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Mitbestimmung Unabsehbarer Strudel

Mobilisierung der Basis in den Betrieben soll die Mitbestimmung vorantreiben. Bei einer Hamburger Tagung der Carl-Backhaus-Stiftung wurde das Recht auf Gruppenstreik propagiert.
aus DER SPIEGEL 16/1972

Auf der gedruckten Rednerliste stand noch der belgische Trotzkist Ernest Mandel, den Innenminister Genscher dann am Kommen hinderte. Aber auch ohne ihn ging es bei der Tagung »Menschenwürde im Betrieb« in der Hamburger Universität gefährlich links zu.

Jedenfalls nach der Meinung von Springers »Welt«, die schon vorab gewarnt hatte: Gemeint sei die »Auflösung« des marktwirtschaftlichen Systems »durch den Einbau von Sprengkörpern, die falsche Etiketten tragen«.

Tagungsleiter Fritz Vilmar dagegen, vor zwei Jahren wegen »eingeengter Möglichkeiten der freien Meinungsäußerung« (Vilmar) aus der Bildungsabteilung der IG Metall ausgeschieden und heute Lehrbeauftragter für Betriebssoziologie an der Gesamthochschule Kassel, hatte anderes im Sinn. Er wollte

* Möglichkeiten diskutieren, »unter kapitalistischen Produktionsbedingungen gleichwohl die industrielle Organisation demokratischer und humaner zu gestalten«, und

* beweisen, »daß die immer noch vorherrschend menschenunwürdige Fremdbestimmung und Monotonie in der industriellen Arbeitswelt ... keineswegs unabänderlich sind, sondern abgebaut werden können«. Theorien und Praktiken, die auf dieses Ziel gerichtet sind, wurden in Hamburg reichlich vorgetragen und diskutiert. Es ging um bessere Arbeitsbedingungen -- um »Job Enlargement« und »Job Rotation« beispielsweise, den Ausbruch aus endlos-monotonen Teilverrichtungen am Fließband. Es ging aber auch und vor allem um Konzepte der Mitbestimmung, die zwar nicht die Marktwirtschaft, wohl aber das herrschende System privateigener Verfügungsgewalt aufheben sollen.

Fritz Vilmar und seine Mitstreiter« darunter auch das IG-Metall-Vorstandsmitglied und SPD-MdB Hans Matthöfer, »streben eine Mobilisierung der Basis im Betrieb an« ("Welt"). Sie haben nichts gegen gesetzlich fixierte Formen der Mitbestimmung, auch nichts gegen Gewerkschaften, aber die aktive »Selbstbestimmung« (so ein Schlüsselbegriff der Hamburger Diskussion) am Arbeitsplatz und im Gesamtbetrieb ist nach ihrer Meinung für eine menschenwürdige Wirtschaftsverfassung entscheidend.

»Ohne Mitbestimmung am Arbeitsplatz«, meint Vilmar, »bleibt jede Mitbestimmungskonzeption ein Koloß auf tönernen Füßen.«

Ein Experiment in systemverändernder Mitbestinimung hatten die mehr als 300 Tagungs-Teilnehmer unmittelbar vor Augen: Ihr Gastgeber war, neben der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik, die »Carl-Backhaus-Stiftung für Demokratie in der Wirtschaft«, und die wiederum wird von einem Unternehmen getragen, das eines der radikalsten Modelle von Mitbestimmung praktiziert.

Unternehmer Carl Backhaus. 69, war Widerstandskämpfer im Hitlerreich. später Ostermarschierer und zeitweilig Mitglied der links-pazifistischen Deutschen Friedens-Union (DFU). Er hatte 1945 die Hamburger Mini-Firma John Friedrich Behrens erworben, die Heftklammern herstellte. Heute produziert Behrens, inzwischen nach Ahrensburg bei Hamburg übergesiedelt. neben Heftklammern auch Maschinen für deren Herstellung und Verarbeitung und macht 27 Millionen Mark Jahresumsatz.

