Umfrage Angst vor Wirtschaftskrise wächst sprunghaft

Lange ließ die Finanzkrise viele Deutsche kalt, doch jetzt geht die Angst um: Laut einer aktuellen Studie fürchten die Bürger vermehrt um ihren Arbeitsplatz, auch die Sorge wegen der Konjunkturlage nimmt drastisch zu. Themen wie Umwelt und Altersvorsorge rücken dagegen in den Hintergrund.

München - Milliardenverluste bei den Unternehmen, Kurseinbrüche an den Börsen, mehr Insolvenzen: Die zahlreichen Hiobsbotschaften aus der Konjunkturkrise beschäftigen die Deutschen. Angesichts der schwierigen Wirtschaftslage fürchten die Bundesbürger vermehrt um ihren Job. Der Arbeitsmarkt steht mitten in der weltweiten Rezession bei 57 Prozent der Bundesbürger ganz oben auf der Sorgenliste, wie aus einer am Freitag veröffentlichten Analyse des Marktforschungsinstituts GfK hervorgeht.

Arbeitslose in Berlin: Die Deutschen fürchten um ihren Job

Arbeitslose in Berlin: Die Deutschen fürchten um ihren Job

Foto: REUTERS

Die Gesellschaft für Konsumforschung hat für die Studie "Challenges of Europe" im Februar und März 12.500 Verbraucher in Deutschland und Europa befragt. Nach Rückgängen in den vergangenen Jahren habe es gerade in Fragen der Jobsicherheit mit vier Prozentpunkten wieder einen Anstieg gegeben, teilte das Institut mit.

Auch die Sorge um die wirtschaftliche Stabilität nimmt zu. Sie schnellte mit 36 Prozent der Nennungen auf den zweiten Platz hoch - von Rang 15 im Vorjahr. Die Furcht um die Wirtschaftslage stieg deutlich schneller als die Sorge vor Arbeitslosigkeit. Der Abstand zwischen diesen beiden Themen hat sich von 46 Punkten im Vorjahr auf 21 Punkte mehr als halbiert.

Die diffuse Angst vor der Rezession steigt damit ausgerechnet in dem Moment an, in dem sich die Anzeichen mehren, dass die Talsohle der Krise allmählich überschritten sein könnte. Die deutschen Exporteure verzeichneten ihr erstes Umsatzplus seit sechs Monaten, die deutsche Industrie hat im März zum ersten Mal seit einem halben Jahr wieder mehr Aufträge erhalten - und auch die deutsche Börse ist seit Wochen verhältnismäßig stabil.

Unbegründet sind die Ängste aber dennoch nicht: Viele Experten glauben, dass auf den Absturz der Wirtschaft kein ebenso schneller Aufschwung folgen wird - sondern eher eine langsame Erholung. Zudem wirkt sich die Krise mit etwa sechsmonatiger Verzögerung auf den Job-Markt aus, so dass in den kommenden Monaten vermehrt Stellen abgebaut werden könnten.

Deutsche Sorgen

Freie Antworten 2006 2007 2008 2009
Arbeitslosigkeit 80 67 53 57
Wirtschaftl. Stabilität 8 6 7 36
Bildungspolitik 9 10 17 14
Preis-/Kaufkraftentwicklung 11 18 37 13
Soziale Sicherung 10 8 13 13
Politik/Regierung 6 7 9 10
Gesundheitswesen 15 13 12 10
Staatsfinanzen 6 7 2 9
Renten/Altersversorgung 18 18 23 9
Kriminalität 6 10 13 8
Umweltschutz 5 16 12 7
Steuerpolitik 6 9 11 7
Quelle: Challenges of Europa 2009, GfK; Angaben in Prozent. Die Befragten nannten als dringlichste Aufgaben, die in Deutschland zu lösen sind: (freie Antworten; Mehrfachnennungen möglich)

Mit deutlichem Abstand auf die Krisenängste folgen Themen wie Bildung oder die Sorgen um die Preisentwicklung. Die Furcht vor einer Inflation fiel vom zweiten auf den vierten Platz zurück. Die wieder sinkenden Energie- und Lebensmittelpreise haben die Konsumenten offenbar etwas beruhigt. Weiter unten auf der Liste werden die soziale Sicherung, die Regierung, das Gesundheitswesen und die Staatsfinanzen genannt.

