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VOLKSWAGEN »Überall grüne Männchen«

Die Vorstellung des neuen Golf geriet zum Flop: Tausend Händler standen ohne Auto da. Eine Mitschuld trifft den Volkswagen-Chef und Technikfreak Ferdinand Piëch.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Der 11. Oktober sollte ein besonderer Tag werden, für den VW-Konzern, seine Händler und deren Kunden. An diesem Samstag wollten die Wolfsburger den neuen Golf, Nachfolger des meistverkauften Autos Europas, bundesweit einführen.

Es wurde für den Autokonzern und seine Verkäufer ein besonders peinlicher Tag. Händler im ganzen Land, von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen, hatten ihre Kundschaft zur Präsentation des Wolfsburger Modells geladen, sie hatten Musikkapellen bestellt und kalte Buffets vorbereitet. Doch als es soweit war, hatten rund tausend Vertragswerkstätten kein einziges Auto.

Auch jene 2200 Händler, denen das neue Modell aus Wolfsburg noch geliefert wurde, erlebten manch unangenehme Überraschung. Das Autohaus Auls in Reinbek bei Hamburg konnte seinen Kunden zwar zwei neue Golf-Fahrzeuge zeigen. Aber es waren zwei identische Dieselmodelle, mit gleicher Farbe und gleicher Ausstattung. Ein Oberhausener Händler konnte keine Probefahrten zulassen: Wolfsburg hatte ihm die Autos ohne Fahrzeugpapiere geliefert.

Die Verkäufer schimpften, und Eckhard Meyer, Sprecher des VW-Händlerbeirats, drohte: Der Autokonzern müsse den tausend Werkstätten, die kein Auto bekommen hatten, zumindest die Kosten ersetzen, die bei der Vorbereitung der Präsentation entstanden waren.

Eine Frage trieb alle um: Warum war Europas größter Automobilkonzern nicht in der Lage, bei der Vorstellung seines wichtigsten Modells allen Händlern ein Auto auszuliefern? Händlersprecher Meyer: »Da rätseln wir alle dran rum.«

Für einen Teil der verzögerten Produktion ist der VW-Vorstandsvorsitzende Ferdinand Piëch verantwortlich. Er setzte kurz vor Produktionsstart noch eine wichtige Änderung bei dem neuen Modell durch. Die Fertigung konnte deshalb nicht ganz so schnell starten wie vorgesehen.

Den begeisterten Technikguru, der als Audi-Chef bereits die VW-Tochter in die automobile Oberklasse führte, treibt seit seiner Ernennung zum Chef des gesamten Konzerns vor allem ein Ehrgeiz an: Er will auch die bisher eher biedere Marke Volkswagen bei Qualität und Sicherheit auf ein Niveau mit den deutschen Renommierfirmen Mercedes-Benz und BMW heben oder diese sogar überholen.

Mit dem neuen Passat, der von Autotestern bereits auf eine Stufe mit der C-Klasse von Mercedes und der 3er Reihe von BMW gesetzt wird, ist ihm dies fast schon gelungen. Beim Golf mußte Piëch besonders penibel sein. Denn das Wolfsburger Erfolgsmodell wird nun von Mercedes herausgefordert, durch die A-Klasse der Stuttgarter.

Piëchs Strategie: Der Golf soll seinen Passagieren bei Unfällen mehr Sicherheit bieten als der Baby-Benz. Wenn der VW bei Crashtests besser abschneidet als der Mercedes, kann der Volkswagen-Chef argumentieren, die A-Klasse konkurriere nicht mit dem Golf, sondern mit dem VW-Polo. Und der ist gut 10 000 Mark billiger als der kleine Mercedes.

Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, ließ Piëch noch kurz vor Markteinführung die Säule zwischen Vorder- und Hintertür ("B-Säule") verstärken. Seitenaufpralltests nach der ADAC-Norm wie auch nach der etwas anderen britischen Norm ergaben hervorragende Werte.

Die Auswertungsbögen der Crashtests entzückten den Techniker. Auf ihnen wird das Verletzungsrisiko symbolhaft mit kleinen Figuren dargestellt. Für Körperteile, die rot gezeigt werden, besteht hohes Risiko, für gelbe ein mittleres und für grüne ein niedriges. Piëch entdeckte »überall grüne Männchen«.

Schwierigkeiten entstanden durch die Änderung der B-Säule anfangs allerdings für die Montage des Fahrzeugs. Die Verstärkungen mußten zu Beginn von Hand gefertigt werden. Der Produktionsplan, nach dem zur Präsentation des Autos 15 000 Fahrzeuge fertig sein sollten, wurde auf 12 000 reduziert.

Das wären noch immer ausreichend viele Fahrzeuge gewesen, um alle Händler und Werkstätten zu versorgen. Doch dann begannen die Pannen im Wolfsburger Volkswagen-Werk. 800 Millionen Mark hatte der Konzern in neue Produktionsanlagen für den Golf investiert. Werksleiter Gerald Weber führte stolz die Laserschweißanlage vor und verkündete vollmundig: »Wir machen einen Quantensprung in Qualität und Produktivität.«

Doch es begann nicht mit einem Sprung, sondern mit einem Stolpern. Die Produktion kam nicht auf Touren. Die Stückzahlen blieben weit hinter den Plänen zurück. Werksleiter Weber muß jetzt um seinen Job bangen.

Die Kollegen im ostdeutschen VW-Werk Mosel bei Zwickau, in dem der Golf ebenfalls hergestellt wird, zeigten, daß der Produktionsstart auch ohne Verzögerungen zu bewältigen war. Doch die noch relativ kleine Fabrik konnte nicht genügend zusätzliche Fahrzeuge montieren, um den in Wolfsburg entstandenen Produktionsausfall auszugleichen.

Volkswagen-Händler ärgert der verpatzte Start des Golf vor allem, weil bereits die Einführung des Passat Variant alles andere als perfekt verlief. Auch bei diesem Modell startete die Produktion zu langsam. Der Einführungstermin mußte sogar verschoben werden. Händlersprecher Meyer klagt: »Das war eine einzige Katastrophe.«

Gespannt verfolgen die frustrierten Volkswagen-Händler, wie es ihren Konkurrenten von Mercedes-Benz ergeht. Die beginnen jetzt mit der Präsentation der neuen A-Klasse. Und auch da soll es Probleme geben. Statt 6000 Fahrzeugen, wie ursprünglich geplant, sollen die Händler nur 2000 bekommen. Immerhin: Mercedes garantiert, daß jeder Händler zumindest ein Fahrzeug erhält.

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