Umfrage unter Einkaufsmanagern Experten sehen Europas Industrie in schwerster Krise seit Kriegsende

Die Privatwirtschaft in Europa taumelt immer weiter in die Krise: Die Stimmung der Einkaufsmanager hat sich im Dezember stark eingetrübt. In Deutschland sieht es vor allem in der Industrie finster aus - nur bei den Dienstleistern ist die Lage etwas besser.


Frankfurt am Main - Die Aussichten sind finster: In Deutschland, der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone, trübte sich die Stimmung im verarbeitenden Gewerbe weiter ein und sank auf ein neues Rekordtief. Die Stimmung im Dienstleistungssektor hellte sich indes überraschend auf. In Frankreich, der zweitgrößten Wirtschaft des Währungsraums, gaben die Stimmungsindikatoren in beiden Bereichen weiter nach. Das ergab der Einkaufsmanagerindex des Instituts Markit.

Woolworths-Filiale: Pessimistische Prognose noch übertroffen
AFP

Woolworths-Filiale: Pessimistische Prognose noch übertroffen

Die deutschen Dienstleister haben ihre Talfahrt demnach im Dezember überraschend abgebremst. Die Geschäfte schrumpften nicht mehr so stark wie im Vormonat, wie aus dem Index hervorgeht. Das Barometer, das monatlich per Umfrage unter Hunderten Firmen ermittelt wird, stieg nach vorläufigen Angaben auf 46,4 Punkte nach 45,1 Zählern im November.

In der deutschen Industrie wurden pessimistische Prognosen für den viel beachteten Einkaufsmanagerindex hingegen noch übertroffen. Der Index für die Geschäftstätigkeit sackte auf 33,5 Punkte von 35,7 Zählern im November ab. Die Experten hatten im Schnitt lediglich mit einem Rückgang auf 34,5 Punkte gerechnet. Angesichts der Rezession baute die Industrie so stark Arbeitsplätze ab wie noch nie seit Beginn der Umfrage vor rund zwölf Jahren. "Wenn die Auslastung nächstes Jahr noch schwächer wird, wird sich der Personalabbau wahrscheinlich beschleunigen", sagte Markit-Volkswirt Tim Moore.

Ab einem Wert von 50 Punkten deuten die Indikatoren auf einen Anstieg der wirtschaftlichen Aktivität hin. Liegen die Kennzahlen unter diesem Wert, kann von einem Rückgang ausgegangen werden.

Im Euro-Raum fiel der Einkaufsmanagerindex für die Industrie auf ein Rekordtief von 34,5 Punkten nach 35,6 Zählern im November. Experten hatten allerdings mit einem noch stärkeren Rückgang auf 34,3 Punkte gerechnet.

Die weiter gefallenen Einkaufsmanagerindizes der Euro-Zone sind nach Einschätzung der Commerzbank Beleg für eine historische Krise. "Die Euro-Wirtschaft ist in der schwersten Krise der Nachkriegsgeschichte", schreiben die Experten in einem Kommentar vom Dienstag.

Prognostizierte Kaufkraft-Verteilung 2009 nach Regionen
Gfk GeoMarketing

Prognostizierte Kaufkraft-Verteilung 2009 nach Regionen

Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Wirtschaft im Euro-Raum so stark geschrumpft. "Auch mit neuen staatlichen Konjunkturprogrammen kann der Einbruch nicht mehr verhindert werden", schreibt die Bank. Die Programme seien allenfalls dazu geeignet, der Wirtschaft im Frühjahr etwas Halt zu geben. Der Preis hierfür sei aber ein deutlicher Anstieg der Staatsverschuldung.

Die Unternehmen reagierten mit weiterem Personalabbau auf die Nachfrageflaute an den Weltmärkten, die sich in rückläufigen Neuaufträgen bemerkbar macht. Die neuen Aufträge gingen so stark zurück wie nie zuvor seit Beginn der Markit-Umfragen, der Personalabbau war so groß wie seit mehr als drei Jahren nicht.

Auch beim Konsum ist im kommenden Jahr nicht viel Gutes zu erwarten: Laut einer Prognose der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) wird sich das Nettoeinkommen aller Deutschen 2009 auf gut 1,56 Billionen Euro belaufen. Pro Kopf entspricht das 18.946 Euro im Jahr, die verkonsumiert werden können - rund 210 Euro mehr als im vergangenen Jahr.

Doch unterm Strich ist diese Billionenzahl alles andere als positiv zu bewerten. Denn im Vergleich zu 2008 hat sich die Gesamt-Kaufkraft der Deutschen nur um rund 1,1 Prozent gesteigert. Die Inflation dürfte 2009 höher ausfallen. Damit würde das Wohlstandswachstum von den steigenden Lebenshaltungskosten geschluckt.

"Die Ergebnisse bedeuten, dass die reale Kaufkraft im kommenden Jahr vermutlich stagniert", sagt Simone Baecker-Neuchl, Leiterin der Abteilung "Market Data & Research" bei GfK GeoMarketing und Projektleiterin der Kaufkraft-Studie. Ob die einzelnen Menschen unterm Strich mehr oder weniger haben werden, sei allerdings branchenabhängig. Manche profitierten von deutlich wachsenden Nettolöhnen, andere dürften aufgrund von Zeitarbeit oder gar Stellenverlust an Kaufkraft einbüßen.

Auch im Bundesländer-Vergleich hat sich kaum etwas geändert. Bayern führt mit im Schnitt 20.571 Euro pro Kopf noch immer vor Hessen und Baden-Württemberg (20.424, beziehungsweise 20.283 Euro). Schlusslicht bleibt Sachsen-Anhalt mit einer Kaufkraft von 15.548 Euro pro Kopf.

Die GfK-Kaufkraft ist definiert als die Summe aller Nettoeinkünfte der Bevölkerung, bezogen auf den Wohnort. Neben dem Nettoeinkommen aus selbständiger und nichtselbständiger Arbeit werden ebenso Kapitaleinkünfte und staatliche Transferzahlungen wie Arbeitslosengeld, Kindergeld und Renten zur Kaufkraft hinzugerechnet.

Bundesländer-Ranking

Rang Bundesland Kaufkraft pro Kopf in Euro Kaufkraft pro Einwohner*
1 Bayern 20.571 108,6
2 Hessen 20.424 107,8
3 Baden-Württemberg 20.283 107,1
4 Hamburg 20.139 106,3
5 Nordrhein-Westfalen 19.234 101,5
6 Schleswig-Holstein 19.214 101,4
7 Rheinland-Pfalz 18.956 100,1
8 Niedersachsen 18.537 97,8
9 Saarland 17.729 93,6
10 Bremen 17.408 91,9
11 Berlin 16.977 89,6
12 Brandenburg 16.645 87,9
13 Sachsen 15.952 84,2
14 Thüringen 15.826 83,5
15 Mecklenburg-Vorpommern 15.552 82,1
16 Sachsen-Anhalt 15.548 82,1

*Bundesschnitt = 100, Quelle: GfK Geomarketing

cvk/Reuters/dpa-AFX

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