Die Firma Behrens steht im Mehrheitsbesitz der Belegschaft: Neun Millionen Mark des Kapitals gehören 331 Behrens-Beschäftigten (Gesamtzahl: 460), nur noch eine Million dem freiwillig abgedankten Kapitalisten Carl Backhaus.

Überdies ist das Kapital »teilneutralisiert« (so Arnulf Geißler, Stiftung-Geschäftsführer), das heißt, es vermittelt nur noch wenige der klassischen Eigentumsrechte. Die Einlage ist auf drei Jahresgehälter pro Kopf begrenzt. Sie wird verzinst und beim Ausscheiden aus der Firma in Raten über mehrere Jahre ausgezahlt, aber nur zum ursprünglichen Wert. Kein Behrens-Gesellschafter, auch Backhaus nicht, ist am Wertzuwachs des Kapitals beteiligt. Er fließt, im Falle des Verkaufs, der Stiftung wieder zu.

Stiftungs-Chef Geißler: »Auf diese Weise verhindern wir, daß sich unter den Arbeitnehmern die Mentalität von Kleinkapitalisten stabilisiert.«

Mitbestimmung üben die Behrens-Beschäftigten in einem gewählten Beirat, in der Gesellschafterversammlung und im Betriebsrat aus, dessen Rechte weit über das hinausgehen, was selbst im neuen Betriebsverfassungsgesetz den Arbeitnehmern zugestanden wurde. So hat der Betriebsrat beispielsweise ein Veto bei allen Personalentscheidungen, das er nicht einmal zu begründen braucht.

Das Ahrensburger Modell ist eine pseudo-sozialistische Insel in der kapitalistisch verfaßten bundesdeutschen Wirtschaft, aber es hat die Marktstellung des Unternehmens keineswegs geschwächt. Der Umsatz hat sich seit 1960, dem Startjahr des Modells, fast verfünffacht: In der Bundesrepublik wurden 25 Prozent, in der Welt fünf Prozent Marktanteil erreicht.

»Zur Zeit«, so ein Bericht aus Ahrensburg, »ist die Carl-Backhaus-Stiftung damit beschäftigt, mehreren Unternehmen ganz verschiedener Größenordnung zu helfen, Mitbestimmung und Miteigentum nach dem Ahrensburger Vorbild zu verwirklichen.«

Von Diskutanten der Hamburger Tagung wurde allerdings bezweifelt, daß die Backhaus-Erfahrung auf Großunternehmen oder gar Großkonzerne übertragbar sei.

Das in Hamburg am nachdrücklichsten propagierte Modell von Gegenmacht im Betrieb war die »Selbstorganisation der Arbeitsgruppen« (so ein Diskussionsthema), mit der sich auch Vilmar im Rahmen eines Forschungsauftrags der Backhaus-Stiftung beschäftigt. Solidarisierung am Arbeitsplatz soll zu gemeinschaftlich vertretenen Forderungen führen, die dann von Gruppensprechern der Betriebshierarchie vorgetragen werden. Geht das Management darauf nicht ein, sind Teilstreiks einer oder mehrerer Arbeitsgruppen der nächste Schritt.

Unternehmer und Gewerkschaften sind sich darin einig, daß solche Basis-Demokratie das wohltemperierte Klavier der sozialen Partnerschaft arg verstimmen könnte. Werner Mühlbradt, ehemals Pressechef der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, prophezeite das »Chaos in der betrieblichen und sozialen Ordnung der Bundesrepublik«, wenn »die Organe der Mitbestimmung und die gewählten Betriebsräte in den unabsehbaren Strudel solcher Basiskonflikte« gerieten.

Otto Brenner, mächtiger Chef der IG Metall, ist der Meinung: »Alle diese Vorschläge, die darauf hinauslaufen, sogenannte Arbeitsgruppen und Arbeitsgruppensprecher in das Betriebsverfassungsgesetz mit einzubeziehen, sind in der Konsequenz gegen die Gewerkschaften gerichtet«

Die IG Metall. Vilmars früherer Arbeitgeber, zog den als Tagungs-Referenten bereits angekündigten Wirtschafts-Experten, Rudolf Kuda, denn auch in letzter Minute zurück.

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