Unechte Lebensmittel Politiker rügen "Verbraucherveräppelung"

Es steht drauf, aber gut zu erkennen ist es nicht: Politiker und Verbraucherschützer fordern eine deutlichere Kennzeichnung von Imitat-Lebensmitteln. Die Kundentäuschung sei ein "Skandal", Anbieter solcher Plagiate sollten öffentlich gemacht werden.


Hamburg - Neu sind die Probleme nicht, doch jetzt soll gehandelt werden: Politiker und Verbraucherschützer, aber auch Lebensmittelhersteller haben gefordert, Nahrungsimitate klar zu kennzeichnen. "Wir sind gegen jede Form des Manschens und Panschens", sagte der Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Franz-Josef Möllenberg, der "Passauer Neuen Presse". Notwendig seien Reinheitsgebote für Lebensmittel.

Käse in einem Supermarkt: "Totale Verbraucherveräppelung"
dpa

Käse in einem Supermarkt: "Totale Verbraucherveräppelung"

"Es ist ein Skandal, wenn versucht wird, Verbraucher zu täuschen und ihnen billige Ersatzstoffe unterzuschieben", sagte auch der SPD-Fraktionsvize im Bundestag, Ulrich Kelber, der "Passauer Neuen Presse". Die Namen derjenigen, die den Verbrauchern solche Produkte unterschieben, sollten veröffentlicht werden. Die Hersteller hielten sich zwar an Gesetze, wenn sie die Zutaten korrekt angäben, dennoch handele es sich um "totale Verbraucherveräppelung", sagte auch die CDU-Politikerin Klöckner dem "Tagesspiegel". Bei Imitaten müsse "draufstehen, dass es sich um Imitate handelt". Der Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure forderte eine Aufstockung des Personals. In Deutschland fehlten 1200 Kontrolleure.

SPIEGEL ONLINE hatte am Freitag eine Liste der Verbraucherzentrale Hamburg mit Produkten auch von Markenartikelherstellern veröffentlicht, in denen Lebensmittelimitate verwendet werden, die aber nicht eindeutig als solche zu erkennen sind. Dabei handelt es sich zum Beispiel um künstlichen Käse oder Schinken, Schokokekse ohne echte Schokolade, einen Meeresfrüchtecocktail ohne echte Garnelen oder Muscheln, oder Vanilleeis ohne Vanille. Zwar sind diese Ersatzprodukte nicht gesundheitsschädlich, der Verbraucher wird nach Ansicht der Verbraucherzentrale aber trotzdem betrogen.

Bauernpräsident Gerd Sonnleitner sieht den Grund für die zunehmende Verwendung gefälschter Lebensmittel vor allem im Preiskampf im Lebensmittelhandel. Die ständigen Preissenkungen führten auch zu "solchen Fehlentwicklungen, dass zunehmend Imitate bei der Lebensmittelherstellung angewendet werden", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Schummelkäse oder Schnitzel ohne Fleisch" seien "regelrecht Plagiate von qualitativ hervorragenden Lebensmitteln", die die Bauern mit hohem Aufwand und Glaubwürdigkeit erzeugten.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) hatte sich vor kurzem gegen die Verwendung von Schinken- und Käseimitaten ausgesprochen. Sie forderte eine freiwillige Selbstverpflichtung der Gastronomie, solche Produkte nicht mehr anzubieten und warnte die Wirtschaft vor einem Imageschaden. Mogelschinken besteht aus Stärkegel und kleinen Fleischstücken, Analogkäse aus Wasser, Pflanzenfett, Milcheiweiß, Stärke, Aromen und Farbstoffen. Beides ist in der Herstellung billiger als richtiger Käse und Schinken.

Von Seiten der Lebensmittelindustrie kommt allerdings Widerspruch gegen strengere Gesetze: Der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), Matthias Horst, hält das Kennzeichnungsrecht für ausreichend. "Die Regeln müssen nur praktiziert werden", sagte er im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Nicht immer sei eine falsche Auszeichnung aber Betrug, häufig geschehe dies einfach aus Unkenntnis. "Daneben gibt es sicher auch Dinge, die absolut inakzeptabel sind. Die müssen dann eben auch von den Behörden geahndet werden."

"Gucken Sie genau und häufiger hin"

Horst sieht aber auch beim Verbraucher eine Verantwortung: "Wenn man immer billiger essen will, dann kann man nicht erwarten, immer etwas ganz Besonderes zu bekommen." Die Preise gingen immer weiter runter, mancher Hersteller könne nur überleben, wenn er billigere Imitate anbiete. Außerdem empfiehlt dem Verbraucher sich genau zu informieren: "Gucken Sie genau und häufiger hin."

Der verbraucherpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Hans-Michael Goldmann, sagte der AP, die Bundesregierung habe "ihre Hausaufgaben nicht gemacht". Die Probleme seien seit langem bekannt, doch geschehen sei nichts.

