Zur Ausgabe
Artikel 16 / 50

HEINKEL AG Umwege über Vaduz

aus DER SPIEGEL 40/1958

Als der renommierte Flugzeugkonstrukteur Professor Dr. Ernst Heinkel am 30. Januar dieses Jahres - sechs Tage nach seinem 70. Geburtstag - starb, hinterließ er seiner Witwe, Lisa Heinkel, und seinen Kindern eine beträchtliche Anzahl ungelöster Finanz- und Steuerprobleme, mit denen sich unlängst Aktionärsvertreter, Wirtschaftsprüfer und Anwälte auf der Hauptversammlung der Ernst Heinkel AG in Stuttgart-Zuffenhausen auseinandersetzen mußten.

Dem Industrieunternehmen, dessen Aktienmehrheit (75 Prozent) bis vor kurzem der Familie Heinkel gehörte, drohte nämlich seit Jahren der Zusammenbruch. Auf früheren Hauptversammlungen hatte der sangesfreudige Hauptaktionär Ernst Heinkel die gedämpfte Stimmung stets mit der Aufforderung überspielt: »Jetzt singen wir alle ein Lied.« Darauf pflegte der Professor eines der Volkslieder anzustimmen, die er in seiner Jugendzeit als Klempnersohn im schwäbischen Remstal gesungen hatte.

Auf der diesjährigen Hauptversammlung wurden keine Lieder gesungen. Vorstand und Aufsichtsrat zogen einen Schlußstrich unter die verfehlte Geschäftspolitik der letzten Jahre und inthronisierten einen neuen Großaktionär, den Eßlinger Elektromotoren-Fabrikanten Eberhard Bauer, 38, der sich in letzter Minute bereit fand, das Zuffenhausener Werk vor dem drohenden Konkurs zu bewahren.

Auf dieses Unternehmen, eine frühere Flugmotorenfabrik, hatte sich der Professor Ernst Heinkel 1949 zurückgezogen, nachdem er 1945 durch den Zusammenbruch des Dritten Reiches seine übrigen sechs Großbetriebe, darunter das Stammwerk in Rostock-Marienehe, und 27 Zweig- und Verlagerungsbetriebe eingebüßt hatte.

Schrieb Heinkel in seinen Memoiren: »Es wartete auf mich (nach 1945) der Jahre dauernde Weg durch jene schließlich an der Wirklichkeit scheiternde Entnazifizierung, der endlich 1949 für mich zu Ende war und mir als einziges mein Werk Zuffenhausen am 1. Februar 1950 zurückgab, nachdem es durch Treuhandschaft und leichtsinnige Beaufsichtigung durch den betreffenden Beamten im Finanzministerium fast zugrunde gerichtet war.«

Das Werk Zuffenhausen mußte überdies für die alten Schulden und Bankverplichtungen des ehemaligen Heinkelkonzerns aufkommen, die zwar durch einen Vergleich von 150 Millionen Reichsmark auf 2,25 Millionen Deutsche Mark zusammengestrichen worden waren, denen aber keine realisierbare Forderung der Ernst Heinkel AG gegenüberstand, nachdem der Bund es abgelehnt hatte, in die rund 300 Millionen Mark Verpflichtungen des liquidierten Deutschen Reiches gegenüber dem Rüstungsindustriellen Ernst Heinkel einzutreten.

Millionen aus Ägypten

Um sich nach der Weltkriegs-Rüstungshausse in die Friedensproduktion zu retten, nahm Heinkel neue Bankkredite auf; er verkaufte auch einen Teil des Zuffenhausener Werkgeländes für rund vier Millionen Mark, mit denen er dann den Start seiner vielfältigen Nachkriegsprojekte finanzierte.

Ein Stab von häufig wechselnden kaufmännischen Beratern ermunterte ihn zu gewagten Experimenten. So kaprizierte sich Heinkel beispielsweise eine Zeitlang auf die Herstellung von Ringspinnmaschinen. Dann laborierte er mit einem neuen Ackerschleppertyp, und schließlich versuchte er sein Glück mit dein Bau von Motorrollern, Mopeds und überdachten Kleinstfahrzeugen, den Heinkel-Kabinenrollern, die einen ähnlichen Fahrzeugtyp der Bayerischen Motoren-Werke AG (BMW), die »Isetta«, überrunden sollten.

