Management by Musk Ist Twitter bald wirklich pleite?

Der neue Twitter-Eigner Elon Musk hat das Netzwerk ins Chaos gestürzt – und räsoniert nun über eine mögliche Insolvenz. Ein Finanzexperte vermutet dahinter ein Manöver, um die Schulden zu drücken.
Von Ines Zöttl, Washington
Unternehmer Musk: Rakete oder Himmelfahrtskommando?

Unternehmer Musk: Rakete oder Himmelfahrtskommando?

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DADO RUVIC / REUTERS

Elon Musk steht diese Woche vor Gericht. Nicht als der neue Eigentümer von Twitter, der dort binnen zwei Wochen maximale Verwüstung angerichtet hat. In dem Verfahren in Delaware geht es um seine Vergütung als Tesla-Chef, die den astronomischen Wert von 56 Milliarden Dollar erreichen könnte. Den Vorsitz in dem Prozess führt die Richterin, die schon im Streit über die Twitter-Übernahme gezeigt hat, dass sie Bullshit als solchen erkennt und behandelt: Kathaleen McCormick. Am Mittwoch muss Musk die nüchterne Richterin davon überzeugen, dass er die Milliarden wert und die Klage der Aktionäre unbegründet ist.

Bei Twitter selbst wird sich Musk nicht mit aufmüpfigen Aktionären herumschlagen müssen. Die 46,5 Milliarden Dollar für die Übernahme finanziert er im Wesentlichen allein. Eine Handvoll Investoren ist mit mehreren Milliarden Dollar an Bord, darunter der saudische Prinz Alwaleed Bin Talal, das Emirat Katar und die Kryptobörse Binance.

Sanjay Patnik von der Denkfabrik Brookings Institution hält das für ein mögliches nationales Sicherheitsrisiko. Viele der Geldgeber hätten Verbindungen zu China, und es bestehe die Gefahr ausländischer Einflussnahme. US-Präsident Joe Biden hat inzwischen angekündigt, dass die Regierung sich die Beteiligungen genauer ansehen werde.

Vorläufig allerdings dürften die Investoren andere Sorgen haben als ein Veto der US-Behörden. Ihr Geld scheint im Moment nicht gerade zukunftsträchtig angelegt. Ähnliches gilt auch für die Banken. 13 Milliarden Dollar schuldet ihnen der Mann, der neuerdings halböffentlich über eine mögliche Insolvenz von Twitter räsoniert.

»Spektakulär!« hatte der Chef der Investmentbank Morgan Stanley, James Gorman, an Musk geschrieben, als der im Frühjahr zum Kauf von Twitter ansetzte: »Du bist eine Rakete«, schmeichelte der Banker ihm per SMS. Dafür dass die Bank die Führungsrolle im Finanzierungskonsortium ergatterte, sagte sie einen Mega-Kredit zu, wie ihn selbst ultrareiche Privatkunden sonst nicht bekommen: satte zwei Milliarden Dollar.

Ein gutes halbes Jahr später ist aus der Rakete ein Himmelfahrtskommando geworden. Der Finanzagentur Bloomberg zufolge haben sieben Institute, darunter die Bank of America und Barclays, auf dem Papier schon einen Verlust von 500 Millionen Dollar angehäuft. Üblicherweise zerlegen sie Großkredite wie den für Twitter in kleinere Portionen und reichen die mit Gewinn an Anleger weiter. Doch den Finanzmärkten ist in den vergangenen Monaten der Appetit auf Ramschanleihen vergangen.

Bloomberg zufolge haben einige Fonds Interesse an den Schuldscheinen bekundet, doch mit einem Haken: Sie wollen einen Preisabschlag von 60 Prozent. Die Ratingagentur Moody’s Investors Service hat Twitters Kreditwürdigkeit um zwei Stufen herabgesetzt.

Dem »Wall Street Journal« zufolge wollen die Gorman und seine Kollegen die Kredite erst einmal in ihren Büchern behalten, statt sie verlustbringend zu verscherbeln. Der Deal »raubt mir nicht den Schlaf«, beteuerte der Chef der Bank of America, Brian Moynihan.

Twitter-Zentrale in San Francisco

Twitter-Zentrale in San Francisco

Foto: Jeff Chiu / AP

Das war allerdings, bevor sein Mega-Schuldner den Untergang des eigenen Unternehmens heraufbeschwor. Das Crescendo begann mit Musks Mitteilung, dass Twitter täglich vier Millionen Dollar Verlust aufhäufe. Als Nächstes unkte er von einer »düsteren« Zukunft. Ohne zahlende Abonnenten werde »Twitter mit einiger Wahrscheinlichkeit den kommenden wirtschaftlichen Abschwung nicht überleben«, warnte Musk in seiner ersten E-Mail an die neuen Mitarbeiter. Und dann: »Ein Bankrott ist nicht ausgeschlossen.« Verkündet auf einer virtuellen Betriebsversammlung, sodass Öffentlichkeit garantiert war.

