Umstrittene Einigung Telekom-Mitarbeiter fühlen sich von Gewerkschaft verraten

Vier Stunden mehr Arbeit und 6,5 Prozent weniger Lohn: Für 50.000 Telekom-Mitarbeiter ist dies das bittere Ergebnis nach sechs Wochen Streik. Die Gewerkschaft Ver.di kann ihre Niederlage nur mit Mühe kaschieren - an der Börse herrscht dagegen Hochstimmung.

Hamburg - Wenn Verhandlungen zu Ende gehen, dann steht der Sieger selten eindeutig fest. Das ist bei Koalitionsgesprächen so und erst recht bei Tarifrunden. Bei der Deutschen Telekom   hingegen war es heute anders: Den Streit mit der Gewerkschaft Ver.di hat der Konzern klar gewonnen - darin sind sich fast alle Beobachter einig. Trotzdem hat Ver.dis Große Tarifkommission dem Verhandlungsergebnis heute Nachmittag zugestimmt - eine Alternative hatte das Gremium schließlich nicht.

Während die Beschäftigten nun auf das schwache Ergebnis schimpfen, das ihre Arbeitnehmervertreter ausgehandelt haben, herrscht an der Börse helle Freude. Nach dem Streik steht die Telekom besser da denn je.

Vier Stunden mehr Arbeit und 6,5 Prozent weniger Lohn - das ist die bittere Pille, die Ver.di schlucken musste. Die neuen Bedingungen gelten für insgesamt 50.000 Mitarbeiter, die in eine Servicegesellschaft mit dem Namen T-Service ausgelagert werden. 500 bis 900 Millionen Euro wollte die Telekom pro Jahr einsparen - "und diesen Zielkorridor haben wir erreicht", sagt Thomas Sattelberger, der Verhandlungsführer des Konzerns. Analyst Jochen Reichert von SES Research: "Für die Telekom ist es nicht das schlechteste Verhandlungsergebnis. Die Standfestigkeit von Konzernchef René Obermann hat sich ausgezahlt."

Immerhin: In Detailfragen konnte Ver.di einiges erreichen. So will die Telekom die Gehaltsausfälle ihrer Mitarbeiter bis 2010 mit Ausgleichszahlungen kompensieren. Die Gewerkschaft hat außerdem für die kommenden regulären Tarifrunden harte Verhandlungen angekündigt. "Wir können davon ausgehen, dass sich die Gehälter insgesamt geradeaus entwickeln", sagt Ver.di-Verhandlungsführer Lothar Schröder.

Was jedoch nach 2010 ist, wenn es keine Ausgleichszahlungen mehr gibt, das wollen sich die Mitarbeiter lieber nicht vorstellen. Auch ein Verkauf der Servicegesellschaft ist nicht gänzlich vom Tisch. Ab 2010 könnte sich die Telekom von T-Service trennen, der Kündigungsschutz besteht noch zwei Jahre länger - so sieht es das 70 Seiten dicke Vertragswerk vor. Auch eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten musste Ver.di akzeptieren. "Der Samstag wird zu einem Kundentag", sagt Telekom-Personalvorstand Sattelberger.

Mehrere Wochen Streik - und dann so etwas? Für Ver.di dürfte es schwierig werden, die eigenen Anhänger von dem Verhandlungsergebnis zu überzeugen. Auch für die Gewerkschaften insgesamt bedeutet der heutige Tag eine Niederlage: Er hat gezeigt, dass die Arbeitnehmervertreter mittlerweile arg in der Defensive sind. Dicke Lohnerhöhungen oder kürzere Arbeitszeiten - an solche Forderungen wagt heute keiner mehr zu denken. Beim Telekom-Streik ging es für die Beschäftigten nur noch darum, das Schlimmste abzuwenden.

Am besten bringt das Ver.di-Mann Schröder selbst auf den Punkt: "Was wäre passiert, wenn wir uns nicht gewehrt hätten?", fragt er. "Dann wäre etwas ganz anderes herausgekommen. Die Telekom hatte mit einer Gehaltskürzung von zwölf Prozent gedroht." So gesehen ist ein Minus von sechs Prozent in der Tat das kleinere Übel.

Als Fotografen die beiden Verhandlungsführer heute zum Händeschütteln bitten, willigt Schröder nach kurzem Zögern ein. "Das können wir gerne machen." Doch sein Lächeln ist gequält, als er Sattelbergers Hand ergreift. Beide schauen aneinander vorbei in die Kameras.

Vielleicht steht Ver.di der schwierigste Part aber erst noch bevor. Denn nachdem die Große Tarifkommission der Gewerkschaft das Verhandlungsergebnis abgenickt hat, muss nun noch das Votum der Mitglieder abgewartet werden. Erst wenn sie das Paket absegnen, geht der längste und schärfste Konflikt in der Geschichte der Deutschen Telekom zu Ende.

Vermutlich werden die Beschäftigten mit Ja stimmen. Doch das Zähneknirschen wird laut sein. Gleich heute Mittag melden sich empörte Arbeitnehmer zu Wort. "Es ist kein Wunder, warum Ver.di immer mehr Mitglieder abhanden kommen", sagt einer. Was die Gewerkschaft ausgehandelt habe, sei lächerlich. "Wozu war der Streik nötig?"

Ein anderer Mitarbeiter lehnt vor allem die Verlängerung der Arbeitszeit ab. "Vor Jahren wurden uns Urlaubs- und Weihnachtsgeld genommen - und als Gegenleistung die Arbeitszeit verkürzt. Jetzt erhöht die Telekom die Arbeitszeit wieder, aber Urlaubs- und Weihnachtsgeld bleiben gestrichen." Das Verhandlungsergebnis sei "armselig".

Allerdings: Die Aufregung der Mitarbeiter ist nur die eine Seite. Auf der anderen steht der gebeutelte Konzern Telekom, bei dem kaum jemand daran zweifeln dürfte, dass eine Sanierung nötig ist. So gesehen kann man den heutigen Tag durchaus als Erfolg werten.

Analysten loben denn auch die Beharrlichkeit, mit der sich Konzernchef Obermann gegen die Gewerkschaft durchgesetzt hat. "Bei den Aktionären hat er durch den Streik an Ansehen gewonnen", sagt Reichert von SES Research. "Der Konzern ist nun besser aufgestellt." Das sieht offenbar auch die Börse so. Die Aktie der Telekom legte heute um bis zu zwei Prozent zu.

Gerettet ist der Konzern damit allerdings noch lange nicht. Kundenschwund und mangelnder Service werden dem Unternehmen auch nach dem Ende des Streiks zu schaffen machen. "Die Auslagerung der 50.000 ist nur eine Baustelle", sagt Analyst Reichert. Vor allem die Prozesse innerhalb des Konzerns müssten nun optimiert werden. "Es kann nicht sein, dass Kunden wochenlang auf einen Anschluss warten müssen."