kicker.tv

Anonymisiertes Gerichtsdokument Pssst, hier ist das Hoeneß-Urteil

Die Münchner Justiz hat eine schriftliche Urteilsbegründung vorgelegt, bei der jeder weiß, dass es um den Fall Hoeneß geht. Trotzdem ist sie teilweise anonymisiert. Sie gibt Aufschluss über die waghalsigen Transaktionen des Ex-FC-Bayern-Bosses.

Man kann die abenteuerlichen Gewinne, die Uli Hoeneß zwischenzeitlich mit seinen riskanten Devisenspekulationen machte, jetzt detailliert nachlesen: 20.975.796,59 Euro etwa im Jahr 2002, als er einer "Strategie mit dem Währungspaar EUR/USD" folgte. Auch andere Währungspaar-Strategien waren für den früheren Präsidenten des FC Bayern München, der am 13. März wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden war, erfolgreich: 8.818.477,09 Euro Gewinn etwa, als er Devisentermingeschäfte mit Euro und japanischem Yen machte.

Hoeneß transferierte erhebliche Summen. So überwies er etwa in der Zeit vom 25. Januar 2001 bis zum 13. November 2001 insgesamt 11.248.417,65 Euro von einem Konto auf ein anderes.

Die Zahlen sind im schriftlichen Urteil  des Münchner Landgerichts aufgeführt, das an diesem Donnerstag "in anonymisierter Form" veröffentlicht wurde - was unter anderem bedeutet, dass Hoeneß' Name gleich im ersten Satz mit dem Schuldspruch nicht genannt wird. Stattdessen heißt es dort: "Der Angeklagte (…) wird wegen 7 tatmehrheitlicher Fälle der Steuerhinterziehung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten verurteilt." Auch weitere Namen von Personen und Banken sind anonymisiert, etwa das Schweizer Geldhaus Vontobel, bei dem Hoeneß ein Konto für seine Devisenspekulationen nutzte.

Verweis auf Fristen

Es hatte zuletzt Kritik daran gegeben, dass sich das Gericht so viel Zeit mit der Veröffentlichung des Urteils ließ. "München mauert", lautete die Überschrift eines Berichts in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" am Mittwoch. Der Strafrechtswissenschaftler Walter Grasnick habe sich seit Längerem vergeblich bemüht, an die schriftliche Urteilsbegründung zu gelangen, hieß es in dem Bericht. Die Justiz sei aber "zu einer zeitnahen Übersendung des Urteils verpflichtet".

An diesem Donnerstag erklärte das Oberlandesgericht München in einer Pressemitteilung, die zuständige Strafkammer habe vor der Entscheidung über die Veröffentlichung des Urteils Hoeneß' Verteidigern "rechtliches Gehör" gewähren müssen - schließlich seien dessen Persönlichkeitsrechte und das Steuergeheimnis zu berücksichtigen gewesen. Die Stellungnahmefrist sei am 29. Oktober abgelaufen. Dennoch bleibt jetzt der Eindruck, dass die Veröffentlichung des Urteils durch den medialen Druck beschleunigt wurde.

Nach dem an nur vier Tagen abgewickelten Prozess und dem anschließenden Verzicht auf eine Revision durch Hoeneß und die Staatsanwaltschaft hatten Beobachter die Vermutung geäußert, dass es möglicherweise einen Deal zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung über den Verlauf des Verfahrens gegeben habe. Dieser Vermutung wird in dem 50-seitigen Dokument widersprochen: Das Urteil beruhe "nicht auf einer Verständigung" im Sinne des Paragrafen 257c der Strafprozessordnung. Es hätten auch keine "Gespräche zur Anbahnung einer solchen Verständigung" stattgefunden.

"Schuldeinsicht und Reue"

Sieben Einzelstrafen setzte das Gericht für die Steuerhinterziehungen in den Jahren 2003 bis 2009 fest - addiert ergeben sie eine Summe von neun Jahren und zwei Monaten. Man sei aber von den vom Bundesgerichtshof entwickelten Grundsätzen zur Strafzumessung bei Steuerhinterziehung abgewichen, "weil dies angesichts der außerordentlichen Umstände des Einzelfalles geboten" gewesen sei. In diesem Zusammenhang wird unter anderem "die von Anfang an geständige und von erkennbarer Schuldeinsicht und Reue getragene Einlassung des Angeklagten" genannt. Zudem seien die von Hoeneß selbst vorgelegten Unterlagen für die Arbeit des Gerichts sehr hilfreich gewesen. Mit seiner Kooperation habe er sich "geradezu 'ans Messer geliefert'".

Der 62-Jährige hatte seine Haft in der JVA Landsberg am Lech im Juni angetreten. Zuletzt hatte er bereits wiederholt Freigang. Es wird allgemein erwartet, dass er schon bald dauerhaften Freigang bekommen wird. Zuletzt hieß es in einem Bericht, dass der FC Bayern Hoeneß' Rückkehr für das kommende Frühjahr erwarte - offenbar soll der ehemalige Präsident eine Stelle in der Jugendabteilung des Vereins antreten.