Bei anhaltendem Ukrainekrieg Studie warnt vor höchster Inflation der Nachkriegszeit

Steigende Preise und schwächeres Wachstum: Russlands Krieg in der Ukraine trifft auch die deutsche Wirtschaft. Wie hart es werden könnte, zeigt eine Szenariorechnung der Beratungsfirma Deloitte.
Supermarkt: Auch die Lebensmittelpreise steigen derzeit drastisch

Supermarkt: Auch die Lebensmittelpreise steigen derzeit drastisch

Foto: Sven Simon / IMAGO

Turbulenzen an den Rohstoffmärkten und Firmen, die ihr Russlandgeschäft einfrieren: Der Krieg in der Ukraine hat schon jetzt spürbare Folgen für die deutsche Wirtschaft. Dennoch blieben die Effekte überschaubar – wenn bald die Waffen ruhen würden. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte in einer aktuellen Studie. Ein ganz anderes Bild ergäbe sich dagegen, wenn sich die Kämpfe bis in das nächste Jahr zögen.

»Konjunkturprognosen sind wegen des Krieges und seiner wirtschaftlichen Auswirkungen derzeit mit viel Unsicherheit behaftet«, sagt Alexander Boersch, Chefvolkswirt bei Deloitte. Boersch und Kollegen haben deshalb drei Szenarien entwickelt, wie sich der Krieg je nach Dauer auf Wachstum und Inflation auswirkt – die Unterschiede sind gewaltig. »Unternehmen sollten bei der Planung alle drei Szenarien im Kopf haben«, sagt Boersch.

Negativ wirken zum einen die Sanktionen, die EU und USA gegen Personen und Unternehmen aus Russland verhängt haben, und die den Export zahlreicher Produkte untersagen. Viele deutsche Firmen betreiben deswegen kein Neugeschäft mehr in Russland, einige haben ihre Aktivitäten dort ganz eingestellt. Zwar erzielen beispielsweise Autohersteller und Chemieindustrie in Russland erhebliche Umsätze, insgesamt spielte Russland als Exportmarkt jedoch schon vor der Eskalation nur noch eine untergeordnete Rolle. Gravierender sind die Folgen steigender Energie- und Rohstoffpreise, dadurch reißen Lieferketten, zahllose Produkte verteuern sich, was letztlich auch die Nachfrage bremst.

Die drei Szenarien

  • Kommt es noch im zweiten Quartal zu einer diplomatischen Lösung oder einem Waffenstillstand, so Deloitte, werde das Wachstum in Deutschland in diesem Jahr jedoch noch immer bei drei Prozent liegen, und damit nur um einen halben Prozentpunkt niedriger als vor dem Ausbruch des Krieges angenommen. Auch die Inflation würde mit 4,1 Prozent auf Jahressicht nur unwesentlich höher ausfallen. Zwar lag die Rate im März schon deutlich höher, bei 7,3 Prozent, aber Deloitte geht davon aus, dass die Energie- und Rohstoffpreise rasch auf Vorjahresniveau zurückgehen würden, wenn der Krieg endete.

  • Dauern die Kämpfe in der Ukraine und der Konflikt des Westens mit Russland bis zum Herbst an, sei nur noch mit 2,3 Prozent Wachstum zu rechnen und mit 5,1 Prozent Inflation. Vor allem anhaltend hohe Energiepreise sowie gestörte Lieferketten würden die wirtschaftliche Erholung von der Coronapandemie bremsen und die Preise treiben.

  • Reicht der Krieg dagegen bis weit in das Jahr 2023 hinein, erwartet Deloitte, dass die Wirtschaftsleistung 2022 nur um 0,6 Prozent vorankommt, das wäre nahe an einer Stagnation. Die Inflation aber würde zugleich bis auf 8,3 Prozent springen, Ökonomen sprechen bei einem solchen Szenario von Stagflation. So stark sind die Preise in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gestiegen. Lediglich in den Fünfzigerjahren und infolge der Ölkrise von 1973 erreichte die Inflation mehr als sieben Prozent.

Dabei hat Deloitte eines der größten Risiken für die deutsche Wirtschaft bei den Berechnungen außer Acht gelassen: Einer möglichen Unterbrechung der Gas- und Öllieferungen aus Russland, sei es auf Anordnung von Wladimir Putin oder weil die EU sich doch noch zu einem Embargo entschließt. »Die wirtschaftlichen Folgen eines Gas- und Öl-Importstopps sind kaum zu modellieren, weil es dazu keine Erfahrungswerte und wenig historische Daten gibt«, erklärt Boersch. »Aber sollte es zu einem Lieferstopp kommen, wäre eine Rezession wahrscheinlich.«

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