AKTIONÄRE Unerhörte Forderung
Die Vorbereitungen an der Pfaffenwiese begannen schon im Morgengrauen. Uniformierte Truppen umzingelten das Gelände, der Werkschutz des Frankfurter Chemiekonzerns Hoechst war in stahlblauer Tracht angetreten.
Hessens schwerbewaffnete Polizei leistete Objektschutz für die Hoechster Jahrhunderthalle, die traditionelle Prunkstatt des Chemieunternehmens. Der ordentliche Verlauf der »ordentlichen Hauptversammlung« schien bestens gesichert.
Rund 2000 Kapitaleigner der Hoechst AG hatten sich am Dienstag vergangener Woche zum Jahrestreffen versammelt. In langen Schlangen wurden die Aktionäre durch Sperrgitter und Kontrollstellen gedrängt, zwischen Röntgengerät und Metalldetektor tüchtig gefilzt und betastet. Handschellen lagen für den Ernstfall bereit.
Höchste Wachsamkeit schien geboten. Unter die altvertrauten Couponschneider hatten sich knapp 200 Frankfurter Grüne eingereiht, allesamt ausgestattet mit kleinen gelben Karten, die sie als Aktionäre des Konzerns auswiesen. Und von den neuen Anteilseignern, das ahnte Hoechst-Chef Rolf Sammet schon vor langem, sei »allerhand zu befürchten«.
Doch zunächst blieb alles friedlich. Still guckten die Möchte-nicht-Kapitalisten dem Lichtspiel des Konzerns »Von Menschen und Medikamenten« zu, das davon handelte, wie Parasiten resistent werden und die Geschlechtskrankheiten weltweit zunehmen. Ohne Widerspruch nahmen sie zur Kenntnis, wie erfolgreich »wir bei Hoechst« an der Lösung dieser großen Aufgaben arbeiten.
Schweigend hörten die Grünen auch Konzernchef Sammet zu, der wortreich über die viel zu schlechte Wirtschaftslage und die viel zu hohen Strompreise lamentierte. Erfreuliches wußte der Chemiker nur über den neuen Großaktionär zu berichten, »unseren kuweitischen Partner«, dessen Vertreter Abdul Baqi Al-Nouri nun in den Aufsichtsrat zu wählen sei.
Friedfertig mischten sich die Aktionäre in ausgewaschenen Jeans unter das graue Tuch der meist betagten übrigen Anteilseigner. Sie verschmähten auch nicht die ausliegenden Lunchtüten, aßen wie die anderen Aktionäre grüne Äpfel und schwarzes Brot, lutschten Pfefferminzbonbons.
Die Fronten waren dennoch deutlich abgesteckt. »Die Hoechst AG ist der größte Umweltverschmutzer im Rhein-Main-Gebiet«, so schrieben die Umweltschützer in einen Antrag. Der Vorstand habe »Schuld bei der Verseuchung von Wasser und Luft sowie bei der Vernichtung der Wälder«.
Um ihre Thesen zu belegen, meldeten sich die Grünen ganz ordentlich zur Gegenrede an, allen voran die Frankfurter Stadtverordneten Walter Oswalt und Manfred Zieran. Vorstand und Aufsichtsrat gaben dem Begehren statt. Und dann wurde es lebhaft in der Jahrhunderthalle.
Eifrig liefen 15 Opponenten in Turnschuhen zum Rednerpult. Hitzig kritisierten sie die »arrogante Umweltpolitik« des Konzerns, die »gnadenlose Ausbeutung« der Natur, plädierten sie für den bedrohten Eisvogel, für Wiedehopf und Neuntöter. Auf dem farngesäumten Podium hörten 33 Männer und eine Frau mit unbewegten Mienen zu.
Die Anklagen waren für Unternehmensführung und Aktionäre nicht neu. Sie hätten sie auch leicht ertragen - wäre da nicht noch eine unerhörte Forderung gewesen: Die Jung-Aktionäre Jörg Goldberg, Gerd Kallenbach und Manfred Zieran verlangten, auf die gewohnte Dividende zu verzichten und den »gesamten Bilanzgewinn für Zwecke des Umweltschutzes« zu verwenden.
Das war für hartgesottene Kapitalisten zu viel. Das habe es ja noch nie gegeben, schimpfte Anlagenberater Heinz Saerberg und zeigte den Antragstellern mit dem Finger einen Vogel. »Daß Aktionäre keine Dividende haben wollen«, so der Berufsspekulant, »das ist viel schlimmer als saurer Regen. Das würde ein Aktionärssterben verursachen.«
»Das ist Gewalt gegen uns normale Aktionäre«, assistierte Kurt Fiebich, Aktionärssprecher und notorischer HV-Nörgler, unter dem brausenden Beifall der kapitalkräftigen Mehrheit: »Ein fürchterlicher Blödsinn.«
Er sei selbst Umweltschützer, behauptete Fiebich, würde nicht rauchen, oftmals mit dem Rade fahren. Aber die da, die Grünen, das seien »Pharisäer und Heuchler«. Welche Berufe »unsere Opponenten« eigentlich ausübten, begehrte der bundesweit bekannte Couponschneider zu wissen, »ob sie überhaupt ihren Lebensunterhalt verdienen«. Die Antwort gab er sich gleich selbst: »Die leben über Bafög.«
Im Saal wurde es laut, die Stimmung hitzig. Als der grüne Delegierte Oswalt seinen Monolog partout nicht verkürzen wollte, stürzte sich einer der Altaktionäre auf den Neuling, Fäuste flogen, Oswalt ging zu Boden. Die blauen Männer _(Nach der Rückkehr von der Polizeiwache; ) _(Oswalt versuchte vergeblich, wieder in ) _(die Hauptversammlung zu kommen. )
vom Werkschutz griffen kräftig zu, die grünen von der Polizei eilten mit Handschellen herbei. Das Opfer Oswalt wurde gefesselt auf die nächste Wache geschleppt. Das Kapital hatte seine Muskeln spielen lassen.
Dann wurde nach gutem demokratischem Brauch über den Fortgang der Veranstaltung abgestimmt. Das Votum offenbarte die Verteilung von Macht und Ohnmacht im Saal: 34 291 343 Kapital-Anteile stimmten für ein Ende der Debatte, 5282 dagegen. Ruhe und Ordnung waren wiederhergestellt.
Gelassen verkündete Chemiechef Sammet jetzt in stundenlanger Rede die Hoechster Wahrheit. Die Behauptungen der Grünen seien allesamt falsch. Den sauren Regen hätte es schon immer gegeben, die Forstschäden beruhten auf »ungeklärten Ursachen«, Maßnahmen dagegen seien folglich »falsche Maßnahmen«.
In keinem Fall hätten im übrigen die Beweise für angebliche Umweltvergehen zu einer Klage vor Gericht gereicht. Das sei auch kaum verwunderlich. Die Belästigung der Umwelt durch Lärm nämlich sei gering, bei Hoechst gebe es »weniger Unfälle« als anderswo, die Belastung von Stadtluft und Main-Wasser ist, laut Sammet, »deutlich verringert«.
Im Untermain, direkt vor Kanälen und Gullys, hat der Hoechst-Chef sogar ein Fischgewimmel geortet: »17 verschiedene Fischarten« gäbe es dort schon wieder, nur über deren »Eßbarkeit«, so Sammet, könne er nichts sagen.
Den Grünen war der Appetit vergangen. Still, wie sie gekommen waren, trollten sich die neuen Aktionäre.
Nach der Rückkehr von der Polizeiwache; Oswalt versuchte vergeblich,wieder in die Hauptversammlung zu kommen.