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AACHENER KLINIKUM Tückische Pfützen

Das Monsterkrankenhaus ist noch nicht fertig, da ist es schon teilweise hinfällig: Es regnet durch die Fenster, in den Decken rostet der Stahl. *
aus DER SPIEGEL 28/1984

Ärzte und Studenten, Patienten und Personal des neuen Aachener Klinikums erinnern sich gerne an den trauten Teich vor dem Monsterbau. In ihm schwammen Fische, um ihn herum wuchs üppiges Grün. Im Spiegelbild des Wassers schrumpfte das größte vollklimatisierte Gebäude Europas mit seinen zwei Dutzend 50 Meter hohen Versorgungstürmen zu menschlichen Dimensionen.

Seit ein paar Wochen ist der Teich leer. Ein Teil des Wassers sickerte durch die Decke in einen zweigeschossigen unterirdischen Anbau des Klinikums, der Rest wurde abgepumpt.

Jetzt tauchen immer mal wieder Grüppchen von Experten an der Matschpfütze auf, begutachten die Lage, fachsimpeln darüber, ob der Schaden zwei oder drei Millionen Mark beträgt.

Nicht nur der Teich vor dem noch nicht ganz vollendeten Aachener Klinikum ist sanierungsbedürftig. Während Untersuchungsausschüsse und Rechnungshöfe noch über Fehlplanung und Kostenexplosion in der 13jährigen Bauzeit streiten, haben Gutachter in internen Berichten schon wieder Schlimmes zusammengetragen: Das Zwei-Milliarden-Ding ist von Bauschäden bedroht, die selbst eine zwangsweise Stillegung nicht ausschließen.

Die Fassade ist undicht. Zwischendecken, auf denen die gesamte Installation ruht, sind von Korrosion bedroht. Der Sichtbeton wäscht aus, überzieht die Fenster mit einem grauen Belag.

Schon vor vier Jahren war Inspekteuren der nordrhein-westfälischen Bauverwaltung aufgefallen, daß sich in den Räumen, wenn es stark geregnet hatte, hier und da Pfützen bildeten. Doch der Generalunternehmer, die Neue Heimat Städtebau, zerstreute die Bedenken: Das sei Schwitzwasser, kein Grund zur Besorgnis. Um an die Restzahlungen zu kommen, ließ sich die Arbeitsgemeinschaft Metallbau, von der die Fassade gebaut worden war, vom Rosenheimer Institut für Fenstertechnik bestätigen, daß die Fensterfront keine Mängel aufweise.

Doch die Wasserflut schwoll an. Hinzu kam, daß immer mehr der fast zwei Meter hohen doppelschichtigen Glaselemente blind wurden und die Dichtungswülste rund um die Fensterscheiben rissen und ausbeulten.

Ein internes Gutachten, von der Düsseldorfer Regierung in Auftrag gegeben, bestätigte jetzt die schlimmsten Befürchtungen. Die gesamte Fassade ist falsch konstruiert. Die Fenster verschieben sich gegeneinander, zerreiben Dichtungen und zerreißen Halterungen. In den Einfassungen der Isoliergläser fängt sich das Wasser, frißt Löcher in die seitlichen Abdichtungen des doppelwandigen Glases und verwandelt die Scheiben in milchige, undurchsichtige Blindgläser.

Ein zweiter Gutachter der Ratinger Firma Baustoff-Forschung Buchenhof bestätigte den Befund: Bei stürmischem Regenwetter sei die Metallfassade undicht. Die ständige Nässe zerstöre die Dichtungen zwischen den Fenstern.

Mit Nachbesserung, so der Gutachter, sei da nichts mehr zu machen. 15 Kilometer Fensterfront müssen erneuert werden. Mindestkosten: 40 Millionen Mark.

Ein Verantwortlicher für den Murks am Aachener Riesenbau (der Gutachter: »Die Ausführung der Fassade entsprach nicht dem Stand der Technik") ist nicht zu finden. Die Fassadenfirma von damals, eine Arbeitsgemeinschaft aus zwei Unternehmen, befindet sich in Liquidation.

Die Architekten, nach deren Angaben die kurzlebige Konstruktion gebaut wurde, lehnen jede Verantwortung ab. Brieflich ließen die Aachener Architekten Weber, Brand + Partner die Sonderbauleitung wissen, man möge sie doch endlich mit den ständigen Schadensforderungen verschonen, die Architekten zumindest trügen dafür »keinerlei Verantwortung«.

Schlimmer noch als das undichte Äußere am Aachener Klinikum kann sich ein zweiter, jetzt ebenfalls von Gutachtern bestätigter Schaden auswirken, der sich heimtückisch durchs Gebäude frißt.

In drei mannshohen Zwischenetagen, die den gesamten Großbau durchziehen, sind sämtliche Installationen - Heizung, Lüftung, Versorgungsleitungen - untergebracht. Diese wichtigsten Etagen des gesamten Bauwerks ruhen auf Leichtbaudecken. Deren Haupt-Bestandteile sind verzinkte Stahlbleche, die seinerzeit aus Gewichtsgründen anderen Bauelementen vorgezogen wurden.

Die Bleche aber entsprachen nicht den vorgeschriebenen Feuerschutzanforderungen. Also wurde der Hohlraum zwischen oberem und unterem Zinkblech mit einem leichten Brandschutzmittel gefüllt.

Das war, so zeigt sich heute, ein Fehler. Zwischen dem Zinküberzug der Stahlplatten und Bestandteilen des Brandschutzmaterials, so die Gutachter, kommt es unter Einwirkung von Feuchtigkeit zu elektro-chemischen Reaktionen. Zu deutsch: Die Stahlplatten rosten nach und nach durch.

Schon zeigen sich an den Decken in einigen gerade bezogenen Abteilungen schmutzig-braune Flecken. In der Dermatologie mußten bereits Stahlplatten ausgewechselt werden. Nur: Das geht nicht überall. Die Zwischenetagen sind derart mit Kabeln und Röhren vollgestopft, daß die Decken nur nach einer Demontage der Versorgungsleitungen saniert werden könnten. Das aber bedeutet, Teile des Klinikums müßten lahmgelegt werden, unter Umständen auf Jahre.

Am rentabelsten wäre es wohl, diese Bereiche einzumotten. Denn von den rund 1500 Betten, so vermuten Kenner, werden ohnehin wenig mehr als die Hälfte auf Dauer belegt sein.

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