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Türkei-Tourismus: »Anatolien entjungfern«

Die letzte, bislang unberührte Küste des nördlichen Mittelmeeres ist jetzt dran: Der Massentourismus erobert die Türkei. Die Regierung behauptet, aus den Fehlern der Spanier gelernt zu haben. Aufgelockerte, höchstens viergeschossige Bauten sollen entstehen. Die Umweltschützer formieren sich zum Widerstand. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Bei Dienstschluß, werktags wie sonntags 16.00 Uhr, ist für Adlan noch lange nicht Feierabend. Der junge Türke streift dann die Kellnerkluft ab, zieht seine zerschlissenen Jeans an und eilt zum nächsten Job.

Bis in die späten Abendstunden sitzt Adlan in der Avis-Filiale unten am alten Hafen des Touristen-Städtchens Marmaris und vermietet Autos an Urlauber. Mit der vorwiegend deutschen Kundschaft hat der fixe Junge keine Probleme - sein Deutsch ist besser als die Muttersprache.

16 Jahre lebte Adlan als Gastarbeiterkind im westfälischen Münster; vor zwei Jahren kam er mit dem arbeitslosen Vater in die Heimat zurück. Jetzt will der Jungtürke bleiben, nach der Saison eine Hotelfachschule besuchen und Karriere machen.

Die Chancen stehen gut. Burschen wie Adlan sind gefragt, im Hotelfach ebenso wie in anderen Sparten des anatolischen Touristikgewerbes.

Vor allem die Deutschen haben die Türkei als Urlaubsziel entdeckt. Aber auch Briten und Franzosen, Amerikaner und Japaner buchen zunehmend Reisen nach Vorderasien. Da ist Personal gefragt, das verwöhnten Fremden fachgerecht zu Diensten steht.

An die drei Millionen Touristen werden diese Saison die Strände und Buchten der türkischen Mittelmeerküste heimsuchen. Das ist nicht viel im Vergleich zu den 30 Millionen, die ihre Ferien Jahr für Jahr im europäischen Lieblingsland Spanien verleben, oder den fast acht Millionen, die nach Griechenland fahren.

Lange waren es fast ausschließlich vereinzelte Rucksack-Touristen und Kultur-Interessierte, die zu den geschichtsträchtigen Stätten Vorderasiens pilgerten. Größere Kopfzahlen, die den Appetit der Reisekonzerne geweckt hätten, kamen dabei nicht zusammen.

Jetzt aber beginnen die großen Reiseveranstalter, die Ströme ihrer Massenkundschaft in die Türkei zu

lenken. Diesen Touristen geht es vor allem um garantierten Sonnenschein, komfortable Unterbringung und ein Stück Strand am Mittelmeer. Die Sehenswürdigkeiten von Troja oder Ephesus, die Felsengräber von Kaunos oder die zahllosen Reste alter Kulturen sind nur nebenbei gefragt.

Die klassische Voraussetzung des Pauschal-Tourismus stimmt in der Türkei: Kaum ein anderes Urlaubsland ist so billig für Deutsche. »Eigentlich«, sagt eine junge Hamburgerin auf dem Flug nach Dalaman, »wollte ich ja wieder nach Griechenland - aber dort ist es so teuer geworden.« Also hat sie die Türkei gewählt - da ist trotz hoher Inflation die Mark fast das Doppelte wert.

Unternehmen wie die Hannoveraner Touristik Union International (TUI) warten inzwischen mit stattlichen Zuwachsraten auf. 1984 brachte die TUI gerade 2400 deutsche Urlauber in die Region um die alte Hafenstadt Antalya; 1986 kamen schon mehr als 14000, dieses Jahr werden es gut 37000 sein.

Die Planzahl für das kommende Jahr steht bereits fest: »1988 erwarten wir hier 60000 Gäste aus Deutschland«, da ist TUI-Statthalter Torsten Buhl vor Ort in Antalya ganz sicher.

Ankaras offizielle Politik wartet sehnsüchtig auf die Fremden. »Ein Land wie das unsere«, klagt Premierminister Turgut Özal, »hätte sich bei der Entwicklung seines Tourismuspotentials nicht so verspäten dürfen.«

Den Regierungschef ärgert, daß die griechischen Nachbarn es bereits in den 70er Jahren schafften, Millionen von Urlaubern aus westlichen Industrieländern ins Land zu locken.

