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Mobilfunk Überraschung möglich

Im Sommer startet das neue D-Netz für digitale Funktelefone. Doch bis dahin werden die Probleme keineswegs gelöst sein.
aus DER SPIEGEL 20/1991

Die ganzseitige Anzeige für ein Produkt namens Telekom D1 verspricht eine Weltpremiere. D, so wird erklärt, steht für »Digitalen Mobilfunk, 1 für den ersten der Welt«.

Am 1. Juli will die Post das neue Funknetz starten. Doch sicher ist bisher nur: Die Weltpremiere wird ziemlich bescheiden ausfallen.

Noch streiten sich die beiden Betreiber eines D-Netzes, die Post-Tochtergesellschaft Telekom und die Mannesmann Mobilfunk GmbH, um die Höhe der Gebühren; noch gibt es auf dem Markt keine geeigneten Geräte. Vor allem aber: Noch lange Zeit wird in der Bundesrepublik kein flächendeckendes Funknetz existieren.

Es geht um ein Milliardengeschäft. Das digitale Funktelefon, handlicher und billiger als die heutigen Autotelefone, soll schon in wenigen Jahren nicht nur für Geschäftsleute selbstverständlich sein. Schon in den nächsten 40 Monaten, meinen Experten, werden eine Million Bundesbürger ihr Auto mit Mobilfunk ausrüsten.

Grenzenloses Telefonieren wird dann möglich sein, vom Auto oder von der Kneipe aus. Jeder Mobilfunker ist jederzeit erreichbar, vom Nordkap bis Sizilien, immer unter derselben Nummer. In nicht allzu ferner Zukunft, so hoffen die Werbestrategen, werden die Deutschen das Telefon stets bei sich haben.

Zunächst aber muß das Milliardengeschäft in Schwung kommen, und da gibt es noch viel zu tun. »Start Sommer 91«, heißt es wenig präzise bei der Mannesmann Mobilfunk GmbH. Von den Elektronikfirmen AEG, Ericsson und Siemens läßt sich Mannesmann ein eigenes digitales Funknetz spannen, mit dem der Konzern unter dem Kürzel D2-privat dem Post-Ableger Konkurrenz machen will.

Doch mindestens in den ersten drei, vier Jahren wird das Mobiltelefon kaum mehr sein als ein bescheidenes Provisorium. Ohne Kleingeld für die Telefonzelle kann der Digital-Telefonierer kaum eine längere Reise antreten.

Der Mobilfunk beschränkt sich vorerst auf wenige Großstädte in Deutschland und einige Trassen der sie verbindenden Autobahnen. Für ein flächendeckendes Telefonnetz sind 3000 Funkstationen nötig, Mitte des Jahres werden aber erst 150 in Betrieb sein.

Innerhalb der Reichweite einer Funkstation kann ein Teilnehmer überall hin telefonieren. Von der Funkstation wird das Gespräch dann über das übliche Kabelnetz der Post weitergeleitet. Sobald der Teilnehmer jedoch die Funkregion verläßt, geht nichts mehr.

Die neue Ära beginnt bei Telekom und Mannesmann etwa in den gleichen Gebieten. Sie umfassen zunächst das Ruhrgebiet und die Region Rhein-Main. Bis Ende des Jahres sollen das Dreieck Hamburg, Hannover, Bremen sowie die Städte Berlin, München, Nürnberg und Stuttgart erschlossen werden.

Auf der Fahrt von Hamburg nach Kiel, von Bonn nach Berlin oder von Wiesbaden nach Würzburg bricht vorerst jedes Gespräch zusammen. Das Mobiltelefon bleibt stumm.

Frühestens Ende 1994 werden Telekom und Mannesmann ihre Funkstationen so weit ausgebaut haben, daß sie die Bundesrepublik zu 90 Prozent abdecken. Die Kosten für den Ausbau beider Netze werden von Experten auf acht bis zehn Milliarden Mark geschätzt.

Wann das Funktelefon auch jenseits der deutschen Grenzen genutzt werden kann, ist höchst ungewiß. Zwar werden die technischen Standards für das digitale Telefonnetz bereits seit fast zehn Jahren auf europäischer Ebene von einer Groupe Special Mobile (GSM) diskutiert. Aber erst Anfang dieses Jahres legte das Normengremium die letzten Details für das inzwischen mehr als 5000 DIN-A-4-Seiten umfassende Regelwerk fest.

Großbritannien wird deshalb erst Ende des Jahres mit dem Aufbau des digitalen Netzes beginnen. Frankreich will 1992 folgen. In den anderen EG-Ländern liegen noch keine genauen Zeitpläne fest.

Der frühzeitige Aufbau eines Netzes nach den GSM-Normen bedeutet für Telekom und Mannesmann den Start in technisches Neuland. Nirgendwo auf der Welt wurde die digitale Funktechnik bislang in der Praxis getestet. Alle bisherigen Mobilfunknetze der Welt arbeiten noch mit der analogen Technik, alle Berechnungen für den Ausbau des digitalen Netzes beruhen auf Computersimulationen.

Testwagen überprüfen seit Monaten Reichweite und Zuverlässigkeit der neuen Funkstationen. Die Ergebnisse bestätigen weitgehend die Berechnungen der Entwicklungsingenieure. Doch wie sich das Digitalnetz verhält, wenn erst einmal Hunderttausende über die Frequenz 900 Megahertz telefonieren, wird sich zwangsläufig erst in der Praxis herausstellen.

