Umfrage unter US-Firmen Standort Deutschland attraktiv wie lange nicht

US-Investoren schwärmen wieder für den Standort Deutschland. Eine Studie der Amerikanischen Handelskammer lobt die Erfolge der jüngsten Reformpolitik. Um den Standard zu halten, braucht es jedoch dringend neue Ingenieure und Informatiker.

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Berlin - Unerwartetes Lob von einem Amerikaner wurde heute Altbundeskanzler Gerhard Schröder zuteil. Der Präsident der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, Fred B. Irwin, führte die blendende Stimmung hier zu Lande zumindest indirekt auf die von der rot-grünen Regierung auf den Weg gebrachten Reformen zurück. "Die Große Koalition, die derzeit in Berlin regiert, bringt zwar keine großen Reformen auf den Weg, aber sie macht auch nichts Schädliches". Dagegen verdienten die von dem damaligen Bundesarbeitsminister Wolfgang Clement (SPD) durchgesetzten Arbeitsmarktreformen höchste Anerkennung.

Maschinenbau: Standort Deutschland gewinnt Ansehen zurück
DPA

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Die Veränderungen haben inzwischen auch die US-Unternehmen registriert. Als Standort für Investitionen ist der Ruf Deutschlands jenseits des Atlantiks so gut, wie schon lange nicht mehr. Das jedenfalls ergab eine Umfrage, die die AmCham gemeinsam mit der Unternehmensberatung Boston Consulting vorgestellt hat. Insgesamt haben darin rund 80 Unternehmen ihre Einschätzungen formuliert, Noten verteilt und Auskunft über ihre Pläne für Investitionen gegeben.

Da die Studie bereits zum vierten Mal in Folge durchgeführt wurde, konnten ihre Autoren Veränderungen in der Wahrnehmung und mögliche Trends herausarbeiten. Das Ergebnis in Kurzform: Mit 130 Milliarden Euro sind US-Konzerne in Deutschland engagiert. Damit liegen die Investitionen so hoch wie in keinem anderen EU-Staat. Die Zahl der Unternehmen, die 2006 ihre Investitionen in Deutschland gesteigert haben, ist von rund 32 Prozent im Jahr 2005 auf etwa 56 Prozent gestiegen. Die Zahl der Beschäftigten, die hier zu Lande bei einem amerikanischen Unternehmen angestellt sind, beträgt zurzeit rund 800.000 - Tendenz steigend.

Besonders bemerkenswert aber scheint den Autoren der Studie der festgestellte Imagegewinn des Standortes. "Die Daten für sich sind schon eindrucksvoll", sagt Martin Koehler, Geschäftsführer von Boston Consulting. "Für die Beurteilung der Zukunftsperspektiven ist aber die Stimmung viel entscheidender. Und in dieser Hinsicht hat ein substantieller Wechsel stattgefunden, ein 'emotionaler Turnaround' sozusagen".

Fast alle Kennzahlen positiv

Tatsächlich weisen nahezu alle Kennzahlen einen positiven Trend auf: 53 Prozent der befragten Manager gaben an, dass sich die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Deutschland leicht beziehungsweise stark verbessert habe. In den Vergleichsjahren zuvor waren es lediglich 36 beziehungsweise 22 Prozent. Entsprechend zuversichtlich fallen die Zukunftspläne aus: 80 Prozent erwarten in diesem Jahr Umsatzzuwächse, 57 Prozent (Vorjahr: 44 Prozent) wollen ihre Investitionen erhöhen und 40 Prozent (31 Prozent) die Zahl der Beschäftigten.

Angesiedelt seien in Deutschland speziell Vertriebszentralen und Marketingabteilungen, erklärte Koehler. Das sei zum einen auf den großen Absatzmarkt mit 80 Millionen Konsumenten zurückzuführen, zum anderen auf die günstige Lage Deutschlands mitten in Europa und auf die gute Infrastruktur. Die Studie zeige aber auch, dass US-Unternehmen wieder mehr in Deutschland produzierten, fügte Koehler hinzu. Bei der Fertigung komplexer Bauelemente seien einige US-Firmen aus Osteuropa wieder in die Bundesrepublik zurückgekehrt.

Deutschland liegt zwar als Standort für Firmenzentralen in Europa an der Spitze. Osteuropa bleibe allerdings mit Abstand die Nummer eins bei Investitionen. Vor allem bei Produktionsstätten hätten Länder wie Rumänien und Tschechien wegen geringerer Lohnkosten oft die Nase vorn, hieß es. "Die deutsche Arbeitsgesetzgebung ist das Sorgenkind der US-Investoren", betonte Irwin. Die AmCham plädierte für mehr Flexibilisierung etwa beim Kündigungsschutz. Dies sei wichtig, damit die Firmen besser auf kurzfristige Nachfragespitzen reagierten könnten.

Mangel an Ingenieuren

Unter all den positiven Daten machen die Experten allerdings auch einen alarmierenden Trend aus: den wachsenden Mangel an Ingenieuren. Auf dieses Problem sei auch die sinkende Bereitschaft der US-Konzerne zurückzuführen, Forschung- und Entwicklungsabteilungen in Deutschland anzusiedeln. Hinzu komme, dass in Ländern wie Indien und China - aber auch in Rumänien und Tschechien - inzwischen eine neue Generation bestens ausgebildeter Informatiker und Ingenieure bereitstehe, die vergleichbare Leistungen zu einem Bruchteil der Kosten in Deutschland anböten. "Osteuropa ist längst nicht mehr allein die verlängerte Werkbank, sondern auch als Standort für Forschung und Entwicklung attraktiv", sagte Koehler.

