Übernahmeangebot Bund zahlt bei HRE ordentlich drauf

Mitten in der Krise zeigt sich die Bundesregierung spendabel: Das Übernahmeangebot für die Hypo Real Estate fällt weit großzügiger aus als nötig. "Unbedingt annehmen", lautet der Rat von Experten an die Aktionäre. Doch ob der Tipp befolgt wird, ist fraglich.

Frankfurt am Main - Das Angebot fällt ziemlich üppig aus - es liegt gut zehn Prozent über dem, was der Bund eigentlich ausgeben müsste. 1,39 Euro bietet der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin) den Aktionären des angeschlagenen Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE) für ein Papier. "Sehr spendabel", lautet der Kommentar von Fairesearch-Analyst Dieter Hein. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Aktionäre seinen Berechnungen zufolge eigentlich noch draufzahlen müssten, um ihre Papiere loszuwerden. "Die Vermögenswerte der HRE decken die Schulden nicht mehr."

HRE-Logo: "Nett, dass der Bund noch einen Schnaps drauflegt"

HRE-Logo: "Nett, dass der Bund noch einen Schnaps drauflegt"

Foto: DDP

"Es ist nett, dass der Bund noch einen Schnaps drauflegt und ein bisschen mehr bietet", lobt auch Marco Cabras von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Das zeigt, dass der Bund versucht, Kapitalmarkt und Aktionäre nicht komplett zu verärgern." "Unbedingt annehmen", heißt deshalb der Tipp aller Experten an die Anteilseigner.

Tatsächlich steckt hinter dem Angebot nicht pure Großmut. Denn Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) steht ein unangenehmer Übernahmekampf ins Haus: Großaktionär Christopher Flowers hat bereits angedeutet, sich nicht so schnell von seinen Aktien trennen zu wollen und auch rechtliche Schritte zu erwägen - immerhin hat er vergangenen Sommer satte 22,50 Euro pro HRE-Papier bezahlt. Da kann selbst die Offerte von 1,39 pro Papier nicht einmal als Trostpflaster gelten. Würde Flowers das Angebot annehmen, hätte sich sein 1,1-Milliarden-Euro-Investment zu über 90 Prozent in Luft aufgelöst.

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) hat deshalb vorgesorgt. Seit Donnerstag ist ein neues Enteignungsgesetz in Kraft, dass im Notfall zur Anwendung kommen soll. Trotzdem will die Regierung ein derart drastisches Vorgehen vermeiden. Des großzügige Angebot sei "ein Anreiz", heißt es in Regierungskreisen.

Eine Alternative gibt es sehr wohl. Wenn der Bund über 50 Prozent der HRE-Aktien bekommt, "dann hat er's im Grunde geschafft", sagt Aktionärsschützer Cabras. Der Hintergrund: Der Bund hätte dann die notwendige Mehrheit, um auf einer Hauptversammlung eine kräftige Kapitalerhöhung zu beschließen - über die er sich 95 Prozent der Anteile sichern könnte. Dann können von Rechts wegen die übrigen Aktionäre zum Verkauf ihrer Papiere gezwungen werden. Für US-Investor Flowers, dem rund 24 Prozent der HRE gehören, ein ziemlich unangenehmes Szenario. Weil der Bund bei der Auszahlung den Ertragswert ansetzen darf, würde Flowers eventuell komplett leer ausgehen. Denn dieser Wert dürfte nach einer Überprüfung "null sein, derzeit und in den nächsten Jahren", sagt Cabras.

"1,39 sind das letzte Wort"

Ob sich allerdings die verbleibenden HRE-Aktionäre von dem jetzt aufgelegten Übernahme-Angebot in Massen locken lassen, ist trotzdem nicht sicher. Dass das Papier kurz- und mittelfristig "tot ist", sei schon seit Wochen klar, sagt LBBW-Analyst Martin Peter. Vorsichtige Anleger seien deshalb schon lange ausgestiegen. "Wer jetzt noch dabei ist, spekuliert auf mehr." Nicht in Kürze, aber in einigen Jahren.

Für 1,38 Euro wurde man die Papiere zudem schon am Donnerstag an der Frankfurter Börse los - nach dem Bekanntwerden der Soffin-Offerte hatte der Kurs um 15 Prozent angezogen.

Noch mal drauflegen will der Soffin aber nicht. "Die 1,39 Euro je HRE-Aktie sind eindeutig das letzte Wort", sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag. Eine Anhebung sei in jedem Fall ausgeschlossen.

Banken-Professor Peter Burghof wundert die entschlossene Haltung nicht: "Die Bundesregierung hat ein derartiges Drohpotential aufgebaut, jetzt muss sie auch konsequent sein", erklärt er. Ein Einknicken würde das Ansehen von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück in der Finanzbranche erheblich beschädigen - und angesichts der Schwere der Krise wird es sicher nicht das letzte Mal sein, dass der SPD-Politiker sich durchsetzen muss.

Die HRE will wieder solide werden

Zudem drängt die Zeit. Denn die HRE braucht dringend frisches Kapital. Auf bis zu zehn Milliarden Euro wird der Bedarf der Bank geschätzt. Eine Pleite der HRE, die 2008 mit einem Verlust von 5,5 Milliarden den höchsten Verlust der deutschen Unternehmen schrieb, hätte fatale Folgen. Mit einer Bilanzsumme von 400 Milliarden Euro ist sie der weltweit zweitgrößte Pfandbriefemittent. Privatanleger, Versicherer, Kommunen und Sparkassen machen Geschäfte über die HRE. Ein billionenschweres Sicherungsnetz komplexer Finanzinstrumente hängt an der Gruppe. Ihr Untergang würde das gesamte Finanzsystem erschüttern - und könnte ähnlich grauenhafte Folgen für die Weltwirtschaft haben, wie die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im vergangenen September.

In zwei überstürzten Rettungsaktionen hatte der Bund im vergangenen Jahr deshalb gemeinsam mit privaten Investoren bereits die unvorstellbare Summe von 102 Milliarden Euro in die wankende HRE gepumpt. Nachdem nun endlich der Entschluss gefallen ist, von alten ordnungspolitischen Grundüberzeugungen abzurücken und das Geldinstitut komplett zu übernehmen, hat es die Bundesregierung verständlicherweise eilig. Mit der Übernahme will sie für neue Glaubwürdigkeit sorgen - so soll das Vertrauen potentieller Geldgeber in die HRE wieder aufgebaut werden. Zudem muss das Institut von Grund auf saniert werden.

Die Marschrichtung ist schon vorgegeben. Die Infrastrukturfinanzierung soll zurückgefahren, die riskanten Kapitalmarkt- und Handelsgeschäfte, die der Bank unter anderem zum Verhängnis wurden, eingestellt werden. Der neue HRE-Chef Axel Wieandt will sich wieder ganz auf die Immobilien- und Staatsfinanzierung in Europa stützten, auf Basis der Pfandbriefemission - ein eigentlich kreuzsolides Geschäft.

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