Schlechte Wirtschaftspolitik ruiniert die Türkei Erdoğan und die Lira-Rutsche

Die türkische Volkswirtschaft schmiert ab, die Mittelschicht verarmt, und die Zentralbank verbrennt Devisenmilliarden. Was macht Präsident Erdoğan falsch?
Straßenszene in Istanbul

Straßenszene in Istanbul

Foto: Emrah Oprukcu / imago images

Bürger vieler Schwellenländer kennen das: Der Wert ihrer Landeswährungen schwankt oft erheblich, es geht mal auf und mal ab, Kursverläufe wie eine Achterbahnfahrt. Bei der Lira ist das anders: Die Rutsche, auf der die türkische Währung unterwegs ist, kennt seit Jahren nur noch eine Richtung: immer weiter abwärts.

Die Lira hat 2020 gegenüber dem Dollar mehr verloren als alle anderen größeren Schwellenländerwährungen, mehr als 30 Prozent. Das hat inzwischen traurige Routine: Schon seit 2016 verliert die Währung in ähnlichem Tempo an Wert, 2018 waren es gar 40 Prozent.

Eine Folge ist die schleichende Verarmung der Mittelschicht eines Landes, das noch vor wenigen Jahren teils höhere Wachstumsraten als China erzielen konnte. Nadine Morath beobachtet das seit Langem: Ihr Lieblingscafé liegt in Istanbuls Stadtteil Rasimpaşa. In der Mitte des Raumes steht ein großer Holztisch, serviert werden selbst gemachter Apfelkuchen und Brownies. Als die Politikstudentin 2017 von Deutschland an den Bosporus zog, kostete ein Glas Çay hier noch zwei Lira, heute sind es fünf.

Die Abwertung der Lira schlägt inzwischen auf jeden Teil des gesellschaftlichen Lebens durch. Der Käse kostet doppelt so viel wie vor sieben Monaten. »Die Armut auf den Straßen ist gewachsen«, sagt Morath.

Viele junge Leute kehren dem Land auch deswegen den Rücken. Sechs Freunde aus Moraths Umfeld sind in den vergangenen Monaten zum Studium nach Deutschland gegangen; alle nach Berlin. Sie sagen: »Nadine, hier arbeiten wir zehn, elf, zwölf Stunden am Tag und können später gerade mal eine Wohnung im Außenbezirk davon bezahlen. Wir wollen hier nicht mehr sein.« 

Der Wirtschaftsjournalist Ufuk Olgun erlebt dieses langsame Abrutschen gerade am eigenen Leib. Er ist wegen der Krise mit seiner Partnerin schon in eine günstigere Wohnung gezogen. Beide arbeiten – aber einen Restaurantbesuch kann sich das Paar schon lange nicht mehr leisten. »Es ist unglaublich, wie viel Substanz das Land in den vergangenen Jahren verloren hat«, sagt Olgun. »Du siehst, dass die Menschen nicht glücklich sind, wenn du auf der Straße in ihre Gesichter schaust.« Er sei in Diyarbakır geboren, der zweitgrößten Stadt Südostanatoliens. Dort lebe seine Familie. Olgun sagt, es gebe Menschen in Diyarbakır, die kaum noch genug zu essen hätten.

Mindestens 120 Milliarden Dollar in zwei Jahren verbrannt

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