Aufbrausend und starrköpfig zugleich versteifte sich der Professor ausgerechnet auf die Kabine. Er wollte sie nicht wieder vom Programm absetzen, obwohl sie der Firma steigende Verluste brachte. Nach Angaben des Wirtschaftsprüfers Dr. Treude, der die Bilanzen der Gesellschaft überprüfte, hat Heinkel an jedem der inzwischen produzierten 12 000 Kabinenroller 400 bis 450 Mark verloren. Die Firma lieferte das Fahrzeug auf Ernst Heinkels Anweisung wegen der scharfen Konkurrenz weit unter den Gestehungskosten an die Händler, die es dann für 2750 Mark weiterverkauften.

Trotz dieser selbstmörderischen Verluste konnte Heinkel aber die Isetta nicht verdrängen. BMW fixierte den Isetta-Preis zunächst auf 2750 Mark, dann auf 2490 Mark. Vergeblich bestürmte der Generaldirektor der Heinkel AG, Alfred Klein, die BMW-Geschäftsleitung, den scharfen Wettbewerb zum beiderseitigen Nutzen zu stoppen. Die BMW wollten mit dem Nachkömmling in der Fahrzeugbranche nicht kooperieren. Da die Ernst Heinkel AG auch im Moped-Geschäft Einbußen erlitt, stiegen die Betriebsverluste der Gesellschaft bis Ende 1957 schließlich auf rund sieben Millionen Mark an.

Obschon jedoch Heinkel das Zuffenhausener Werk unkaufmännisch regierte, bewies er bald auf einem anderen Gebiet, daß er sehr wohl kommerziell denken und handeln konnte. Wie andere Flugzeugkonstrukteure von Rang und Namen wollte auch Heinkel aus seinen Spezialkenntnissen neues Kapital schlagen, um damit gleich auf einen Schlag die Kriegsverluste ausgleichen zu können.

In Westdeutschland bot sich dazu allerdings keine Möglichkeit, da die Alliierten der deutschen Flugzeugindustrie durch striktes Entwicklungs- und Fertigungsverbot die Ikarusflügel gestutzt hatten. Dennoch fand Heinkel einen Weg, das alliierte Verbot zu umgehen.

Einer seiner vielen Berater, die er mit Provisionsversprechungen köderte, verschaffte ihm über die Schweizer Handelsniederlassung der Tito-Regierung »Jugo -Import« einen Kontakt zu hochgestellten jugoslawischen Funktionären. Sie trugen Heinkel an, für Titos Luftwaffe einen Hochleistungs-Düsenjäger zu entwerfen, der den russischen Düsenjägertyp MIG an Schubkraft übertreffen sollte.

Darauf holte Heinkel Experten seiner alten Konstrukteur- und Ingenieur-Elite zusammen, die er zunächst in Tarnstellungen - vorwiegend in der Schweiz - unterbrachte. Der Entwicklungsauftrag gedieh aber kaum über das Anfangsstadium hinaus. Nachdem Heinkel etwa eine Million Mark von den Jugoslawen kassiert hatte, quittierte der sehr sprunghaft reagierende Professor - wegen einer kleinen Verärgerung - den Dienst bei Tito.

Seine Vermittler hatten ihm inzwischen einen neuen Vertragspartner besorgt: die Republik Ägypten, der es ebenfalls nach einem Hochleistungs-Düsenjäger gelüstete. Im November 1953 schloß Heinkel insgeheim mit den Vertretern der ägyptischen Regierung in ihrer Bonner Botschaft einen Vertrag ab, in dem sich die Ägypter verpflichteten, Heinkel mit insgesamt 50 Millionen Mark zu honorieren, die in Raten - jeweils nach Vorlage der Entwicklungsergebnisse - gezahlt werden sollten.

Bevor jedoch der Professor den Auftrag übernahm, mußte eine Schwierigkeit aus dem Wege geräumt werden: Die Ernst Heinkel AG in Zuffenhausen durfte wegen des alliierten Verbots offiziell nicht als Kontrahent der Ägypter in Erscheinung treten. Heinkel gründete im Fürstentum Liechtenstein, dem Dorado der Steuerflüchtlinge und Defraudanten, die Firma

»Entwicklung, Konstruktion und Bau-GmbH« (Ekoba), unter deren Namen er dann das Ägyptengeschäft abwickelte.

Um Steuern zu sparen und gegenüber den westdeutschen Finanzbehörden als Devisenausländer* zu gelten, verlegte Heinkel samt dritter Ehefrau Lisa und Sohn Karl Ernst August formell seinen Wohnsitz nach Vaduz, wo er unterhalb des Fürstenschlosses am Raditsch-Weg die obere Etage eines Landhauses mietete, das dem Schloßverwalter Kaiser gehört.

