Übertriebene Kundenzahlen Premiere rüstet für Komplettumbau

Die Zeichen stehen auf Sturm: Nachdem Premiere eingestehen musste, die Abo-Zahlen um fast eine Million übertrieben zu haben, steht nun ein Umbau des Konzerns an - offenbar auch in der Chefetage.

Hamburg - Beim Bezahlsender Premiere steht offenbar eine großangelegte Aufräumaktion ins Haus. Nach Finanzvorstand Teschner, der am Donnerstag mit sofortiger Wirkung gehen musste und Firmenchef Michael Börnicke, der schon im September das Handtuch warf, rechnen Branchenkreise damit, dass in der Münchener Vorstandsetage des Unternehmens noch mehr Stühle wackeln. Offenbar plant Premieres Großaktionär, die News Corporation von Medienmogul Rupert Murdoch, jetzt einen Radikalumbau des Bezahl-TV-Anbieters. Unter Berufung auf Unternehmenskreise meldete die Wirtschaftszeitung "Euro am Sonntag", es werde sogar ein Rückzug von der Börse erwogen. So könnte der Sender ohne Druck durch die Quartalsberichterstattung umgebaut werden.

Am Donnerstagabend hatte das Unternehmen gemeldet, man müsse fast eine Million Abonnenten aus den Bilanzen streichen. Die hatten sich nicht etwa in böser Absicht abgesprochen und quasi gleichzeitig ihre Abos gekündigt, viele von ihnen waren tatsächlich nie Abonnenten gewesen. Ruckartig brach Premieres Kundenstamm so von mehr als vier Millionen vor einem Jahr gemeldeten zahlenden Kunden auf nur noch 2,4 Millionen im dritten Quartal 2008 zusammen. Die Börse reagierte umgehend. Um mehr als die Hälfte seines letzten Wertes brach der Kurs der Premiere-Aktie am Freitag ein, landete schließlich bei 4,60 Euro.

In den Blickpunkt gerät nun auch der ehemalige Vorstandvorsitzende Georg Kofler. Er hatte sich 2007 aus dem Unternehmen zurückgezogen, seinen Abgang mit "persönlicher Lebensplanung begründet". Seine Premiere-Anteile im Wert von etwa 100 Millionen Euro hatte der Manager seinerzeit versilbert, den Erlös in Energieunternehmen gesteckt. Kofler hatte das Unternehmen 2005 an die Börse geführt, steht jetzt im Verdacht, die Abonnentenzahlen absichtlich manipuliert zu haben, um den Marktwert des Unternehmen zu erhöhen.

Zweierlei Kundenzahlen

Gegenüber dem "Focus" wies Kofler solche Vorwürfe zurück, betonte, dass die Finanzabschlüsse des Bezahlsenders in den vergangenen Jahren korrekt gewesen seien. "Jeder Euro, den wir ausgewiesen haben, ist auch erwirtschaftet worden", sagte Kofler. Man könne mit Abonnentenzahlen eben auf zweierlei Weise umgehen und entweder "viele Kunden mit einem geringen durchschnittlichen Pro-Kopf-Umsatz zu gewinnen" - dafür habe er sich entschieden - oder "wenige Kunden mit einem hohen Pro-Kopf-Umsatz auszuweisen". Dies sei offenbar die Philosophie des neuen Managements. Beide Wege ergäben in der Bilanz den gleichen Umsatz, argumentierte Kofler.

Gerüchte, wonach Premiere seinen Abonnentenstamm auf recht eigenwillige Weise interpretiere, verdichteten sich schon vor zwei Monaten. Anfang September berichtete der SPIEGEL mit Verweis auf Insider, in den Premiere-Angaben könnten bis zu einer Million Karteileichen vergraben sein. Finanzvorstand Teschner tönte damals noch selbstbewusst, Premiere habe "keine Abonnements, für die nicht gezahlt wird." Ob er diese Aussage heute noch mit Nachdruck vertreten würde?

