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COMPUTER Ultra-Super Sahne

Diese Woche will es IBM allen wieder einmal zeigen. Der weltgrößte Computerhersteller, in den letzten Jahren von pfiffigen Nachahmern gepiesackt, stellt seine neuen Rechner vor. *
aus DER SPIEGEL 14/1987

Auf der »Landesführungskonferenz« der deutschen IBM war die Stimmung gedrückt wie bei einer Trauerfeier. »Der Lebensstandard unserer Mitarbeiter kann nicht erhöht werden«, verkündete Anfang dieses Jahres Ihno Schneevoigt, Personalchef der IBM Deutschland, »wenn die Gesamtleistung der Firma stagniert oder zurückfällt.«

Der US-Mutterkonzern der deutschen IBM ist letztes Jahr weit hinter seinen üblichen zweistelligen Zuwachsraten bei Umsatz und Gewinn geblieben. Der Konzern schaffte mit rund 51 Milliarden Dollar kaum mehr Verkäufe als im Vorjahr, der Gewinn ging um 27 Prozent zurück.

Die größte Auslandstochter, die deutsche IBM, traf es noch härter. Ihr Umsatz schrumpfte gar um neun Prozent auf zwölf Milliarden Mark.

Deutschland-Chef Hans-Olaf Henkel vermeldete bei den Computer-Verkäufen des letzten Halbjahrs einen »ziemlichen Absturz«.

Von Donnerstag dieser Woche an soll es nun wieder aufwärtsgehen. Im »Doral Country Club« von Miami, Florida, in der Wiesbadener Rheingold-Halle und in über 100 weiteren Ländern dieser Welt wird IBM eine neue Serie von Computern vorstellen. Feierlich werden vor ausgesuchten IBM-Händlern und Großkunden die unter strengster Geheimhaltung entwickelten Rechner mit den Tarnnamen Flashlight, Rough Rider, Trail Boss und Wrangler enthüllt.

Die Maschinen mit den Wild-West-Namen sind die ersten Produkte einer großangelegten Strategie, die IBM wieder beflügeln soll. Unter dem Schlagwort »SAA« (System Anwendungs-Architektur) sollen die meisten IBM-Produkte vom Kleinrechner bis zum Jumbo auf eine Linie getrimmt werden - alle Programme laufen auf allen Maschinen.

Mit Sicherheit wird die neue Serie den Teil des Computer-Geschäfts neu prägen, der in den letzten Jahren für die meisten Schlagzeilen sorgte: die kompakten Kleinrechner für den Schreibtisch, Personal-Computer genannt.

Personal-Computer sind out - so lautet die Botschaft, die der Branchen-Gigant nun verkündet. Jetzt kommen die »Personal Systems«. Und wenn es nach IBM geht, dann heißen sie möglichst alle »PS /2« - so der offizielle Name der neuen Serie.

Vor einem Jahrzehnt hatten Firmen wie Apple und Commodore die ersten preiswerten Mikrocomputer auf den Markt gebracht. Die IBM, seit Beginn des elektronischen Zeitalters marktbeherrschend bei den großen Systemen, reagierte erst spät. 1981 kam der erste IBM-PC - Personal-Computer- heraus. Für das gespannte Publikum war die eher mittelmäßige Maschine eine Enttäuschung. Dennoch wurde der von dem Riesen gesetzte Standard für die Personal-Computer zur beherrschenden Norm für den ganzen Markt.

Der Rückschlag war schon programmiert. Die simplen IBM-Maschinen, aus Bauteilen von Fremdfirmen zusammengesetzt, konnten allzuleicht von Konkurrenten nachgeahmt werden. Aus Fernost kamen bald billige Kopien, die »Clones«, und räumten den Markt ab. Clevere Neulinge wie die texanische Firma Compaq entwickelten technisch überlegene Geräte, die nach dem IBM-Standard liefen. Voriges Jahr schrumpfte der PC-Marktanteil des Riesen auf rund 20 Prozent - in guten Zeiten hat IBM die Hälfte aller PCs liefern können.

Mit der neuen PC-Generation will »Big Blue« den Markt wieder fest in den Griff nehmen. Um der Konkurrenz ja keinen unnötigen Vorsprung zu geben, hielt IBM alle Details streng unter Verschluß. Selbst das Datum der Ankündigung, der 2. April, wurde vorige Woche noch als Geheimsache behandelt.

Im elektronischen Untergrund der USA war das Geheimnis der IBM in den letzten Tagen dennoch bereits gelüftet. Auf ihren per Telephon vernetzten PCs tauschten die Freaks der Szene die heißen Neuigkeiten aus. Unter dem Pseudonym »Willy Sauerkraut« hackte sich der Hamburger Jung-Unternehmer Michael Poliza, Gründer des IBM-Handelshauses Polisoft, mit seinem Compaq-Rechner durch die US-Netze. Sein Urteil über die neuen Personal-Systeme der IBM: »Ultra-Super Sahne«.

Am unteren Ende der Serie /2 kommt IBM mit einem Gerät, das den Billig-Konkurrenten die Luft abschneiden kann. Das »Modell 30« ist schneller als der bisherige IBM-Luxus-PC/AT und kostet in den USA vermutlich weniger als 1500 Dollar. Der Konzern verzichtet bei der Produktion weitgehend auf Zulieferungen. Die zentrale Einheit des Rechners kann IBM in seinen Werken in den USA und Schottland per Roboter für weniger als 300 Mark produzieren. In der Kalkulation ist damit so viel Luft, daß IBM weitere Preiskämpfe der asiatischen Nachahmer abfangen kann.

Das Spitzenmodell der Reihe (Kodename »Wrangler") bringt doppelt soviel Leistung wie der neueste Rechner des Konkurrenten Compaq. Mit ihrem auf dem bisher stärksten Mikroprozessor (Typ 80386) aufgebauten Modell hatten die Texaner geglaubt, der neuen Serie von IBM um Längen voraus zu sein.

Der eigentliche Clou der Serie /2 aber sind vier von IBM entwickelte Chips für die Steuerung wichtiger Funktionen. Sie enthalten »elektronische Fingerabdrücke«. Der Geheimkode überführt jeden Konkurrenten, der die urheberrechtlich geschützten Chips illegal kopiert, um sie in seine Rechner einzubauen. Wer jetzt einen Clone zu der neuen IBM-Serie herstellen will, muß die Funktion der Chips mühsam auf andere Weise als IBM simulieren.

Auch das ist IBM aber noch nicht genug. Im ersten Quartal des nächsten Jahres kommt für die Serie auch ein neues Betriebssystem, also ein Rechnerprogramm, das die internen Arbeitsabläufe des Computers steuert. Die Serie wird zwar auch Programme nach dem alten IBM-Standard verarbeiten können, die wahre Stärke der Maschinen aber entfaltet sich erst mit dem neuen Betriebssystem. Das aber funktioniert nur in Verbindung mit den trickreichen Fingerabdruck-Chips - eine weitere Hürde für die Konkurrenten.

Computer-Kenner Poliza schätzt den neu gewonnenen Vorsprung des Giganten auf »zwei bis drei Jahre« - im elektronischen Zeitalter eine Ewigkeit. _(Mit einem Vorgänger des neuen ) _(Personal-Computers. )

Mit einem Vorgänger des neuen Personal-Computers.

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