Vorübergehend richtete Heinkel in Vaduz auch ein kleines Konstruktionsbüro ein, aber den größten Teil der Entwicklungsarbeiten erledigten seine 170 Flugzeug -Ingenieure und -Konstrukteure in Feldkirch (auf österreichischem Boden) sowie im westdeutschen Heinkel-Werk, wo zeitweise 30 Ägypter, darunter ein ägyptischer Vizeluftmarschall, den Fortgang der Arbeiten überwachten.

Pünktlich überwiesen die Ägypter auf das Vaduzer Sonderkonto ihre Ratenzahlungen, die Heinkel in Liechtenstein nur zu den dort üblichen niedrigen Tarifen zu versteuern brauchte. Nachdem er die dauernde Aufenthaltsgenehmigung für Liechtenstein erworben hatte - die Vorstufe der Einbürgerung -, begann er seine ägyptischen Einnahmen nach Westdeutschland zu transferieren und sie hier, ohne nochmaligen Steuerabzug, rentabel anzulegen.

Er zog außerhalb der inzwischen hochverschuldeten Zuffenhausener Aktiengesellschaft zwei neue Privatbetriebe auf:

- die Ernst Heinkel

Motorenbau GmbH in Karlsruhe und

- die Ernst Heinkel

Fahrzeugbau GmbH in Speyer,

in denen er keine Experimente anstellte, sondern sehr ökonomisch

wirtschaftete. Die Betriebe produzierten u.a. Ersatz- und Zubehörteile für den unlukrativen Kabinenroller und das ebenfalls wenig gefragte Heinkel-Moped. Die Zubringerunternehmen verdienten dabei recht gut, während die finanzschwache AG unter der wachsenden Schuldenlast immer siecher wurde.

Während aber der Professor noch erfolgreich dabei war, für sich und seine Familie außerhalb der hochverschuldeten Aktiengesellschaft neue industrielle Stützpunkte aufzubauen, versiegte plötzlich die ägyptische Geldquelle. Kurz vor

Ausbruch der Suezkrise anullierte die Regierung in Kairo den Düsenjäger-Auftrag. Nachdem Nasser Verbindung zum Kreml aufgenommen hatte, versorgten die Sowjets Ägypten mit MIG-Maschinen. Heinkel wurde nach Ablieferung eines unerprobten Prototyps mit einem Schlußhonorar abgefunden.

Immerhin hatte ihm das Ägyptengeschäft 16 Millionen Mark eingebracht, die er ohne erhebliche Steuerabzüge vorwiegend in seinen neuen Unternehmen investieren konnte. Unbehelligt war dieser Geldstrom auf dem Umweg über Vaduz in die Bundesrepublik geflossen, bis einer der Drahtzieher des Ägyptengeschäfts, der sich um seine Provision betrogen fühlte, den deutschen Finanzbehörden verpfiffen hatte, daß Heinkels Vaduzer Firma Ekoba nur eine Art Briefkastenfirma sei. Auch Heinkels Wohnsitzwechsel nach Vaduz sei ein Roßtäuschertrick, Heinkel sei immer Deviseninländer geblieben. Fahndungsbeamte überprüften darauf bei den Grenzübergangsstellen, wie oft Heinkel nach Liechtenstein ein- und ausgereist war.

Das Fazit dieser Ermittlungen war eine Bußgeldforderung*: Heinkel sollte seine Devisenvergehen mit 250 000 Mark sühnen, so entschied der frühere Bundesfinanzminister Schäffer. Doch Heinkel weigerte sich bis zum letzten Atemzug, auch als der Fiskus das Bußgeld um die Hälfte ermäßigte. Das Devisenverfahren wurde nach Heinkels Tod eingestellt.

Nicht verzichtet aber hatten die Finanzbehörden auf Steuernachforderungen, die damit begründet werden, daß Ernst Heinkel mit seiner Vaduzer Firma Gewinne erzielt habe, die eigentlich in der Bundesrepublik hätten versteuert werden müssen. Die Steuerforderungen richten sich gegen Heinkels Nachlaß, und die Familie bemüht sich deshalb, den Schein zu wahren, daß ihr Hauptwohnsitz nach wie vor Vaduz sei. Sogar auf der Todesanzeige war ausdrücklich vermerkt, daß Professor Heinkel sich »zur Zeit in Stuttgart« aufgehalten habe, als er verstarb.

Gleich nach Heinkels Tod begannen dann in der Familie schwere Erbauseinandersetzungen, da auch Heinkels Sohn aus zweiter (geschiedener) Ehe, Dr. Ernst Heinkel, 30, für sich und seine zwei Kinder Erbansprüche anmeldete. Lisa Heinkel reagierte mit einem Eingriff in die Geschäftsleitung der Zuffenhausener Heinkel AG, bei der Ernst Heinkel als Werbechef (mit 2000 Mark Monatsgehalt) angestellt war. Auf Betreiben der Witwe, die das Erbe nur mit ihrem eigenen Sohn Karl Ernst August, 19, teilen möchte, wurde Ernst Heinkel entlassen.