Nun will Özal endlich auch für die Türkei einen Anteil am devisenbringenden Feriengeschäft. Im schnellen Aufbau einer Tourismus-Industrie sieht Ankaras starker Mann die einzige Chance, wirtschaftlich wenigstens halbwegs den Anschluß an die Länder der Europäischen Gemeinschaft zu finden.

Mit allen Mitteln der Propaganda versuchen Özal und sein Tourismus-Minister Mesut Yilmaz ausländische Investoren zu mobilisieren und das Volk für die neue Sache zu gewinnen.

Die Offerten an fremde Geldgeber und Touristikunternehmer sind günstig wie nie zuvor. Im heimischen Fernsehen, im Funk und in den Zeitungen werden die Segnungen des Feriengeschäfts gepriesen. In der Schule ist der Tourismus gar zum Pflichtfach avanciert; die Schüler sollen lernen, mit den Leuten aus der Fremde umzugehen.

Ein Jahrzehnt zuvor war ein erster Versuch der Türken kläglich gescheitert. Die Flugplätze waren damals zu weit von den Ferienorten entfernt, den Hotels mangelte es an geschultem Personal. Zudem schreckten wirtschaftliches Chaos und politische Unruhen selbst wohlmeinende Urlauber und Veranstalter. Reiseriesen wie TUI strichen Anatolien kühl wieder aus dem Programm. Es war dort schlicht kein Geld zu verdienen.

Doch jetzt füllen bunte Bilder von traumhaften Buchten, weiten Stränden und feinen Unterkünften wieder die Hochglanzbroschüren. Mit »modernen Ferienanlagen und antiken Sehenswürdigkeiten« locken die Texte.

Der Türkei-Tourismus«, glaubt TUI-Reiseleiterin Ulrike Probandt in Marmaris, »wird in den nächsten Jahren erst richtig losgehen.« Die Touristikexpertin hält zwischen Bodrum und Fethiye ständig Ausschau nach neuen Hotels und Pensionen für das TUI-Angebot daheim.

Spekulanten und Investoren aus aller Welt zeigen plötzlich Interesse für das bislang belächelte Land am Bosporus. Banken, Ölfirmen und andere Branchenfremde aus Deutschland und Frankreich, aus England, den USA und Japan investieren in Ferienanlagen und Hotelkomplexe.

Auch einheimische Teppichhändler und Zahnärzte, Baulöwen und Industrielle stecken ihr großes und kleines Geld in Projekte im Ferienland. Die Mittelmeerküste zwischen Bodrum im Westen und Alanya im Osten erlebt einen Bauboom, wie ihn die Türken nicht einmal zu den glorreichen Zeiten des großosmanischen Reiches erlebt haben. Vor allem, seit die deutschen Urlauberscharen die Südwesttürkei erreicht haben und der Nachschub gesichert scheint, macht sich eine Art Goldgräberstimmung breit.

Neben bereits gut gefüllten Hotels wachsen in Bodrum und Marmaris, in Fethiye und Kas, Finike und Antalya die Betongerippe neuer Komplexe empor. Für derzeit noch entlegene Buchten planen Architekten und ihre Auftraggeber bereits künftige Urlaubszentren.

Bonn hilft kräftig mit. Die bundeseigene Deutsche Finanzierungsgesellschaft für Beteiligungen in Entwicklungsländern (DEG) ist an mehreren Projekten beteiligt, die Türken verhandeln über weitere Kredite.

Noch Ende der 70er Jahre hatte die Türkei kaum mehr als 50000 halbwegs passable Fremdenbetten zu bieten. Inzwischen ist die Zahl auf mehr als 100000 gestiegen.

Das ist nur eine flüchtige Zwischenrechnung. In den 90ern, so hoffen Optimisten in Ankara, werden in Hotels und Pensionen, Feriendörfern und Apartmenthäusern mehr als eine halbe Million Übernachtungsmöglichkeiten bereitstehen.

»Wir werden nicht die Fehler wiederholen«, verspricht Premier Özal, »die alte Urlaubsländer wie Spanien gemacht haben.« Keine Massenunterkünfte in vielstöckigen Betonsilos, keine dichtgedrängten Hotelburgen, keine zugepflasterten Strände.