Ein wenig ist es aber auch die in Deutschland ausgeprägte Mentalität der Führungskräfte, die den US-Investoren zu schaffen macht. Sie loben zwar die gute Ausbildung des Personals, vor allem die der Ingenieure. Doch wichtiger als typisch deutsche Tugenden wie Zuverlässigkeit und Genauigkeit seien für die Unternehmen Engagement, Eigeninitiative, Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Hier erhielten die Mitarbeiter nur mittelmäßige Noten. Auch fehle den hiesigen Managern aus Investorensicht der Mut zum Risiko und eine bessere Selbstvermarktung. "Wir brauchen die deutsche Sorgfalt, aber insgesamt sollten deutsche Führungskräfte lernen, sich noch besser zu verkaufen", mahnte AmCham-Präsident Irwin.

Deutschland müsse aufpassen, auf diesem Feld nicht den Anschluss zu verlieren, ergänzte Koehler. Im Zeitalter der Globalisierung seien es nämlich nicht nur Finanzströme und Märkte, die schnell ihre Richtung ändern könnten. "Die Unternehmen sind inzwischen sehr beweglich geworden - und sie investieren dort, wo sie die besten Arbeitskräfte finden."



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jesue, 12.04.2005
1. deutsche Manager nicht die fähigsten
Bedenkt man das fast alle westeuropäischen Länder mit den gleichen Problemen wie hohe Löhne, Steuern, Sozialabgaben zu kämpfen haben. Diese länder aber ein höheres Wirtschaftswachstum vezeichnen.zweifele ich sehr stark an die Fähigkeiten unserer frühkapitalistisch orientierten Manager und Politiker. Es gibt Ausnahmen wie z.b. Trigema.
DK81, 12.04.2005
2.
solange wir ProKopf-Export-Meister sind, kann man kaum davon ausgehen, dass wir zu teuer produzieren... Schließlich muss ja auch irgendwer unseren Export importieren. Und der scheint es sich immer noch leisten zu können...
DJ Doena 12.04.2005
3.
---Zitat von DK81--- solange wir ProKopf-Export-Meister sind, kann man kaum davon ausgehen, dass wir zu teuer produzieren... Schließlich muss ja auch irgendwer unseren Export importieren. Und der scheint es sich immer noch leisten zu können... ---Zitatende--- So schön einfach diese Behauptung klingt, so lückenhaft ist sie doch. Wir ein PKW in Tchechien, der Motor in Polen hergestellt, die Lackierung in Ungarn durchgeführt und dann wird der Wagen hier in Deutschland noch mal mit dem Ledertuch poliert und aufs Schiff gefahren, dann gilt das bereits als deutscher Export.
KlausD, 12.04.2005
4. Nein....
...nur hat D die schlechtesten politiker und unternehmer. Diese herren machen unsere struktur kaputt und merken es noch nicht mal. Siehe Jobgipfel usw. Was hier abgeht in D ist ein witz und die ständigen diskussionen über den standort D kann man nicht mehr hören weil nur noch mehr oder weniger gelogen wird. zb die unternehmer beschweren sich das löhne immer weiter steigen - seit 1991 sind diese real um 2% gesunken ! Laut einer studie bezahlen deutsche unternehmen mit die wenigsten steuern in vergleichbaren ländern. Unser problem ist das jeder macht was er will siehe bahn, gas, strom, post usw. Danke
Andreas Heil, 12.04.2005
5. Bazar-Ökonomie ? - (Un)sinn !
---Zitat von DJ Doena--- So schön einfach diese Behauptung klingt, so lückenhaft ist sie doch. Wir ein PKW in Tchechien, der Motor in Polen hergestellt, die Lackierung in Ungarn durchgeführt und dann wird der Wagen hier in Deutschland noch mal mit dem Ledertuch poliert und aufs Schiff gefahren, dann gilt das bereits als deutscher Export. ---Zitatende--- Das Argument wird von Herrn Professor (Un)sinn und denen, die ihnen an den Lippen hängen, ebenso gern gebracht, wie es vollkommen falsch ist. Wenn es eine volkswirtschaftliche Entsprechung zum betriebswirtschaftlichen Begriff Gewinn gibt, dann ist es eindeutig unser gigantischer Leistungsbilanzüberschuß. Punkt. -> Wir arbeiten also insgesamt hochprofitabel. Wer was verkauft, kauft i.d.R. etwas ein und das kauft er dort ein, wo's für ihn am günstigsten ist - wenn er ein guter Verkäufer ist. Insofern zeigt der (beklagte) Vorgang (Export zieht Import nach sich) nur, dass Deutschland auf der Klaviatur der Globalisierung besonders gut zu spielen vermag. Weiterhin ist es natürlich völliger Unsinn, dass hier nur die PKWs poliert werden. Ganz im Gegenteil: Alle wesentlichen Leistungen werden hierzulande erbracht, geplant und entwickelt und trotz der "hohen" Kosten wird auch noch der weit überwiegende Teil sogar hier produziert, nämlich hochgradig automatisiert und wettbewerbsfähig. Und genau deswegen arbeiten heute auch doppelt so viele Menschen in unserer Automobilindustrie, als noch vor dreissig Jahren. Und wer älter als dreissig ist, der weiss auch, dass es früher dutzende von Automobilherstellern in ganz Europa gab. - Wo sind die denn heute bloss geblieben, wenn unsere so schlecht wäre ? Fehlt noch das (von heise.de geliehene) Fazit. In der Sprache der modernen Ökonomie formuliert, gilt der Grundsatz: *Wer die Wertschöpfungskette kontrolliert, kann sich den Profit aneignen.*
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