Doch schon bald mußte sich die ehemalige Hauptaktionärin selbst auf eine bescheidenere Position zurückziehen. Der Vorstand machte ihr klar, daß die Aktiengesellschaft nur zu retten sei, wenn sich ein neuer potenter Aktionär finde, der mehrere Millionen Mark Eigenkapital in die ausgeblutete Gesellschaft einbringe.

Die Kabinenrollerproduktion war zwar kurz vor Heinkels Tod eingestellt worden. Aber aus der Verlust-Ära resultieren noch etwa fünf Millionen Mark Lieferantenschulden. Außerdem hat die Firma noch 4,7 Millionen Mark Bankschulden.

Sagt Generaldirektor Klein: »Es war ein Wunder, daß wir den Betrieb solange aufrechterhalten konnten.« Im Konkursfall hätten die meisten Gläubiger viel Geld verloren; auf den Betriebsanlagen des Zuffenhausener Heinkel-Werkes lastet nämlich bereits seit Jahren eine Grundschuld von fünf Millionen Mark.*

Auf seiner beschwerlichen Suche nach einem neuen Aktionär konnte der Generaldirektor Alfred Klein endlich seinen Freund, den Eßlinger Fabrikanten Eberhard Bauer, für einen Sanierungsplan gewinnen, der dann auf der Hauptversammlung kürzlich mit Stimmenmehrheit angenommen wurde.

Zum Ausgleich der Bilanz werden die Kapitalverhältnisse neu geordnet. Die alten Aktien werden eingezogen, das bisherige Aktienkapital wird von 10 auf q1,8 Millionen Mark herabgesetzt. Neuaktionär Bauer verpflichtete sich aber, 2,2 Millionen Mark in die Gesellschaft einzubringen und damit das Grundkapital wieder auf vier Millionen zu erhöhen.

Durch diese Umstellung wird der Anteil der Familie Heinkel an der Ernst Heinkel AG von 75 auf 34 Prozent reduziert, während Neuaktionär Bauer sich mit 51 Prozent die absolute Majorität sicherte. Der Rest von 15 Prozent verbleibt den Kleinaktionären, die bisher mit 25 Prozent an der Ernst Heinkel AG beteiligt waren.

Lisa Heinkel, die mit solchen Transaktionen nicht vertraut ist - sie war vor ihrer Heirat Hausangestellte bei Professor Heinkel-, widersetzte sich der Sanierungsaktion mit äußerster Schärfe. Erst wenige Sturiden vor Beginn der Hauptversammlung ließ sie sich endlich davon überzeugen, daß sie im Konkursfall ihren gesamten Aktienbesitz verlieren würde. Sagt man in der Geschäftsleitung der Ernst Heinkel AG in Stuttgart-Zuffenhausen:

»Auch Frau Heinkel mußte sich endlich damit abfinden, daß der Professor in der Aktiengesellschaft sieben Millionen Mark verwirtschaftet hat.«

Heinkels nachgelassene neue Unternehmen dagegen florieren. Die Fahrzeugbau GmbH in Speyer nimmt sogar am westdeutschen Rüstungsgeschäft teil. Sie montiert im Lizenzbau Düsen-Trainermaschinen vom französischen Typ »Fouga Magister« für die Bundesluftwaffe.

* Devisenausländer ist jeder, der seinen Wohnsitz oder dauernden Aufenthalt außerhalb der Bundesrepublik hat. Der Devisenausländer unterliegt, im Gegensatz zum Deviseninländer, für den immer noch die besatzungsrechtlichen Vor-Schriften über die Devisenkontrolle gelten, nicht der Pflicht, seine Devisengeschäfte bei den Oberfinanz-Direktionen anzumelden, selbst dann nicht, wenn er deutscher Staatsangehöriger ist.

* Der Bundesfinanzminister und, von ihm ermächtigt, die Oberfinanzpräsidenten können bei Verstößen gegen die Bestimmungen der Devisenbewirtschaftung sogenannte Bußgelder verhängen.

* Es handelt sich um eine Sicherungshypothek der Württembergischen Bank.

Heinkel gest., Gattin: Volkslieder in der Aktionärsversammlung

Heinkel-Sanierer Bauer

Von den Gläubigern gerufen

Heinkel-Sohn Ernst mit Familie: Von der Stiefmutter entlassen

Zur Ausgabe
Artikel 16 / 50
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.