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29. Januar 2019, 13:39 Uhr

Türkische Geisterstadt Burj Al Babas

"Pesthauch in schöner Landschaft"

Nahe der türkischen Küste starren die schwarzen Fensterhöhlen von 500 leer stehenden Schlösschen in die Landschaft. Ist das ein Symbol für die Wirtschaftskrise der Türkei - oder doch eher für die Geschmacksverirrung der Bauherren?

Knapp 200 Kilometer östlich von Istanbul liegt Mudurnu, ein 5000-Einwohner-Städtchen, von dem Architekturkenner und Lokalpolitiker sagen, seine Architektur habe traditionell tiefe Wurzeln in der Geschichte, sie gehe auf Byzanz zurück und das Osmanische Reich. Die Unesco führt Mudurnu deshalb als "historische Gildestadt" auf der Vorschlagsliste für Weltkulturerbe.

Ein paar Kilometer entfernt von dem Städtchen macht die Architektur schmerzlich erkennbare Anleihen bei Disney-Filmen. Der türkische Baukonzern Sarot hat dort eine für ausländische Touristen gedachte Feriensiedlung in die Hänge gestampft. Etwa 500 weitgehend baugleiche Schlösschen stehen in der Anlage namens Burj Al Babas in enger Reihe - und sie stehen alle leer.

Der Konzern Sarot hat im vergangenen Jahr Bankrott angemeldet, die Firma hat laut einem Bericht des "Guardian" rund 23 Millionen Euro Schulden angehäuft. 587 der ursprünglich geplanten 732 Gebäude seien fertiggestellt. Allerdings hätten sich dafür weniger zahlungskräftige Käufer als gedacht gefunden. Verkaufen wollte die Firma die Schlösschen (Kaufpreis: 350.000 bis 500.000 Euro) eigentlich an Interessenten aus dem arabischen Raum.

Wer ist schuld?

Nun werden Schuldige für die Misere gesucht. Türkische Medien berichten, die Anwohner der historischen Stadt Mudurnu hätten den Projektentwicklern das Leben schwer gemacht, weil sie gegen die Verschandelung der Landschaft protestierten. Das britische Klatschblatt "Daily Mail" wiederum vermutet, Ursache sei die Wirtschaftskrise, in die Präsident Recep Tayyip Erdogan das Land gestürzt habe.

Womöglich liegt der Grund für die Schwierigkeiten allerdings auch in dem Projekt selbst begründet. Es handele sich um eines der zahlreichen Bauvorhaben in der Türkei, "die weder Geografie noch die Geschichte in ihrem Umfeld kontextualisieren", zitiert der "Guardian" den Istanbuler Stadtplanungsexperten Yasar Adnan Adanali. Weniger diplomatisch formuliert: Womöglich gibt es einfach keine Käufer. Wer mag schon seine Ferien in einem Umfeld verbringen, das wirkt, als wäre es den unruhigen Fieberträumen eines Comiczeichners entsprungen?

Auf der Website des angesehenen Architekturmagazins "Dezeen" lassen die Kommentatoren jedenfalls kaum ein gutes Haar an der Anlage. "Ich kann mir vorstellen, betrunken zu werden mit Raki und dann unfähig zu sein, das eigene Haus zu finden. Noch lustiger wäre, das falsche Haus zu betreten und dann zu vesuchen, ins Bett zu kriechen", schreibt ein Nutzer. Die Anlage, schreibt ein anderer, sei schlicht "ein Pesthauch in einer schönen Landschaft".

beb

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