Ukrainischer Reformer "Das System schlägt zurück"

Den Personalchef ließ er feuern, weil er ein Blockierer war, auch sonst geht Wladislaw Raschkowan in der ukrainischen Zentralbank radikal vor: Seit der Maidan-Revolution ist der 36-Jährige Vize-Notenbankchef - und kämpft gegen die Einflüsse des alten Systems.

Zentralbank der Ukraine in Kiew: Eine Gefahr ist, dass die Neuen selbst Gefangene des alten Systems werden
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Zentralbank der Ukraine in Kiew: Eine Gefahr ist, dass die Neuen selbst Gefangene des alten Systems werden

Ein Interview von , Moskau


Wer die ukrainische Zentralbank betritt, den machen Mitarbeiter lächelnd auf eine Neuerung aufmerksam: Die Aufzüge halten jetzt auch im ersten Stock und sausen nicht mehr - wie vor der Revolution - durch bis zum zweiten, der Chefetage. Anders als früher müssten einfache Angestellte die Liftkabine auch nicht mehr fluchtartig verlassen, wenn sich der Zentralbank-Gouverneur näherte. Ließen sich die Chefs früher hofieren wie Könige? "Ach nein", sagt Wladislaw Raschkowan. "Die fühlten sich wie Gott."

Zur Person
  • National Bank of Ukrain
    Wladislaw Raschkowan ist seit der Maidan-Revolution Vize-Leiter der Zentralbank. Er ist 36 Jahre alt, hat in Österreich und Italien studiert. Vor dem Aufstand war er Chef des Ukraine-Geschäfts der italienischen Großbank Unicredit.
SPIEGEL ONLINE: Herr Raschkowan, Sie sind Quereinsteiger im Staatsdienst. Wie hat man Sie aufgenommen?

Raschkowan: Vier Tage nach dem Sturz von Präsident Wiktor Janukowytsch hat mich der neue Zentralbankchef eingestellt. Aber natürlich gibt sich das alte System nicht einfach geschlagen. Es schlägt zurück.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Raschkowan: Es wollte sich partout kein freies Büro für mich finden lassen. "Wir können ja schlecht jemand anderes für Sie auf die Straße setzen", wurde mir gesagt. Sie wollten mich abschrecken. Ich hab' zwei Wochen lang in der Kantine gearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagiert der Apparat?

Raschkowan: Er will dich zermürben. Es hat vier Monate gedauert, bis ich eigene Mitarbeiter einstellen konnte. Der Chef der Personalabteilung hat mir gesagt: Ich habe schon viele Reformer gesehen. Wo sind die heute, und wo stehe ich? Ich habe ihn feuern lassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie vermitteln auch nach anderthalb Jahren noch einen recht optimistischen Eindruck.

Raschkowan: Es gibt viel Enttäuschung. Der Job ist schwierig, bis zum Winter war ich sehr pessimistisch. Im November nahm dann endlich die neue Regierung ihre Arbeit auf, viele neue fähige Profis.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Leute?

Raschkowan: Viele kenne ich lange. Wir sind zusammen auf den Maidan gegangen: Max Nefjodow und Oxana Markarowa waren Investmentbanker. Jetzt sind sie Vize-Minister für Wirtschaft und Finanzen. Dmitrij Schimkiw war Chef von Microsoft Ukraine, heute ist er stellvertretender Chef der Präsidialverwaltung.

SPIEGEL ONLINE: Banker und Manager als Revolutionäre?

Raschkowan: Wir haben uns immer freitags getroffen und geredet, wie wir den Leuten auf dem Maidan helfen können. Als am 18. Februar in Kiew das Gewerkschaftshaus brannte, habe ich nach der Arbeit meinen Sohn ins Bett gebracht und meine Frau zur Seite geschoben. Sie wollte mich daran hindern, die Wohnung zu verlassen. Ich bin dann auf die Straße. Ich habe mit meinem Firmenwagen Verletzte ins Krankenhaus gefahren. Ich habe das als meine Pflicht gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie demonstriert?

Raschkowan: Ich bin kein Nationalist, wenn Sie das meinen. Meine Muttersprache ist Russisch. Ich war Chef von tausend Mitarbeitern, habe gut verdient. Ich bin für meine Kinder auf die Straße gegangen. Ich bekomme es mit der Angst zu tun, wenn ich mir vorstelle, dass sie eines Tages auf unser korruptes Gesundheitssystem angewiesen sein könnten. Unsere Generation steht in der Pflicht: Wir müssen Reformen anpacken, die seit 20 Jahren überfällig sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nicht die Ersten, die das versuchen. Die "Revolution in Orange" 2004 ist gescheitert. Warum sollte es diesmal klappen?

