Umstrittener Bedienzuschlag Massive Kritik zwingt Bahn in die Knie

Mehrere Minister, viele Kunden und sogar Kanzlerin Merkel hatten protestiert - mit Erfolg: Die Bahn streicht den geplanten Bedienzuschlag für Schalterkunden. Der Konzernvorstand kippte den Fahrkartenaufschlag in einem Krisentreffen.


Berlin - Der Protest hat offenbar gewirkt, denn der Bedienzuschlag ist gestrichen: "Die DB hat am heutigen Freitag entschieden, keinen Zuschlag für den personenbedienten Verkauf einzuführen", hieß es in einer Erklärung. Ursprünglich wollte die Bahn ab Dezember 2,50 Euro pro Strecke erheben, wenn ein Kunde seine Fahrkarte am Schalter und nicht im Internet oder am Automaten kauft. Alle Parteien, Gewerkschaften sowie Verbraucherverbände hatten die Pläne heftig kritisiert.Der Bahn-Vorstand war deshalb am Vormittag zu einer Krisensitzung zusammengekommen.

Schlange vor dem Reisezentrum: Bedienzuschlag ist gestrichen
DDP

Schlange vor dem Reisezentrum: Bedienzuschlag ist gestrichen

Wegen der Proteste war die Bahn bereits von ihren ursprünglichen Plänen abgerückt: Den Bedienzuschlag für Senioren mit Bahncard hatte das Unternehmen am Mittwoch zurückgenommen. Auch Menschen mit einem Behinderungsgrad von 50 Prozent sollten von der Gebühr befreit sein. Die Situation spitzte sich allerdings zu, nachdem bekannt wurde, dass die Extra-Gebühr pro Strecke und nicht pro Kaufvorgang erhoben werden sollte.

Der Druck auf die Bahn kam von ganz oben: Sogar die Kanzlerin Angela Merkel (CDU) soll sich eingemischt haben. Laut einem Zeitungsbericht teilte sie Bahnchef Hartmut Mehdorn in einem Telefonat "ihr Unbehagen über die Bedienzuschläge" mit. Noch ist die Bundesregierung 100-prozentiger Eigentümer der Bahn.

Neben Verkehrsminister Tiefensee (SPD) hatte auch Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) darauf gedrängt, den Bedienzuschlag abzuschaffen. Ein Blick auf die Tarifstrukturen anderer europäischer Länder wie Österreich, Schweiz und England zeige, dass keines dieser Länder einen Bedienzuschlag von seinen Kunden verlange, sagte der CSU-Politiker.

Der Vorschlag, den Bedienzuschlag entfernungsunabhängig mit 2,50 Euro zu veranschlagen, würde im Regionalverkehr zu erheblichen Preiserhöhungen führen. Seehofer wies zudem auf die Rechtsprechung im Bankenbereich hin. Der Bundesgerichtshof habe "Schaltergebühren" immer wieder als unzulässig erklärt. So seien die Pläne der Deutschen Bahn komplett abzulehnen. Die Überlegung, für bestimmte Personengruppen Ausnahmen vorzubereiten, löse die grundsätzlichen Mängel des Vorschlages in keiner Weise, betonte Seehofer.

Die Bahn wollte mit der Gebühren unter dem Strich Zusatzeinnahmen von 60 Millionen Euro erwirtschaften - die bleiben nun aus. "Das ist zwar viel Geld, angesichts eines Umsatzes von mehr als 30 Milliarden Euro ist ein Verzicht aber zu verschmerzen", sagte der Bahn-Insider aus dem Aufsichtsrat.

Allerdings seien die Personalkosten in den Reisezentren bereits auf mehr als 100 Millionen Euro gestiegen. "Allen ist klar, dass man da etwas tun muss." Eine Möglichkeit sei, anstelle eines Aufschlags für Schalterkunden einen Rabatt für Käufe im Internet und am Automaten einzuführen - dies werde aber womöglich erst 2009 umgesetzt.

Verärgert sei man im Konzern über die Haltung der Regierung und der Gewerkschaften. Auf der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch in London "haben die nicht einmal gehustet". Erst danach sei der Aufschrei gekommen - "das ist nicht in Ordnung".

cvk/dpa/ddp/AFP

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