Es komme »nicht oft vor, dass ein CEO darüber redet, dass das eigene Unternehmen bankrottgehen könnte«, sagt Eric Talley, Professor für Unternehmensrecht an der Columbia Law School. Das Risiko aber sei real. Vor der Übernahme habe Twitter gerade 51 Millionen Dollar im Jahr an Zinsen aufbringen müssen. Durch die neuen Kredite sei die Belastung auf jährlich rund eine Milliarde Dollar hochgeschnellt. »Der frei verfügbare Cash Flow deckt das nicht annähernd ab«, warnt Talley.

Dass es diese massive Finanzlücke gab, sei schon klar gewesen, als Musk im Frühjahr die Offerte für Twitter unterschrieb, sagt der Experte. Doch damals war die Techbranche im Höhenflug – und der Glaube an Musk groß: »Er galt als Genie, der schon einen Weg finden wird.«

Nun ist die Tech-Euphorie vorbei, und Musk selbst hat monatelang Zweifel am Geschäftsmodell von Twitter gesät. »Twitter ist heute ein viel schwächeres Unternehmen als damals«, sagt Talley. Musks »erratischer Managementstil« unterminiere Vertrauen.

Eine vorläufige Chronik des Chaos:

  • Nach dem Rausschmiss der Hälfte der zuletzt rund 7500 Beschäftigten wächst die Sorge, dass die Plattform ausreichend Personal hat, um Inhalte zu moderieren und die Sicherheit der Daten zu gewährleisten. Eine Reihe von Topmanagern hat hingeworfen, darunter Lea Kissner, die für Datensicherheit verantwortlich war.

  • Nach Musks eigenem Bekunden hat »eine Reihe von wichtigen Anzeigenkunden« die Werbung gestoppt und ihm so »massive Einnahmeverlust« beschert. Volkswagen und Audi zogen die Bremse, genauso wie die Nahrungsmittelkonzerne General Mills und Mondelez und der Pharmakonzern Pfizer. Musk drohte den Kunden daraufhin mit »thermonuklearen« Konsequenzen. Am vergangenen Mittwoch bemühte er sich dann in einem einstündigen, öffentlich ausgestrahlten Meeting um Schadensbegrenzung. Erfolg offen.

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  • Bei »Twitter Blue«, der Option, sich für acht Dollar im Monat das Verifizierungshäkchen fürs Profil zu bekommen, geht es vor und zurück. Unzählige Fake-Accounts, zum Beispiel als Papst oder George W. Bush, erkauften sich das vermeintliche Echtheitssiegel. Der Pharmakonzern Eli Lilly & Co entschuldigte sich, nachdem ein Fake-Account behauptet hatte, Insulin sei nun kostenlos. Nun ist bei Twitter die Rede von einem neuen grauen »Official«-Symbol, doch auch das scheint noch nicht zu Ende gedacht. Musk ventiliert derweil schon große Pläne wie den Aufbau eines neuen Zahlungssystems.

  • Die Aufsichtsbehörde Federal Trade Commission (FTC) sieht sich genötigt, daran zu erinnern, dass »kein CEO oder Unternehmen über dem Gesetz steht«. Man verfolge die jüngsten Entwicklungen bei Twitter mit großer Sorge, erklärte ein Sprecher.

Was aber plant Musk, der sich selbst »Chief Twit« nennt, als Nächstes? Ist die Pleite tatsächlich eine Option?

Unternehmensexperte Talley hält es für denkbar, dass hinter der Äußerung eine ganz andere Strategie steckt. Denkbar sei, dass Musk die Kreditgeber bewusst in Unruhe versetze, damit die sich auf eine Restrukturierung der Schulden einlassen. Am Ende könnte der Multimilliardär womöglich sogar selbst Kredite zu einem niedrigeren Preis zurückkaufen.

Die Banken auf diese Weise in die Ecke zu treiben, wäre riskant, räumt Talley ein. Geldgeber könnten reagieren, indem sie einen Vertragsbruch geltend machen und schnellere Rückzahlung fordern. Zudem droht die Gefahr, dass das Pleiteszenario zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird, wenn Geschäftspartner, Kunden und Beschäftigte verschreckt die Flucht ergreifen.

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Musk allerdings hat in der Vergangenheit oft bewiesen, dass riskante Strategien Teil seines Erfolgsmodells sind. »Nehmen Sie zur Kenntnis, dass Twitter in den kommenden Monaten eine Menge dumme Sachen machen wird«, hat er kürzlich angekündigt. Dieses Versprechen jedenfalls hat er schon jetzt erfüllt.

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