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Flugverkehr Umsonst nach Paris

Die Lufthansa will mit einem neuen Bonussystem gute Kunden umwerben.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Die Namen der Programme klingen nebulös. Doch was sich dahinter verbirgt, schafft nach Ansicht der Lufthansa die »Basis für eine echte und lohnende Partnerschaft«.

Die sogenannten Bonussysteme der Luftfahrtgesellschaften belohnen Kunden, die viel fliegen, mit Freiflugtickets, Kurzurlaub in gediegenen Hotels oder auch mit Opern- und Konzertkarten.

»Swissair Qualiflyer« etwa bietet treuen Passagieren der Schweizer Fluggesellschaft Freiflüge in alle Teile der Welt. Sie können auch schon mal Karten für den Wiener Opernball bekommen, eine Degustationsreise nach Bordeaux machen oder ein Wochenende zu zweit im Hotel Montreux Palace am Genfer See auf Kosten der Fluggesellschaft verbringen.

Mit ihrem Programm »Iberia plus« verspricht die spanische Gesellschaft ein Gratisticket für einen Inlandflug, wenn der Reisende mit Iberia nach Nordamerika fliegt. Wer zweimal in der Business Class nach Mexiko sitzt, darf umsonst nach Paris, Rom oder London reisen.

Die Idee der Vielfliegerprogramme stammt aus Amerika. Dort ködern die Fluggesellschaften ihre Kunden schon seit Jahren mit Gutschriften, die in Freiflüge oder andere Annehmlichkeiten eingetauscht werden können.

Die geschäftstüchtigen Amerikaner hatten auch die Deutschen in ihr Programm einbezogen. Rund 20 000 Bundesbürger erhielten beispielsweise bei American Airlines die dort üblichen Vergünstigungen.

Die US-Gesellschaften schrieben den Deutschen allerdings nur sehr diskret die Boni gut: Das Bonner Verkehrsministerium hat stets die Ansicht gepflegt, Bonussysteme verstießen gegen das Rabattgesetz und die Zugabeverordnung.

Seit kurzem werden jedoch die Vielfliegerprogramme der Fluggesellschaften auch hierzulande zugelassen. Im internationalen Luftverkehr, so argumentieren die Beamten, seien die nationalen Beschränkungen zu vernachlässigen.

Noch sind Swissair und Iberia die einzigen europäischen Gesellschaften, die ihre Programme offen anbieten. Doch das wird sich bald ändern. Neben KLM, Air France und SAS wird auch die Lufthansa demnächst ein attraktives Vielfliegerprogramm einführen. Lufthansa-Chef Jürgen Weber und Verkaufsvorstand Adrian von Dörnberg wollen vom Januar nächsten Jahres an gute Kunden mit »Miles and More« umwerben.

Vielflieger der Lufthansa können dann vor jedem Abflug die gebuchten Meilen registrieren lassen, indem sie ihre Kundenkarte vorlegen. Monat für Monat werden sie dann unterrichtet, wie hoch ihr Guthaben ist und wie viele Meilen sie noch sammeln müssen, bis sie Anspruch auf einen Freiflug haben.

Die Zahl der gutgebrachten Meilen wird allerdings nicht nur von der Streckenlänge abhängen. Flüge in der ersten Klasse zählen mehr als in der Economy. Auf Routen, die schlecht ausgelastet sind, soll es mehr Meilen als auf gut gebuchten Strecken geben.

Die Lufthansa möchte ihren Dauerkunden jedoch mehr bieten als Freiflüge. Kostenlose Mietwagen und Aufenthalte in Penta- und Kempinski-Hotels gehören ebenso zu den Belohnungen wie Reisen mit der Ferienfluggesellschaft Condor. Auch Luxusartikel sollen verschenkt werden. Die Lufthansa-Manager erhoffen sich von dem Prämiensystem nicht nur zusätzliche Nachfrage und eine engere Bindung ihrer vielreisenden Klientel, sondern auch einen besseren Einblick in die Reisegewohnheiten ihrer Kunden. So können sie leichter einen Service anbieten, der deren Wünschen entgegenkommt.

Reisebüros beobachten die neuen Programme der Fluggesellschaften mit Mißfallen. Sie befürchten, daß die Unternehmen, die für die Vielflieger sogar eigene Service-Büros einrichten, kaum noch auf ihre Vermittlerdienste angewiesen sind.

Auch die Firmen, die selbst Großkunden bei den Fluggesellschaften sind, können sich mit dem neuen Service nicht befreunden. Rabatte, so die weitverbreitete Meinung in den Chefetagen, gehörten dem Unternehmen, nicht dem Angestellten, der auf Firmenkosten fliegt. Das stehe, sinngemäß, auch im Bürgerlichen Gesetzbuch.

Überdies sorgen sich manche Chefs bereits, daß Mitarbeiter ihre Reisen zukünftig nur noch mit Blick auf ihr persönliches Meilenkonto planen könnten: Je weiter die Reise, desto näher rückt der Freiflug mit der Gattin.

Einige Firmen haben ihren Angestellten daher verboten, sich an Vielfliegerprogrammen zu beteiligen. Bewirken werden solche Verbote wenig: Die Fluggesellschaften führen die Meilenkonten ihrer Kunden auf Wunsch unter deren Privatadresse.

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