Spielereien mit Abo-Zahlen

Schließlich hat sich Premiere jetzt selbst zu den überhöhten Angaben bekannt. Insgesamt 940.000 Abos löschten die Manager mit einem Federstrich aus ihren Kennzahlen. Die fehlenden Kunden stammen beispielsweise aus abgelaufenen Abonnements. Dass solche Daten noch für rund zwei Monate weitergeführt werden, ist in der Branche durchaus üblich. In dieser Zeit versuchen die Werber den verlorenen Kunden mit Lock-Angeboten zurückzugewinnen. Premiere aber scheint seine Ex-Kunden überhaupt nicht mehr aus seinen Dateien gelöscht zu haben. Hinzu kommen Abnehmer sogenannter Flex-Karten. Dabei handelt es sich um Prepaid-Karten, mit denen man Filme einzeln bei Premiere abrufen kann, ohne gleich ein Abo abschließen zu müssen. Derartige Karten werden auch im Rahmen von Werbeaktionen oder Bonusprogrammen, beispielsweise von Tankstellenketten vergeben.

Man habe jetzt eine "neue Klassifizierung" der Abonnenten eingeführt, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Die entspräche nun "derjenigen von anderen erfolgreichen Pay-TV-Unternehmen". Eine feine Formulierung, die man freilich auf unterschiedliche Weise interpretieren kann. Bezeichnet sich Premiere angesichts des um die Hälfte gefallenen Aktienwerts immer noch als erfolgreich, oder fehlt da einfach ein Komma und es soll eigentlich darauf hingewiesen werden, dass es eben die anderen Pay-TV-Unternehmen sind, die Erfolg haben?

Probleme durch Schwarzseher

Aus den zehn Millionen Abonnenten jedenfalls, die Börnicke bis 2012 an den Sender binden wollte, wird vorläufig wohl nichts werden. Und auch Börnickes Auftritt als Premiere-Chef, der im Januar 2009 vor Branchenvertretern über "zukünftige Entwicklungen im Pay-TV" sprechen soll, dürfte mittlerweile abgesagt sein. Als immer drängender wird der Sender dagegen das Problem der Schwarzseher vorschieben, jene nicht näher bekannte Zahl von Zuschauern, die sich das Premiere-Programm mittels geknackter TV-Decoder auf den Bildschirm holen.

Denkbar ist auch, dass sich Premieres Anzeigenkunden zu Wort melden werden. Die haben ihre Verträge mit dem Bezahlsender schließlich aufgrund geschönter Zahlen abgeschlossen. Zu erwarten steht nun, dass sie zumindest Rückzahlungen fordern, um ihre Einsätze an die tatsächlichen Zuschauerzahlen anzupassen.

Keine Cashcow für Murdoch

Als Ausputzer hat nun Mark Williams, der Europa- und Asien-Chef der News Corporation, auf Premieres Chefsessel Platz genommen und gleichzeitig das Finanzressort übernommen. Seine eigentlichen Aufgaben, etwa als Chef des TV-Senders Sky Italia, muss er vorläufig ruhen lassen, um sich ganz dem Kuddelmuddel in München widmen zu können. Vor allem aber muss er sich darum kümmern, dass Premieres Abonnenten-Management auf Kurs gebracht und die Attraktivität der Bezahl-TV-Angebote erhöht wird. Dafür erscheint es essentiell, dass es ihm gelingt, sich zum Jahresende die Bundesliga-Rechte zu sichern.

Dass unterwegs auch der eine oder andere Premiere-Manager seinen Posten räumen muss, ist kaum auszuschließen. Schließlich gilt die News Corporation als gnadenloser Sanierer, der Management-Altlasten ohne Rücksicht auf Verluste absprengt. Billig allerdings dürfte das nicht werden. Und damit ist auch klar, dass Premiere für Rupert Murdoch in absehbarer Zukunft wohl kaum zur Cashcow wird. Stattdessen muss der Medien-Mogul noch einmal tief in seine Tasche greifen und dem Bezahlsender unter die Arme greifen. Aber das kennt er ja schon.

mak/dpa

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