Tatsächlich sammeln die Behörden seit langem eifrig die Beispiele für Schinkenimitate. So erhebt etwa das Bayerische Landesamt für Gesundheit seit 15 Jahren akribisch den durchschnittlichen Fleischgehalt, der nach ihren Zahlen seit 1993 von rund 82 Prozent auf teilweise unter 50 Prozent in den vergangenen Jahren gesunken ist. Spitzenreiter war ein Schinken aus dem Jahr 2007, der nur noch einen Fleischanteil von 38 Prozent aufwies. Akribisch notiert die Behörde auch: "Die Erzeugnisse weisen im Vergleich zu Schinken und Vorderschinken eine gummiartige, elastische Konsistenz auf. Sie unterscheiden sich aber nicht nur hinsichtlich ihres Aussehens, sondern auch hinsichtlich ihres Geruchs und Geschmacks deutlich von den Produkten, die sie ersetzen sollen."

sam/AP/dpa

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Silvia, 09.07.2009
1.
Tja, ob Gesetze etwas bringen, ist fraglich. Noch mehr solcher abstrusen Gesetze, die krumme Gurken und nicht DIN-genormte Bananen verbieten, brauchen wir jedenfalls nicht. Ich denke, es muss grundsätzlich etwas passieren, damit man vom reinen Profitstreben endlich weg kommt. Das ist auch ein Umdenkprozess bei der Bevölkerung, dass sie nicht alles gedankenlos in sich hineinstopft. Also, da bin ich mittlerweile empfindlicher geworden. Mais kaufe ich nur noch aus biologischem Anbau, seitdem sich Gen-Mais breit macht. Und nachdem ich einmal einen Film über die Machenschaften von Monsanto gesehen habe, bin ich geprickt. Oder diese ganze Bio-Piraterie und dieses merkwürdige Patentwesen, dass es Großkonzernen erlaubt, uraltes Menschheitswissen für sich zu beanspruchen und zu vermarkten wie es z. B. beim Neem-Samen (http://umweltinstitut.org/gentechnik/patentierung/erfolg-gegen-biopiraterie-europaisches-patentamt-widerruft-endgultig-patent-auf-neem-ol-204.html) durch die Firma Grace versucht wurde, sowas finde ich widerwärtig. Das sind für mich alles Gangster. Das gehört sich einfach nicht! Und sowas versuche ich, wenn es irgend geht, mit meiner kleinen, wahrscheinlich in der Masse unbedeutenden Kaufverweigerung zu demonstrieren. Aber mehr kann ich nicht tun.
ender, 09.07.2009
2.
Zitat von sysopSchon wieder klagen Verbraucherschützer über die Qualität der Lebensmittel in Deutschland. Mal ist nicht drin, was draufsteht, dann werden Billigerzeugnisse zu überteuerten Preisen angeboten. Was denken Sie - muss das Lebensmittelrecht verschärft werden?
Die Lebensmittel sind gut. Die Richter sind schlecht. Wenn jemand etwas anderes draufsteht als drinnen ist, dann ist das schwerer gewerbsmäßiger Betrug. Es sei denn es ist etwas besseres drinnen als draufsteht. Man braucht kein anderes Lebensmittelrecht, sondern Richter, die Betrug als Betrug bestrafen. Ohne Ausnahme. ender
the Poodle chews it, 09.07.2009
3.
Zitat von sysopSchon wieder klagen Verbraucherschützer über die Qualität der Lebensmittel in Deutschland. Mal ist nicht drin, was draufsteht, dann werden Billigerzeugnisse zu überteuerten Preisen angeboten. Was denken Sie - muss das Lebensmittelrecht verschärft werden?
Eine Verschärfung des Lebensmittelrechtes verbessert weder die Lebensmittel selbst noch die Interessen des Verbrauchers. Der einzige Effekt ist der, daß Händler, die nicht den großen Handelsketten angeschlossen sind, unter'm bürokratischen Aufwand Fehler machen und Marktverbot (http://www.abendblatt.de/hamburg/article1087061/Marktverbot-Kunden-kaempfen-fuer-Haendler.html) erhalten...
Gaztelupe, 10.07.2009
4.
Zitat von sysopSchon wieder klagen Verbraucherschützer über die Qualität der Lebensmittel in Deutschland. Mal ist nicht drin, was draufsteht, dann werden Billigerzeugnisse zu überteuerten Preisen angeboten. Was denken Sie - muss das Lebensmittelrecht verschärft werden?
Es wäre viel interessanter, würden sich die Ansprüche des Verbrauchers verschärfen.
inci 10.07.2009
5.
Zitat von sysopSchon wieder klagen Verbraucherschützer über die Qualität der Lebensmittel in Deutschland. Mal ist nicht drin, was draufsteht, dann werden Billigerzeugnisse zu überteuerten Preisen angeboten. Was denken Sie - muss das Lebensmittelrecht verschärft werden?
nein, muß es nicht. es würde schon ausreichend sein, wenn die verbraucher einfach mal auf die packung schauen, was sie da eigentlich kaufen. so steht z.b. seit jahrzehnten schon auf den verpackungen als zutat "formschinken", sogar in pizzerien steht das auf der speisekarte. auch der analogkäse ist beim einkauf zu erkennen. da steht nämlich milcherzeugnis drauf und nicht käse. wer zu dämlich ist, den unterschied zwischen milcherzeugnis und käse nicht kennt, dem ist sowieso kaum zu helfen. gleiches gilt für formschinken. das war in den 70ern schon ein "skandal". überhöhte preise haben allerdings mit dem lebensmittelrecht nun so viel zu tun, wie eine kuh mit dem tanzen. überhöhte preise wird es immer geben, das liegt am system. das ist kapitalismus. es liegt am verbraucher selbst, ob er sich produkte zu überhöhten preisen kauft. es gibt, neben billigerzeugnissen, auch eine ganze reihe anderer produkte, die zu überhöhten preisen angeboten und verkauft werden. kauft der kunde ein produkt nicht, wird es vom markt verschwinden. kauft er es doch, bleibt es dem markt erhalten. alternativ kann man aber auch den "armen" verbraucher auch gerne weiter vor sich selbst schützen, und gründet eine staatliche preisfindungskommission, die einheitspreise für alle produkte festlegt. und so wie die welt derzeit gestrickt ist, halte ich das durchaus nicht für unrealistisch.
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