Der gute Wille ist da: Ferienbauten sollen höchstens vier Stockwerke Höhe haben und, so die Richtlinien aus der Hauptstadt, »harmonisch in die Landschaft integriert« werden. Nicht ein einziger Baum darf gefällt werden, um Ferienhäusern Platz zu machen - so sagt es jedenfalls das Gesetz.

Der schöne Vorsatz freilich wird schon jetzt nicht mehr überall eingehalten. In dem früheren Fischerdorf Side etwa sind bereits siebenstöckige Häuser geplant, in der Bucht von Marmaris drängeln sich

alte und neue Hotelbauten eng nebeneinander.

Die Planer in Ankara plagen inzwischen andere Sorgen. Aus Furcht, der Kapitalstrom aus anderen Ländern könnte vielleicht doch schnell wieder versiegen, lockert die Regierung immer mehr die einst strengen Bestimmungen für Beteiligungen und Investitionen.

Noch Anfang der 80er Jahre durften Ausländer auch im Tourismus nur Minderheitsbeteiligungen an türkischen Unternehmen halten. Die Fremden sollten nicht das Sagen haben. Doch seit einiger Zeit können Fremde auch ohne einheimische Partner Hotels und Feriendörfer betreiben.

Der Gewinntransfer ins Ausland wird - anders als vor Jahren - garantiert. Für den Ferienbetrieb nützliche Importware wie Alkohol, Zigaretten und Luxusartikel sind - unter bestimmten Voraussetzungen - zollfrei.

Özals Pläne und Propaganda zeigen nicht nur bei fremden Geldgebern Wirkung, auch daheim kommt freudige Erwartung auf. Vorbei ist es mit der orientalischen Gelassenheit, jedenfalls an der Touristenküste.

Die zahlreichen Bauern an der Küste die ohnehin nicht zu den Ärmsten des Landes gehören, hoffen auf besseren Absatz für ihre Apfelsinen, Tomaten und Melonen. Händler rangeln in den Gassen und Basaren um die besseren Plätze für ihre zunehmend touristengerechte Ware. Der Verkaufshit des Jahres 1987: gefälschte Lacoste-Hemden für umgerechnet acht Mark.

»Zugegeben, unser Land lag lange in einer Art Halbschlaf«, sagt Tourismus-Staatssekretär Gültekin Özkan. Doch jetzt, glaubt der hohe Beamte, sei die Türkei »im Umbruch«, der Fortschritt »nicht mehr aufzuhalten«.

Genau das fürchten Kritiker. Ihnen ist die Geschwindigkeit zu hoch, mit der das türkische Touristikgewerbe in die Zukunft getrieben wird. Erster Widerstand formiert sich.

Im Dalyan-Delta etwa, rund hundert Kilometer von Marmaris und unweit der Felsengräber von Kaunos, wollen Umweltschützer mit allen Mitteln den Bau eines Touristenzentrums verhindern.

Kilometerlang und blitzsauber zieht sich hier der Strand die unbewohnte Küste entlang, durchbrochen nur von den Ausläufern des Dalyan, dessen Süßwasser hier vielarmig ins Mittelmeer mündet. Nachts kommen, wie seit Urzeiten, riesige Seeschildkröten an Land und vergraben am menschenleeren Strand ihre Eier. Es ist einer der letzten Nistplätze dieser bedrohten Tierart.

Doch im Frühjahr begannen Baukolonnen den sandigen Boden aufzureißen, Sumpfgelände trockenzulegen und das Fundament für einen stattlichen Hotelkomplex zu gießen.

Mit zehn Millionen Mark finanzieren die Entwicklungshelfer der Kölner DEG am Strand von Dalyan das Ferienzentrum Kaunos Beach: ein Hotel mit zunächst 620 Betten, mit Swimmingpool am Meer und separater Disco für die Freunde der Nacht.

Seit ein paar Wochen allerdings stockt die Arbeit. Den überraschenden Baustopp - den ersten dieser Art in der Türkei - haben Umweltschützer durchgesetzt. Sie fürchten um Niststätten und Bestand der Schildkröten.

Mehr als 200 Umweltschutz-Organisationen, vom konservativen World Wildlife Fund (WWF) bis zur deutschen Aktionsgemeinschaft Artenschutz, haben sich dem Protest der türkischen Umweltschützer angeschlossen.

