Überschuldung in Spanien Angst vorm schwarzen Mann

Mit Zorro-Maske oder Zylinder: Spaniens Geldeintreiber sind kostümiert. Sie verfolgen die Schuldner bis zu ihrer Arbeit und demütigen sie öffentlich. In der Finanzkrise blüht ihr Geschäft.

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Berlin - Als der Kellner den Aperitif reichte, betrat ein Herr mit Frack und Zylinder den vollen Speisesaal. Zielstrebig durchschritt er das Restaurant im baskischen Iruña. Laut forderte der elegante Mann den Wirt auf, endlich seine Schulden zu bezahlen. Dann hinterließ er seine Visitenkarte: "El Cobrador del Frac", der Kassierer im Frack.

Geldeintreiber des "Cobrador del Frac": Schande über die Schuldner
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Geldeintreiber des "Cobrador del Frac": Schande über die Schuldner

Diese von der Tageszeitung "El Mundo" beschriebene Szene ist in Spanien kein Einzelfall. Die Vertreter der Inkasso-Unternehmen sehen aus wie Doubles von Fred Astaire, andere Firmen treten als Torero auf, als Mönch oder als Zorro. So lustig sie für die einen sind, so unangenehm sind sie für die anderen. Die verkleideten Geldeintreiber verfolgen Schuldner mit dem Auto, sie warten vor Geschäftsräumen oder lungern vor der privaten Wohnung herum. Die auffällige Kostümierung hat nur einen Sinn: die Schuldner bloßzustellen - damit diese umso schneller zahlen.

Das Geschäft blüht. Der "Cobrador del Frac", die wohl bekannteste dieser Firmen, hat 40 Prozent mehr Kunden als im vergangenen Jahr. Denn nach zehn Jahren relativ konstanten wirtschaftlichen Wachstums, in denen niedrige Zinsen für Kredite den Konsum anheizten, hat die Finanzkrise Spanien hart getroffen. Die Arbeitslosigkeit ist auf 11,3 Prozent gestiegen, eine der höchsten Raten in Europa. Mehr und mehr Iberer geraten in die Schuldenfalle. 2,5 Millionen Familien sind mit ihren Zahlungen im Verzug, schätzt die Vereinigung spanischer Kreditinstitute Asnef.

"Jeder wird wissen, dass Sie Geld schulden"

Besonders kleine und mittlere Unternehmen wenden sich an Zorro und Co. Die Schuldeneintreiber versenden zunächst Briefe oder warnen die in Ungnade gefallenen Kunden am Telefon. Wenn diese nicht zahlen, werden die Inkasso-Firmen aggressiver. "Jeder wird wissen, dass Sie Geld schulden", sagt Juan Carlos Granda, kaufmännischer Direktor des "Cobrador del Frac". "Ihre Nachbarn, ihre Kunden, ihre Lieferanten. Sie werden das nicht mögen."

Gern erzählt Granda die Geschichte von einer Familienfeier und den dafür ausstehenden 60.000 Euro. Seine Mitarbeiter besorgten sich die Gästeliste, telefonierten einen Gast nach dem anderen ab und sagten: "Wir stellen Ihnen jetzt 500 Euro für das Hühnchen in Rechnung, das Sie gegessen haben." Die Jubilare zahlten prompt.

Seit zwanzig Jahren gibt es den "Cobrador del Frac". 550 Angestellte hat Granda in Spanien und Portugal, gerade erst hat er 70 neue engagiert. Nicht alle sind kostümiert. Aber die Herren mit der schwarzen Fliege, der weißen Weste und dem Zylinder sind sein Markenzeichen. Wenn sie vor einem Eingang stehen bleiben, sind die einen erleichtert und die anderen entgeistert.

