Turbulenzen an Finanzmärkten Industriestaaten kämpfen gegen den Crash

Erst kündigte die EZB Schritte zur Beruhigung der Finanzmärkte an, jetzt haben sich auch die sieben führenden Industriestaaten eingeschaltet: Sie einigten sich auf ein gemeinsames Programm gegen extreme Kursschwankungen - doch die Börsen starten erneut mit Verlusten.
Turbulenzen an Finanzmärkten: Industriestaaten kämpfen gegen den Crash

Turbulenzen an Finanzmärkten: Industriestaaten kämpfen gegen den Crash

Foto: Dean Lewins/ dpa

Frankfurt am Main/Paris - Es sollte ein Signal der Entschlossenheit sein: Die sieben führenden Industriestaaten (G7) stehen angesichts der sich ausweitenden Schuldenkrise in Europa und der Sorgen um die Kreditwürdigkeit der USA für eine Stabilisierung der Börsen bereit. Die Länder seien sich einig, wenn nötig gemeinsam Liquidität und Stabilität an den Finanzmärkten zu gewährleisten und für Wirtschaftswachstum zu sorgen, teilten die Finanzminister und Notenbankchefs der G7 nach einer Telefonkonferenz am Montag mit.

Dabei schlossen sie auch gemeinsame Interventionen am Devisenmarkt nicht aus. Denn ungeordnete Wechselkursschwankungen schadeten der Wirtschaft und der Finanzstabilität. Zusammen mit den staatlichen Sparanstrengungen könnten diese Maßnahmen langfristig zu Nachhaltigkeit in den Staatshaushalten führen. Die G7 begrüßten zudem die zusätzlichen Sparbemühungen Italiens und Spaniens, die zuletzt in Gefahr gerieten, von der Euro-Schuldenkrise erfasst zu werden.

Experten zufolge dürfte die Erklärung für etwas Beruhigung am Markt sorgen, wenn auch die Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA durch die Rating-Agentur Standard & Poor's am Wochenende zusätzliche Verunsicherung auslösen könnte. "Die G7 haben gewissermaßen eine Grenze gezogen, um eine Ausbreitung der Schuldenkrise einzudämmen", sagte Analyst Christian Cooper von Jefferies & Co.

Zuvor hatte bereits die Europäische Zentralbank den Ankauf von Staatsanleihen signalisiert. Sie werde ihr entsprechendes Programm "aktiv umsetzen", erklärte die EZB nach telefonischen Krisenberatungen am Sonntagabend. Um welche Länder es sich handelt, ging aus der Mitteilung nicht hervor, doch gehen Beobachter von Italien und Spanien aus.

Ausschlaggebend für die Entscheidung der EZB dürfte nach Einschätzung von Analysten der Royal Bank of Scotland nicht zuletzt der jüngste Schritt Italiens gewesen sein, die eigene Finanzstabilität zu stärken. "Die EZB wird unserer Meinung nach am Montagmorgen damit beginnen, im großen Umfang italienische und spanische Staatsanleihen zu kaufen", sagten die Analysten. Schließlich hätten sich die Regierungen der Euro-Zone darauf eingestellt, dass weitere Finanzmaßnahmen vonnöten seien, sagten sie weiter.

Der Ankauf ihrer Anleihen könnte Rom und Madrid Luft verschaffen, bis ein erweiterter europäischer Rettungsfonds geschaffen ist. Die EZB begrüßte die Reformankündigungen der beiden Länder und drang auf eine "entschlossene und zügige" Verwirklichung. Von entscheidender Bedeutung sei ebenso die rasche Umsetzung aller Entscheidungen des Euro-Sondergipfels Ende Juli, erklärte die EZB-Spitze und begrüßte ausdrücklich die gemeinsame deutsch-französische Erklärung dazu.

Erklärung von Merkel und Sarkozy

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy bekräftigten darin ihr Engagement, die Beschlüsse des Gipfels vollständig umzusetzen. Dabei war unter anderem der Aufkauf von Altschulden am Sekundärmarkt für 20 Milliarden Euro durch den Euro-Rettungsschirm EFSF festgelegt worden.

Frankreich und Deutschland seien zuversichtlich, dass die Analyse der Europäischen Zentralbank "eine adäquate Grundlage für Interventionen an den Sekundärmärkten bilden wird, da sie helfen wird, den Fall festzustellen, in dem die Finanzstabilität des gesamten Euro-Währungsgebiets gefährdet ist", erklärten Merkel und Sarkozy weiter. Sie betonten zudem, wie wichtig es sei, die parlamentarische Zustimmung zu den EU-Beschlüssen "schnell bis Ende September" in beiden Ländern zu erhalten.

Auf die Börsen hatten die Ankündigungen von G7 und EZB zunächst keinen beruhigenden Effekt: Der Hongkonger Hang Seng Index stürzte um vier Prozent auf 20.109,49 Zähler. Der Kospi-Index in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul fiel um 3,3 Prozent auf 1.879,93. Der Nikkei in Tokio hatte zur Mittagszeit 1,3 Prozent verloren und lag bei 9.178,03 Punkten.

"Schreckliche Fehleinschätzung"

In Australien fiel der wichtigste Index S&P/ASX 200 um 1,8 Prozent auf 4.030,80 Punkte. In Singapur verzeichnete die Börse mit einem Minus von 3,7 Prozent ebenfalls einen deutlichen Verlust. Der Markt in Taiwan rutschte um 2,6 Prozent ab, der chinesische Shanghai Composite büßte drei Prozent ein.

Die Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA in der vergangenen Woche habe "die augenscheinliche Angst in den Finanzmärkten bestärkt", sagte David Cohen von Action Economics in Singapur. "Es gibt aber keinen Grund, eine weitere weltweite Finanzkrise zu befürchten, solange die Leute sich nur schnell genug wieder beruhigen", sagte er mit Blick auf die nervös gewordenen Investoren.

US-Finanzminister Timothy Geithner warf der Rating-Agentur Standard & Poor's wegen der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit eine "schreckliche Fehleinschätzung" vor. S&P habe einen "verblüffenden Mangel an Kenntnissen in grundlegender US-Haushaltsmathematik" an den Tag gelegt und sei zu "genau dem falschen Schluss gekommen", sagte er dem Fernsehsender NBC.

Die Rating-Agentur Standard & Poor's hatte am Freitag die Kreditwürdigkeit der USA von der Bestnote AAA auf AA+ herabgestuft. Grund sind Zweifel an der Fähigkeit Washingtons, die massive Staatsverschuldung in den Griff zu bekommen.

hen/Reuters/dpa/AFP/dapd
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