

Martini: Den bejahen wir grundsätzlich. Wir haben zwar unsere Hilfe zugesagt, andererseits sind wir nicht gerade darauf versessen, 400 Millionen Mark in Treuhand-Unternehmen zu investieren. Zudem ist es üblich, dem Interessenten nach Abgabe einer Erklärung etwas Zeit zur genauen Prüfung der Firma zuzubilligen. Die Treuhand macht das grundsätzlich anders: Vereinbart man Vertraulichkeit, geht sie erst recht an die Öffentlichkeit.

SPIEGEL: Ihre Angebote werden der Treuhand zu kümmerlich sein.

Martini: Wenn der Preis oder die Auflagen für das Unternehmen zu hoch sind, führt das in aller Regel in die Pleite.

SPIEGEL: Heute hält die Treuhand immerhin 214 Unternehmen für überlebensfähig.

Martini: Eine Behörde, die für ihre Schulden nicht zur Rechenschaft gezogen wird, hat eine andere Einschätzung über die wirtschaftlichen Aussichten einer Firma als eine Bank, die jede Beteiligung bilanzieren muß. Wir halten viele dieser Firmen für nicht sanierungsfähig.

SPIEGEL: Für welche Firmen interessieren Sie sich denn gerade?

Martini: Die BNL hat gerade für vier Unternehmen Interesse bekundet: die Elektrokohle Lichtenberg AG für 2,8 Millionen Mark, die Stendaler Landbäckerei GmbH für 1,5 Millionen Mark sowie die Rapido-Waagen- und Maschinenfabrik GmbH Radebeul und die Hydraulik Schwerin GmbH für einen Preis von nahezu Null. Dazu würden wir Beschäftigungsgarantien für 500 Mitarbeiter geben und 27 Millionen Mark investieren.

SPIEGEL: Über wieviel Kapital verfügt die BNL heute?

Martini: Insgesamt 400 Millionen Mark, das ist der Anteil, der auf die privaten Banken entfällt. Mangels Investitionen legen wir das eingezahlte Kapital von 200 Millionen Mark auf dem Geldmarkt an.

SPIEGEL: Wann stellen Sie Ihre Bemühungen ein?

Martini: Wenn mit der Treuhand absolut nichts mehr zu machen ist. Doch bislang versuchen wir immer wieder, mit der Treuhand zurechtzukommen.

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