Überangebot IG Metall hält Einschnitte in Autobranche für zwingend

Zu viele Autos, zu wenig Kunden: Selbst die IG Metall erklärt eine grundlegende Sanierung der Autobranche in Europa für notwendig. Die Schließung von Werken bei der GM-Tochter Opel will sie aber vermeiden - und fordert einen Einstieg der Bundesländer.


Berlin - Die drohenden Stellenstreichungen bei Opel sind womöglich nur der Anfang. Laut IG Metall steht die gesamte Autoindustrie in Europa vor einer tiefgreifenden Schrumpfkur. Der baden-württembergische Gewerkschaftschef Jörg Hofmann erklärte harte Einschnitte für unumgänglich. "So bitter die Wahrheit ist, wir haben zu viel Produktionskapazität in Europa", sagte Hofmann im Deutschlandradio Kultur.

Opel-Werk in Bochum: Arbeitsplätze nachhaltig sichern
AP

Opel-Werk in Bochum: Arbeitsplätze nachhaltig sichern

Das Ziel der Gewerkschaften müsse es sein, die Sanierung der Branche so zu gestalten, dass Arbeitsplätze gesichert werden. Den Beschäftigten müssten Perspektiven aufgezeigt, für die Autohersteller Wege aus der Krise gefunden werden.

Für die Zukunft der Opel-Werke forderte Hofmann Klarheit. Er sprach sich für eine Beteiligung der Bundesländer nach dem Vorbild VW aus. In Einzelfällen könne dies "für Überbrückungszeiten und für Restrukturierungsmodelle notwendig sein, um Arbeitsplätze nachhaltig zu erhalten".

Der Opel-Mutterkonzern GM hatte am Dienstag in Washington ein Sanierungskonzept vorgelegt, das den Abbau von weltweit 47.000 Stellen vorsieht, 26.000 davon außerhalb der USA. Wie stark die deutschen Opel-Standorte betroffen sind, ist bislang noch offen.

Die Belegschaft des Bochumer Opel-Automobilwerks setzt sich für eine Trennung der europäischen GM-Standorte vom angeschlagenen US-Mutterkonzern ein. "Das könnte so aussehen, dass man Teile von GM-Europa zusammenschließt. Dann hätte man eine größere Menge an Werken beisammen, an denen sich der Staat und andere Investoren beteiligen könnten", sagte Betriebsratschef Rainer Einenkel. Auch ein Konzern außerhalb Europas käme für eine Beteiligung in Frage.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) ist derzeit in den USA. An diesem Mittwoch will er Gespräche mit GM-Chef Rick Wagoner über die Zukunft von Opel führen. Der angeschlagene US-Autobauer droht, im Zuge seiner Sanierung auch Fabriken in Europa dichtzumachen. Die europäischen Arbeitnehmervertretungen sollen Kostensenkungen von 1,2 Milliarden Dollar zustimmen.

Betriebsratschef Einenkel warf dem Mutterkonzern Erpressung vor. Berichte über eine mögliche Schließung oder den Verkauf von drei Werken in Europa - darunter Bochum - nannte er "fast kriminell". Damit habe die Konzernführung in Detroit versucht, die Belegschaft zu Protestaktionen zu provozieren, um das Bochumer Werk als nicht sanierungsfähig darstellen zu können.

Die Bochumer Belegschaft gilt als kampferprobt. Bereits bei der Opel-Krise 2004 gingen die Beschäftigen scharenweise auf die Straße. "Wir wehren uns, wenn man uns schließen will. Wir sind aber auch in der Lage, vernünftige Kompromisse zu schließen", sagte der Betriebsratschef.

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch zeigte sich zuversichtlich über eine Rettung von Opel. "Ich glaube, dass es für alle anstehenden Fragen Lösungen gibt", sagte der CDU-Politiker im Wiesbadener Landtag. Die Bundesregierung und die vier Bundesländer mit Opel-Standorten seien bereit, "das Notwendige zu tun, um Opel in Deutschland und Europa stabil zu erhalten." Das Unternehmen müsse jedoch daran mitwirken.

Opel beschäftigt mehr als 25.000 Menschen in Deutschland, davon 16.000 am Stammsitz im hessischen Rüsselsheim. Weitere Werke befinden sich in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Thüringen.

Auf wenig Verständnis stößt Kochs Optimismus bei der Linkspartei. Der Spitzenkandidat der Linken im thüringischen Landtagswahlkampf, Bodo Ramelow, sagte mit Blick auf eine mögliche Schließung des Opel-Werks in Bochum und einen Verkauf der Fabrik in Eisenach: "Das ist mehr als eine taktische Drohung von General Motors, da ist was dran."

Ramelow kritisierte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die CDU-Landesregierung von Thüringen: "Sie erkennt die Dramatik des Problems nicht, offenbar anders als die Ministerpräsidenten von Hessen und Nordrhein-Westfalen. Ein Verkauf von Opel in Eisenach würde eine breite Schneise der Verwüstung in Thüringen schlagen." Als Lösung schlug Ramelow vor: "Eigentlich müssen sich die vier betroffenen Bundesländer zusammentun und Opel kaufen. Da ist jetzt der Staat gefordert." Thüringens Landesregierung hatte am Dienstag angekündigt, alle "rechtlichen und fiskalischen" Möglichkeiten zu nutzen, um die Arbeitsplätze zu sichern.