Gewaltige Anforderungen werden dann auch an die Vermittlungstechnik gestellt. Der Computer in der Leitstelle muß in Bruchteilen von Sekunden herausfinden, wo sich der gewünschte Teilnehmer gerade aufhält. »Da sind noch einige Überraschungen möglich«, meint ein Fernmeldeexperte zu den Risiken der deutschen Vorreiterrolle.

Die Bundespost hatte die Initiative für ein paneuropäisches Funknetz übernommen, nachdem sie früher die Postverwaltungen der Nachbarstaaten durch ihre Alleingänge vergrätzt hatte. Besonders irritiert hatte die Nachbarn die Entscheidung für das derzeit existierende C-Netz, das 1986 als Ergänzung des hoffnungslos überalterten B2-Netzes über die Bundesrepublik gelegt wurde.

Die Bundespost griff nicht auf eine der weltweit verbreiteten Techniken von Telekom-Riesen wie Ericsson, Nokia oder Motorola zurück, sie gab dem Münchner Siemens-Konzern, dem Stammlieferanten der Post, den Zuschlag. »Das war ganz klar eine industriepolitische Entscheidung«, geben heute selbst Manager der Telekom zu.

Siemens arbeitet mit einer anderen Technik als die übrigen Analognetze in Europa, die deutschen Anbieter blieben deshalb weitgehend unter sich. Für die meisten ausländischen Mobilfunkkonzerne lohnte es sich nicht, Extra-Geräte für das kleine C-Netz in Deutschland (zur Zeit etwa 300 000 Teilnehmer) zu entwickeln.

Die Folge: Das Autotelefon blieb ein Luxus-Accessoire für Besserverdienende und Geschäftsleute. Zwar haben sich die Gerätepreise seit 1986 etwa halbiert. Mit rund 5000 Mark sind die C-Telefone aber immer noch deutlich teurer als vergleichbare Geräte in England oder Skandinavien.

Mit dem Start der D-Netze sollen auch in Deutschland die Preise deutlich fallen. Obwohl längst nicht alle Anbieter von Anfang an dabeisein werden, ist der Einstieg ins C-Netz wahrscheinlich schon für weniger als 3000 Mark möglich.

Dennoch gehen Experten davon aus, daß bis Ende des Jahres nicht einmal 10 000 mobile D-Telefone verkauft werden. Denn auf absehbare Zeit, meint etwa der Verband der Postbenutzer, biete der digitale Flickenteppich keine Vorteile gegenüber dem flächendeckenden C-Netz.

Die Kapazitäten des analogen Netzes sind jedoch aus technischen Gründen begrenzt. Mehr als 600 000 Teilnehmer kann das System nicht verkraften. Diese Zahl, so rechnet die Post, wird spätestens in drei Jahren erreicht sein.

Bis dahin dürfte das Digitalnetz jedoch weitgehend ausgebaut sein. Wenn dann noch andere Länder nachziehen, entsteht ein riesiger europäischer Markt. Der Preis für das Funktelefon könnte dann auf etwa 1000 Mark fallen; soviel kostet heute ein schnurloses Heimtelefon.

Entscheidend für den Erfolg der Mobiltelefone werden aber die laufenden Kosten sein. Nach einer Preissenkung Anfang des Jahres sind für das C-Netz jetzt monatliche Grundgebühren von 75 Mark fällig. Ein Vier-Minuten-Gespräch kostet tagsüber fast sieben Mark. _(* In Ratingen bei Düsseldorf. )

Die Gebühren im D-Netz sollen etwas niedriger liegen. Peter Mihatsch, Chef bei Mannesmann-Mobilfunk, fürchtet jedoch, sie seien auch dann noch zu hoch, um einen Massenmarkt in Schwung zu bringen.

Mihatsch kann die Gebühren für sein D2-privat zwar nach eigenem Gusto kalkulieren, ganz unabhängig von der Post ist er aber nicht. Denn um die Gespräche von einem zum anderen Teilnehmer vermitteln zu können, ist Mannesmann ebenso wie die Telekom auf das stationäre Kabelnetz angewiesen.

Über die Gebühren für diese Leitungen wird seit Monaten heftig gestritten. Mannesmann fordert eine Preissenkung um 60 Prozent. Auch Postminister Christian Schwarz-Schilling drängt auf einen Nachlaß. Gibt die Telekom nach, werden auch andere Großkunden von Mietleitungen, etwa der Computerriese IBM, einen Nachlaß fordern.

Die Einnahmeausfälle bei den Mietleitungen könnte die Telekom, durch die Investitionen im Osten und staatliche Abgaben ohnehin stark belastet, wohl nicht ohne Ausgleich verkraften. Sie müßte sich schadlos halten in Bereichen, in denen sie das Monopol hat, etwa beim normalen Telefon. Am Ende würden dann Millionen von Postkunden dafür bezahlen, daß einige Hunderttausende billiger mobil telefonieren können.

Noch ist darüber nicht entschieden. Telekom-Chef Helmut Ricke hat bis zum 14. Juni Zeit, dem Postminister eine neue Gebührenordnung vorzulegen. »So oder so«, ahnt ein Telekom-Manager, »gibt das gewaltigen Zoff.« o

* In Ratingen bei Düsseldorf.

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