Viel nützen wird es kaum. Das Tourismusministerium in Ankara ist fest entschlossen, den Hotelbau auch gegen Widerstand durchzusetzen.

»Noch in diesem Sommer wird weitergebaut«, hat Staatssekretär Özkan den deutschen Bauherren und ihren türkischen Partnern versprochen. Bis dahin soll ein eilig in Auftrag gegebenes Gutachten nachweisen, daß weder Fauna noch Flora am Dalyan durch Kaunos Beach und seine von 1989 an erwarteten Gäste gefährdet sein werden.

Die Umweltschützer sind nicht die einzigen, die den regierungsamtlich verkündeten Fortschritt mit Sorge beobachten. Abseits der Küste, wenige Kilometer landeinwärts, ist die Skepsis unter der Bevölkerung ausgeprägt.

Für Albay Yilmaz, den frommen Vorbeter eines kleinen Dorfes nahe der Hafenstadt Finike, sind die Vorzüge der neuen Zeit schnell aufgezählt: die vier Lautsprecher oben am Minarett seiner Moschee, die es dem frommen Mann erleichtern, die Gläubigen über Mikrophon zum Gebet zu rufen.

»Fremde sind uns willkommen«, sagt der alte Albay und fügt hinzu: Aber es sollten nicht zu viele sein.« Albay fürchtet, daß die vielen Reisenden die Einheimischen und ihre jahrhundertealten Lebensformen zerstören werden. »Aus Gastfreundschaft wird Habgier; aus Zufriedenheit wird Neid«, sagt der koranfeste Muezzin. »Möge Allah uns davor bewahren.«

Das wird nicht leicht sein. Die Busladungen mit Touristen dringen immer weiter vor. Die aus Gastarbeiterzeiten meist deutschsprachigen türkischen Reisebegleiter machen sich einen Spaß daraus, ihre staunende Klientel in Dörfer zu bringen, in denen zuvor noch keine Pauschaltouristen waren. »Anatolien entjungfern«, nennen sie das.

Der Spaß ist einträglich: Die Ankömmlinge werden mit orientalischer Gastfreundschaft aufgenommen. Frischer Tee und Brot machen die Runde.

Weil die Männer im Dorf sich weigern, für ihre Freundlichkeiten Geld von den Fremden zu nehmen, kassiert auf der Rückfahrt im Bus der Reiseleiter die üppigen Trinkgelder. Für eine Dienstleistung, das haben Urlauber gelernt, muß auch bezahlt werden.

In Städten und Dörfern mit einschlägiger Erfahrung, das läßt sich denken, gilt die alte Gastfreundschaft nicht mehr. Anstelle von anatolischer Ursprünglichkeit gibt es dort Lacoste-Imitationen.

Kosten und Nutzen der aufstrebenden Reise-Industrie sind noch nicht auszumachen. Ob der wirtschaftliche Aufschwung wirklich anhält, ist völlig offen.

Noch ist die Türkei frische Ware für neugierig gewordene Pauschaltouristen. Noch sind die Urlaubs-Angebote für Ferienmenschen in Anatolien günstiger als in anderen Ländern rund ums Mittelmeer. Noch sind deutsche und andere Touristen durch die Gastfreundschaft beschämt und loben überschwenglich Land und Leute.

»Das sind unglaublich nette Menschen«, hat Urlauber Dieter Rehfeld aus dem niedersächsischen Lamstedt am eigenen Leib erfahren. »Man bekommt ein schlechtes Gewissen, wenn man daran denkt, wie wir zu Hause mit den türkischen Gastarbeitern umspringen.«

Die Freundlichkeit der Türken gehört schon jetzt zu den werbenden Argumenten der Reiseveranstalter. Sollte die Einheimischen irgendwann die Wut überkommen: Den Tourismusunternehmen ist es egal, wohin sie ihre Pauschalisten transportieren. Wenn's irgendwann einmal nicht mehr so laufen sollte, läßt sich das Stichwort Türkei aus den Katalogen leicht wieder streichen.

[Grafiktext]

TÜRKISCHE BÄDER Grenze zwischen Griechenland und der Türkei Kartenausschnitt CHIOS SAMOS Izmir ÄGÄIS IKARIA Bodrum SPORADEN RHODOS KRETA Fethiye Finike Antalya ZYPERN MITTELMEER TÜRKEI

[GrafiktextEnde]

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