Auch Thüringens SPD-Landeschef und Spitzenkandidat Christoph Matschie hält eine Herauslösung von Opel aus dem GM-Konzern für möglich. "Das kann bis zu einer Beteiligung des Staates gehen", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Warum sollte nicht auch bei Opel möglich sein, was bei VW möglich ist?" Damit spielte Matschie auf das VW-Gesetz an, das dem Land Niedersachsen große Mitspracherechte bei Volkswagen Chart zeigen zugesteht.

Opel in Deutschland: Traditionsmarke mit Krisenerfahrung
Klicken Sie auf die Überschriften, um mehr zu erfahren.
Die Wurzeln
Das 146 Jahre alte Traditionsunternehmen Opel produzierte ursprünglich Nähmaschinen und Fahrräder. Erst später entwickelte es sich zum größten deutschen, europaweit tätigen Autohersteller. 1929 übernahm der US-Konzern General Motors die Adam Opel AG - für den seinerzeit enormen Betrag von 33,4 Millionen Dollar.

auf SPIEGEL WISSEN mehr zu Opel und General Motors...
Die Krisenzeiten
In den neunziger Jahren geriet der Autobauer erstmals in heftige Turbulenzen: 1997 fuhr die Adam Opel AG mit 228 Millionen Mark erstmals in die Verlustzone. Es folgten Sparprogramme unter dem später in die Führung von GM-Europe aufgerückten Manager Carl-Peter Forster. Zurzeit leidet Opel vor allem unter den Problemen des Mutterkonzerns: General Motors droht angesichts eines massiven Absatzeinbruchs das Aus.

auf SPIEGEL WISSEN mehr zu Opel und General Motors...
Das Werk in Rüsselsheim
Rüsselsheim in Hessen ist der Stammsitz des 146 Jahre alten Unternehmens. Hier arbeiten 18.300 Mitarbeiter. Neben der Zentrale ist hier das Internationale Technische Entwicklungszentrum und ein neu errichtetes Werk angesiedelt (Jahreskapazität: 270.000 Einheiten). Dazu kommt noch das Testcenter im nahen Dudenhofen.

auf SPIEGEL WISSEN mehr zu Opel und General Motors...
...Bochum
Seit 1962 ist Opel am Standort Bochum in Nordrhein-Westfalen tätig. Mittlerweile werden drei Werke auf einem ehemaligen Zechengelände betrieben. Die 5300 Mitarbeiter stellen vor allem den Astra, Zafira, Achsen und Getriebe her. 2007 wurden rund 240.000 Fahrzeuge gebaut.

auf SPIEGEL WISSEN mehr zu Opel und General Motors...
...Kaiserslautern
In Kaiserslautern in Rheinland-Pfalz stellen rund 1200 Mitarbeiter Vierzylinder-Leichtmetall-Ottomotoren und Vierzylinder-Turbodieselmotoren mit Commonrail-Kraftstoffeinspritzung her. Im Komponentenwerk sind weitere 2300 Mitarbeiter tätig. Opel ist seit 1966 in Kaiserslautern.

auf SPIEGEL WISSEN mehr zu Opel und General Motors...
...Eisenach
Bei der Opel Eisenach GmbH in Thüringen produzieren 1900 Mitarbeiter den neuen Corsa. Das Werk machte 1992 kurz nach der Wende auf.

auf SPIEGEL WISSEN mehr zu Opel und General Motors...

Die thüringische CDU-Landesregierung erklärte ihre Bereitschaft, sich notfalls an Opel direkt zu beteiligen. "Wir werden rechtlich und faktisch alles tun, um den Standort Eisenach zu erhalten", sagte die geschäftsführende Ministerpräsidentin Birgit Diezel (CDU) der "Leipziger Volkszeitung". Dabei schließe Thüringen kein Rettungsmodell aus, weder Staatsbeteiligung noch umfangreiche Bürgschaften.

Das Opel-Werk in Thüringen wurde 1992 eröffnet. Es ist damit das jüngste, aber auch das kleinste unter den deutschen Opel-Standorten. Laut Spekulationen in den USA soll es Überlegungen bei GM geben, die Montagefabrik in Eisenach zu verkaufen. Derzeit wird dort ausschließlich der Kleinwagen Corsa gebaut, die Jahreskapazität liegt bei voller Auslastung bei bis zu 190.000 Autos.

In der Bundestagsfraktion der Union regt sich allerdings Widerstand gegen staatliche Hilfen für Opel. Fraktionschef Volker Kauder (CDU) lehnte in der "Financial Times" eine direkte Staatsbeteiligung ab. Für Bürgschaften zeigte er sich aber offen. Der CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs warnte vor einer Überforderung des Staates. Auf die Frage, ob Bund und Länder im Zweifel die Insolvenz von Opel akzeptieren sollten, sagte er: "Notfalls ist das leider so."

Sorgen macht sich die Regierung in Rheinland-Pfalz. Wirtschaftsminister Hendrik Hering (SPD) forderte von General Motors einen schlüssigen Sanierungsplan für Opel. Der US-Konzern müsse eine konkrete Basis für Verhandlungen schaffen. Um die Zukunft von Opel zu sichern, müsse es ein koordiniertes Vorgehen der betroffenen Bundesländer unter Federführung der Bundesregierung geben. Ziel müsse eine verstärkte Eigenständigkeit von Opel in Europa sein.

wal/flo/AFP/AP/Reuters/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.