Ähnlich wie in Deutschland sieht das Bild im europäischen Ausland aus: Auch hier sind die Arbeitsmarktproblematik und die Beunruhigung über die wirtschaftliche Entwicklung auf den ersten beiden Rängen angesiedelt. In Großbritannien, Belgien und den Niederlanden nimmt letztere sogar den obersten Platz ein. Dafür tritt zum Beispiel die Furcht vor Kriminalität oder das Thema Altersvorsorge in den Hintergrund.

Die Herausforderungen in Europa 2009

Gesamt D I F A GB RUS B PL E
Arbeitslosigkeit 39 57 46 54 42 20 21 27 44 67
Wirtschaftl. Stabilität 29 36 31 13 34 43 26 31 22 34
Preis-/ Kaufkraftentwicklung 22 13 21 51 16 5 31 12 20 3
Kriminalität 11 8 41 6 6 19 3 11 2 8
Renten / Altersversorgung 8 9 8 9 10 1 13 6 9 1
Quelle: Challenges of Europe 2009, GfK-Nürnberg e.V.

Tatsächlich erwartet auch die EU schwere Zeiten für den europäischen Arbeitsmarkt: Alles deute darauf hin, dass in der EU und in Deutschland "mit einem außerordentlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit" gerechnet werden müsse, sagte EU-Industriekommissar Günter Verheugen der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse".

"Die Wirtschaftskrise bestimmt die Sorgen"

In Deutschland hätten die Ängste laut Gesellschaft für Konsumforschung allerdings noch größer ausfallen können. "Die Wirtschaftskrise bestimmt die Sorgen", sagte auch GfK-Chef Klaus Wübbenhorst. Mit dem entschlossenen Handeln der Regierung beispielsweise durch die Ausdehnung der Kurzarbeit sei bisher Schlimmeres verhindert worden, ergänzte er. Das habe die Sorge vor Arbeitslosigkeit etwas gedämpft.

Die beschlossenen Konjunkturhilfen sollten möglichst rasch umgesetzt werden, sagte Wübbenhorst. Die Programme sollten ausgeschöpft werden, und auch Kurzarbeit bleibe ein wichtiges Instrument. Auch ein Streichen oder Aussetzen des Solidaritätszuschlags würde schnell und unmittelbar wirken. Dadurch könnte der für das laufende Jahr erwartete schärfste Einbruch der Wirtschaftsleistung seit Bestehen der Bundesrepublik zumindest etwas abgemildert werden.

Die Umfrage zeige laut Wübbenhorst aber auch, dass gerade die Leistungsträger nicht über Gebühr belastet werden sollten. Denn genau in dieser Gruppe wachse die Sorge um die wirtschaftliche Stabilität besonders stark. Es gelte dafür zu sorgen, dass Sorgen, die bereits hoch seien, nicht noch höher würden. Wenn die Regierung weiter entschlossen handele, werde die Angst vor Arbeitslosigkeit nicht so stark steigen, wie dies angesichts der Krise zu befürchten wäre.

Dauerthema Arbeitsmarkt

Die Marktforscher der GfK können inzwischen auf eine langjährige Datensammlung zurückblicken. "Fazit ist letztlich, der Deutsche hat immer hohe Sorge vor Arbeitslosigkeit. Zudem gibt es immer Sonderthemen, auf die der Bürger reagiert, aber die dann, wenn sie gelöst sind, auch wieder verschwinden", fasst Wübbenhorst zusammen. Als Beispiele nennt er die Euro-Einführung, die EU-Osterweiterung oder Ausländerfeindlichkeit.

Auch das Thema Umweltschutz ist mal mehr, mal weniger präsent: Zu Zeiten der Wiedervereinigung wurde es mit einem Fünftel der Nennungen fast genauso häufig genannt wie Arbeitslosigkeit, sank aber binnen eines Jahrzehnts auf vier Prozent ab. Seit 2007 ist es wieder präsent (16 Prozent), wurde aber 2008 von der Finanzkrise überschattet.

suc/ssu/Reuters/dpa
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