Verfolger mit Stummelschwanz und Hängeohren

Viele Gläubiger verlassen sich auf diese Inkasso-Firmen, weil die Gerichte langsam arbeiten. Prozesse dauerten oft mehr als drei Jahre, sagt Pere J. Brachfield, Professor für Kreditmanagement an der Wirtschaftsverwaltungsschule in Barcelona. Weil kein sozialer oder rechtlicher Druck auf Unternehmer ausgeübt werde, hätten sie oft es nicht eilig, ihre Rechnungen zu begleichen. Anders als in den übrigen europäischen Ländern sei dies schon fast ein Volkssport in Spanien, sagt Brachfield: "Die Spanier prahlen sogar mit ihrer laxen Zahlungsmoral."

Doch auch in Deutschland traten die kostümierten Inkasso-Vertreter zeitweise auf. In den neunziger Jahren verfolgten Männer in schwarzen Anzügen oder in rosa Hasenkostümen mit Stummelschwanz und Hängeohren die Zahlungsunwilligen. "Sind die Schulden nicht mehr groß, bist du Du auch Deinen Schatten los", warb eine Oldenburger Inkasso-Firma.

Mittelalterliche Prangermethoden

Mehrere Gerichte untersagten diese Form des Geldeintreibens jedoch. Das Leipziger Landgericht sprach 1994 von "mittelalterlichen Prangermethoden", die den vermeintlichen Schuldner in eine psychische Zwangssituation brächten. Diese Praktiken verstießen nicht nur gegen das Persönlichkeitsrecht, sondern auch gegen die guten Sitten des Wettbewerbs. Bei Zuwiderhandlungen drohten damals Ordnungsgelder bis zu 500.000 Mark.

Doch selbst wenn die Clown's Army der Gläubiger nicht mehr durch Deutschlands Straßen zieht, haben sich andere Unternehmen gebildet. Mit Sprüchen wie "Ihr Schuldner muss kein Russisch können - er wird uns auch so verstehen" warb der Inkasso-Betrieb "Moskau" in zahlreichen deutschen Städten. Breitschultrige Männer schüchterten die Zahlungsunwilligen ein. Vermeintliche Nähe zur russischen Mafia erwünscht. Das Landgericht Köln untersagte "Moskau" in diesem Frühjahr, Inkassodienstleistungen anzukündigen oder auszuführen. Der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen distanziert sich von solchen Methoden.

In Spanien fehlen bislang gesetzliche Regelungen, die die öffentlichen Bloßstellungen durch die Inkasso-Unternehmen unterbinden, sagt Brachfield, obwohl das Vorgehen gegen die spanische Verfassung verstoße. Auch Pablo Camacho beklagt die mangelnde Kontrolle. Er will die "Exzesse dieser Unternehmen stoppen". Camacho hat früher selbst für den "Cobrador del Frac" gearbeitet und leitet nun eine Art Gegen-Firma, mit dem Namen "Verteidiger der Schuldner".

Geldeintreiber des Königs

Einen ersten Erfolg erzielte er im Fall des baskischen Restaurantbesitzers. Der Wirt wählte nicht die Nummer auf der Visitenkarte des Kassierers im Frack. Er rief die Gerichte an. Der Oberste Gerichtshof in Spanien untersagte die Nötigungen. Schon öfter mussten die verkleideten Vertreter wegen Beleidigung und Telefonterrors Schmerzensgeld zahlen.

Doch der "Cobrador del Frac" arbeitet unbeirrt weiter. Schließlich verspricht die Firma eine Erfolgsquote von 70 Prozent und verweist auf die große Geschichte ihrer Branche: Der berühmte spanische Dichter Miguel de Cervantes sei Geldeintreiber des Königs gewesen, heißt es auf der Website.

Schon visiert das Inkasso-Unternehmen den nächsten Markt an: Ausländer, die an der spanischen Küste leben und die glauben, sie hätten ihre Schulden in der Heimat gelassen. Der "Cobrador del Frac" rekrutiert daher Mitarbeiter mit Deutschkenntnissen. "Die meisten sind erst erstaunt", erzählt ein Frackträger. "Dann tun sie alles dafür, dass du nicht wiederkommst. Doch dafür gibt es nur einen einzigen Weg: zahlen."

Mit Material von Reuters



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