Raschkowan: Die Reformer damals glaubten, es reiche aus, Personen auszutauschen. Sie haben aber nichts an den Strukturen geändert. Das war falsch. Die eine Gefahr ist, dass die Neuen selbst Gefangene des alten Systems werden. Zweitens hilft der beste Profi nichts, wenn er konsequent den falschen Job macht.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für ihren Arbeitgeber, die Zentralbank?

Raschkowan: Wir haben die Entscheidungswege in der Bank verkürzt. Früher lagen zwischen dem einfachen Angestellten und dem Chef 16 Hierarchiestufen. Heute sind es noch fünf. Wir arbeiten an einer Neuordnung der Regionalzweigstellen. Sie führen ein Eigenleben wie kleine Königreiche. Insgesamt arbeiten dort 5000 Mitarbeiter. Viele machen die gleiche Arbeit, es gibt kaum Kommunikation.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen sie zerschlagen?

Raschkowan: Das Zerstören würde uns aufreiben. Wir glauben, die gleichen Aufgaben können von ein paar Hundert Mitarbeitern in der Zentrale und mobilen Gruppen erledigt werden. Wir wollen mit bestehenden Mitteln eine neue Struktur schaffen. Die alten schließen wir später.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele moderne Reformer wie Sie braucht die Ukraine?

Raschkowan: Mindestens tausend Leute in leitenden Positionen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele sind es bislang?

Raschkowan: 200, vielleicht 300. Nicht jeder glühende Patriot hat auch die nötige Qualifikation.

SPIEGEL ONLINE: Stehen Sie untereinander in Kontakt?

Raschkowan: Wir treffen uns mit einem Dutzend Vize-Minister alle drei Wochen informell zum Gedankenaustausch.

SPIEGEL ONLINE: Woher sollen die restlichen Reformkräfte kommen?

Raschkowan: Wir suchen sie in den Behörden. Dort gibt es grob drei Gruppen: Die "Engel" treiben Reformen voran, inspirieren. Engel haben eine Vision, aber es gibt nicht sehr viele von ihnen. Auf der anderen Seite gibt es "Teufel", die den Fortschritt sabotieren. Die Mehrheit steht unentschlossen dazwischen. Von denen müssen wir Konvertiten gewinnen.

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flo_bargfeld 14.06.2015
1. Gespenstisch ...
... wie der Interviewte hier mit religiösen Metaphern ("Engel" für vermeintliche Reformer, "Teufel" für vermeintliche Blockierer) hantiert. Interessant fände ich es übrigens, einmal den in den Ukrainekonflikt hineinwirkenden religiösen Resonanzboden (Westukraine = römisch-katholisch, Ostukraine = orthodox) darzustellen, denn der ist einflussreicher, als man im Westen gemeinhin denkt.
Spartakus 14.06.2015
2. Einer der Reformern...
Ist das einer Denjenigen, die ukrainische Rada (Parlament) dazu bewegt haben, einen Gesetz zu verabschieden, das der Regierung erlaubt, die Kredite an die private Gläubiger nicht zurückzuzahlen?!!!
Bunma 14.06.2015
3. gehts schon wieder los?
lasst den Mann doch erst mal arbeiten in diesem korrupten Pulverfass.Jedenfalls hat er das nötige Wissen aus seinen vorherigen Jobs und ist nicht von einer Partei eingesetzt worden.Immer diese Maulerei hier.Schaut Euch unsere Banker an-he? DIE deutsche Bank:"Gauner- Gangster und Ganoven" sagt man nur noch.Diesmal triffts aber die Shareholder-ach wie freu ich mich!
ulrich-lr. 14.06.2015
4. Vorwärts!
Was er genau will, bleibt im Dunkel. Aber: Wo der und seine Kumpel stehen, da ist vorne. Alles klar. ;-) Jedoch mal erfrischend, dass SPON jemanden zu Wort kommen lässt, der nicht den Russen die Schuld an der selbstverursachten Misere gibt.
Strichnid 14.06.2015
5. ...
So ein langes Interview mit einem "Reformer", und kein Wort darüber, welche Art von Reformen ihm konkret vorschweben für die Finanzverfassung des Landes.
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