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BUNDESBANK Über Bord

Der VW-Devisenskandal greift immer mehr auf den Finanzplatz Frankfurt über. Die Fahnder tauchten im Vorzimmer von Bundesbahnpräsident Pöhl auf. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Am Dienstagnachmittag der vorletzten Woche meldete sich beim Pförtner der Deutschen Bundesbank in Frankfurt ungewöhnlicher Besuch. Vier Herren zwei Staatsanwälte aus Braunschweig und zwei Beamte des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden, begehrten mit ernsten Mienen den Hausherrn zu sprechen.

Der Sicherheitsdienst der Notenbank brachte die Besucher im Nonstop-Fahrstuhl zum Dienstzimmer des Präsidenten auf der zwölften Etage. Dort kamen die Besucher ohne Umschweife zur Sache.

Eine seiner beiden Sekretärinnen, so eröffneten die Justizbeamten dem verdutzten Karl Otto Pöhl, stehe im Verdacht, gegen Bezahlung jahrelang Dienstgeheimnisse aus der Bank an den Devisenmakler Joachim Schmidt verraten zu haben, jenen Mann, der im VW-Devisenhandel als Haupttäter verdächtigt wird.

Der sonst so eloquente Pöhl brachte nur einen Satz heraus: »Das kann nicht sein.«

Was Präsident Pöhl nicht wahrhaben wollte, ist für die Fahnder so gut wie sicher. Die Strafverfolger waren mit reichlich Belastungsmaterial nach Frankfurt gefahren. Als das Vorzimmer Pöhls und die Privatwohnung der Chefsekretärin durchsucht waren, hatte sich der »schwerwiegende Anfangsverdacht«, so

der Braunschweiger Oberstaatsanwalt Carl Hermann Retemeyer, noch »erheblich verdichtet«.

Die Spur, die sie schließlich in die Führungsetage der Frankfurter Bundesbank führen sollte, hatten die Ermittler vor einigen Wochen in der Schweiz aufgenommen. Bei der Effekten & Anlagen AG in Zollikon bei Zürich hatten die BKA-Beamten Konto-Unterlagen von Schmidt durchgesehen. Sie waren dabei auf den Namen Anneliese Klomfass gestoßen. Die Kriminalbeamten kämmten systematisch die Personallisten deutscher Banken durch. Im Vorzimmer des obersten deutschen Währungshüters wurden sie schließlich fündig.

Die Dame hatte offenbar mehrfach ansehnliche Summen Geld von Schmidt erhalten, insgesamt über 100000 Mark. Die Zahlungen waren, so vermuten die Fahnder, der Lohn für wertvolle Informationen, die Frau Klomfass dem Frankfurter Devisenmakler Schmidt zusteckte.

Bestätigt sich der Verdacht, dann hätte Makler Schmidt sich gewiß eine gute Informationsquelle gesichert. Vorzimmerdame Anneliese sah fast alles, was Pöhl selbst sah.

Über ihren und den Schreibtisch ihrer Kollegin gingen die Vorlagen für Protokolle von Direktoriums- und Zentralbankratssitzungen, sie schrieb Aktennotizen zu wichtigen Gesprächen des Präsidenten mit Ministern und Notenbank-Chefs anderer Länder.

Dank Anneliese Klomfass könnte Schmidt darüber informiert worden sein, wie die Bundesbanker die Trends auf den Devisenmärkten einschätzten. Der Geldhändler hätte erfahren können, welche Zinsbeschlüsse die Frankfurter Notenbanker wahrscheinlich fassen würden und wie die Bundesbank an den Devisenmärkten operieren will. All dies sind Informationen, die einem Devisenhändler viel Geld einbringen können.

Schmidt, der seit Monaten weltweit von Interpol gesucht wird, lernte die mutmaßliche Informantin vor über zehn Jahren kennen. Anneliese Klomfass, 41, ledig, attraktiv, ist keine von jenen alleinstehenden Sekretärinnen, die sich in der Arbeit für ihren Chef verzehren. Mitarbeiter der Bundesbank, die sie kennen, beschrieben sie als keß und lebenslustig.

Auf Geburtstagsparties, etwa der von Pöhls langjährigem Pressesprecher und jetzigem Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Wertpapierbörse, Rüdiger Freiherr von Rosen, war die Blondine gerngesehener Gast. In ihrer kleinen Dachwohnung in einem bescheidenen Wohnblock im Frankfurter Stadtteil Ginnheim war sie nur selten anzutreffen. Man sah sie in Lokalen des schicken Frankfurter Westends, häufig an der Seite des ehemaligen ZDF-Wetterfroschs Elmar Gunsch.

Wenn die Beziehung zwischen dem Makler Schmidt und der Pöhl-Sekretärin wirklich mit finanziellen Zuweisungen unterpolstert war - in Frankfurt, der Bundeshauptstadt des Geldes, würde es niemanden verwundern.

Die Finanzmetropole am Main eifert immer heftiger ihren Vorbildern New York und London nach. Die Stadt ist voll von jungen Bankangestellten und Sekretärinnen, die nur von einem träumen - möglichst schnell ans große Geld heranzukommen

»Hier herrscht inzwischen eine Goldgräberstimmung«, so beschrieb Ernst-Otto Sandvoß, Chef der Deutschen Girozentrale, vergangene Woche die aufgeheizte Frankfurter Atmosphäre. In einer solchen Stimmung gingen »alte Wertvorstellungen leicht über Bord«, klagt Sandvoß.

Daß nun ausgerechnet die auf Würde und Tradition bedachte Notenbank-Spitze in die Nähe dieser Geschäftemacher geraten ist, schmerzt die Bundesbanker sehr.

Pöhl hoffte zunächst, die Durchsuchung werde nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Offenkundig in der Absicht, unnötiges Aufsehen zu vermeiden, ließ er Anneliese Klomfass nach der Durchsuchungsaktion weiterarbeiten, als sei nichts geschehen.

Er habe in über sieben Jahren, so der Präsident, nicht das geringste über seine Sekretärin zu klagen gehabt, sie sei eine Spitzenkraft. Von Vorverurteilungen halte er nichts.

Erst als am Donnerstag der vergangenen Woche die Durchsuchungsaktion der Staatsanwaltschaft rauskam, beendete die Vorzimmerdame ihre Bundesbank-Tätigkeit.

In der Mittagszeit holte ein dunkelblauer Dienstwagen der Bundesbank Frau Klomfass mit leichtem Reisegepäck von ihrer Wohnung ab; seitdem lebt die Sekretärin an einem anderen Ort in Frankfurt.

Selbst vor seinen Kollegen im Zentralbankrat, die noch am vorigen Donnerstag routinemäßig zusammensaßen, hielt Pöhl das Ermittlungsverfahren und die Durchsuchungsaktion geheim.

Erst am nächsten Morgen, nachdem alles publik geworden war, beschäftigte sich das Direktorium der Bank mit der Frage, was mit Frau Klomfass geschehen soll. Die Bundesbanker beschlossen, die Kollegin vorläufig zu beurlauben.

Für die politischen Gegner des Sozialdemokraten Pöhl, die im Frühsommer seine zweite Amtsperiode verhindern wollten, aber wenig gegen ihn vorbringen konnten, kommen die Enthüllungen über die Sekretärin wohl zu spät. Pöhls Ernennungsurkunde für weitere acht Jahre an der Spitze der Bundesbank liegt unterschriftsreif bei Bundespräsident Richard von Weizsäcker.

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