»Wahlbeobachter« für Scheinreferenden Früherer NDR-Redakteur verliert Lehraufträge wegen umstrittener Ukrainereise

Zu den Schein­referenden in der Ostukraine sind mehrere Deutsche angereist, unter ihnen »Wahlbeobachter«, Blogger und prorussische Aktivisten. Für den Ex-NDR-Journalisten Patrik Baab hat das Abenteuer nun berufliche Konsequenzen.
Ex-NDR-Redakteur Patrik Baab (1. v. l.): Wahlbeobachter beim Scheinreferendum

Ex-NDR-Redakteur Patrik Baab (1. v. l.): Wahlbeobachter beim Scheinreferendum

Foto: STRINGER / EPA

Wer wissen will, was Patrik Baab derzeit treibt, kann seine Reise in den Osten auf YouTube  verfolgen. Über den Kanal »Druschba FM« verbreitet der ehemalige Redakteur des Norddeutschen Rundfunks (NDR) seinen eigenen Blick auf den Krieg in der Ukraine – etwa von einem Obst- und Gemüsestand im russischen Rostow am Don. »Von den Sanktionen und ihrer Wirkung ist hier keine Spur«, urteilt Baab, im Gegenteil: Die Gurken und Tomaten hätten »offensichtlich eine höhere Qualität als in Deutschland«.

Es ist ein seltsames Urteil, doch es dient dem Journalisten als Beweis für seine These: Die Sanktionen gegen Russland schaden in Wirklichkeit nur Deutschland und seinen Bürgern, nicht dem »angeblichen Bösewicht im Kreml«.

Baabs Positionen passen gut in die russische Propaganda, die im Kampf um die Deutungshoheit auch auf die Glaubwürdigkeit westlicher Journalisten setzt. So etwa in der Ostukraine, wo derzeit in völkerrechtswidrigen Scheinreferenden eine Zustimmung zu einer Annexion vorgegaukelt werden soll. Gemeinsam mit dem YouTuber Sergey Filbert und mehreren anderen Deutschen ist Baab mittlerweile als »Wahlbeobachter« in den selbst erklärten Volksrepubliken Lugansk und Donezk unterwegs – und war unter anderem Teil einer Pressekonferenz, in der er seine Beobachtungen zur Wahl schilderte.

Manche Wahllokale würden den Anforderungen an eine freie und geheime Wahl nicht genügen, sagte Baab dort. Die russische Nachrichtenagentur Tass zitiert ihn jedoch auch mit einem ausdrücklichen Lob: Die Behörden würden sich »viel Mühe geben, ein demokratisches Referendum zu organisieren«, die Bevölkerung unterstütze es auch.

Konsequenzen in der Heimat

Für den Journalisten Baab, der seit Jahren durch Beiträge in alternativen Medien wie »Ken FM«, den »Nachdenkseiten« und »Rubikon« aufgefallen ist, hat der eigenwillige Auftritt im Interesse Russlands nun berufliche Konsequenzen. Die Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Berlin, an der Baab bisher einen Lehrauftrag hatte, trennte sich von ihm, wie Rektor Klaus-Dieter Schulz und Kanzler Ronald Freytag in einer gemeinsamen Mitteilung erklärten. Die Hochschule distanziere sich ausdrücklich. Die »journalistische Scheinobjektivität«, mit beiden Seiten zu sprechen, trage in dem Fall nämlich zur Legitimation von Mord, Folter und Verstößen gegen Humanität und Völkerrecht bei.

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Einen zweiten Lehrauftrag hatte der 63-Jährige an der Christian-Albrechts-Universität Kiel – den er nun ebenfalls verlieren soll. Baabs Auftreten als »Beobachter« der völkerrechtswidrigen Scheinreferenden verleihe dem russischen Vorgehen »den Anschein von Legitimität«, sagte eine Sprecherin dem SPIEGEL. Die CAU distanziere sich deshalb ausdrücklich von seiner Reise und werde keine Lehrveranstaltungen anbieten, die von Herrn Baab unterrichtet werden. »Der Lehrauftrag wird gekündigt.« Eine bereits geplante Lehrveranstaltung im kommenden Wintersemester wird abgesagt.

Baab bestreitet Rolle

Auf eine Anfrage des SPIEGEL reagierte Baab nicht, gegenüber »T-Online« bestritt er jedoch seine Rolle als Wahlbeobachter . Er recherchiere lediglich »für ein Buchprojekt« und sei deshalb auf eigene Faust gemeinsam mit dem YouTuber Sergej Filbert in die Ukraine gereist. »Ich will mir das mal selbst ansehen, bevor ich etwas sage.«

Sein bisheriger Arbeitgeber, der NDR, sieht dem Treiben des ehemaligen Redakteurs einigermaßen hilflos zu. Baab befinde sich derzeit in der »Entnahmephase seines Langzeitkontos«, also in einer Form von Altersteilzeit. Er sei nur bis zum 29. Mai dieses Jahres für die Programme des NDR tätig gewesen, »seine letzte Produktion für den NDR war am 24. April ein Film für den Ostseereport«, so eine Sprecherin. In anderen Worten: Man kann Baab schlecht an seiner Reise hindern. Über die Auftritte in der Ukraine habe er den NDR jedenfalls »nicht informiert«.

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